• Evolution des Komforts.

  • Evolution des Komforts.

    • 18. March 2015
    • Autonomes Fahren
    • Fotos: Daimler
    • Text: Wolfgang Pauser

    Fahren oder Gefahrenwerden? Von der Motorkutsche bis zum F 015 zieht sich diese Frage durch das Interieur. Technische Innovationen, gesellschaftlicher Wandel und emotionale Bedürfnisse geben die Antwort.

    Kinder träumen davon, eines Tages auf dem Fahrersitz Platz nehmen zu dürfen. Väter träumen davon, selbst chauffiert zu werden. Man kann feststellen: Im traditionellen Auto ist jeder Sitz kulturell wie sozial besetzt. Vater und Mutter vorn, Kind und Oma hinten: Autofahren gleicht einer Familienaufstellung auf Rädern. Sitzen findet auf Positionen statt.

    „ Nicht nur ein technischer Revolutionär, sondern auch ein Sozial-Revoluzzer. “

    Ursache für die symbolische Aufladung der Sitzpositionen sind technisch bedingte Asymmetrien. Zwei Spiegelungsachsen trennen Fahrer- und Beifahrerseite, vordere und hintere Sitzreihe. Dies verführt zur Projektion kultureller Stereotypen: So wird jede Sitzposition zur sozialen Positionierung.

    Das Forschungsfahrzeug F 015 ermöglicht eine ganz andere zwischenmenschliche Situation: Wenn niemand lenkt, die Sitze drehbar sind und die mediale Ausstattung dem Ausblick Konkurrenz macht, sind die starren Achsen des herkömmlichen Fahrzeugs außer Kraft gesetzt und es entsteht eine annähernd symmetrische Struktur im Innenraum. Für die Demonstration von Hierarchien ist dies nun nicht mehr ein geeigneter Ort. So betrachtet, ist der F 015 nicht nur ein technischer Revolutionär, sondern auch ein Sozial-Revoluzzer – wenngleich nur im Wageninneren. Von außen ist ihm sein egalisierendes Innenleben nicht anzusehen.

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    Außen Luxus, innen Komfort – damit entspricht der F 015 Graf Keyserlings Gedanken, die er im Jahre 1905 in seiner „Psychologie des Komforts“ formuliert hat. Luxus ordnet Keyserling dem Außenverhältnis zu – der Öffentlichkeit, dem Sichzeigen, dem Wettkampf um Glücksgüter. Komfort hingegen meint die Qualitäten eines inneren Naheverhältnisses, „einer geschaffenen privaten Umgebung, die ganz für mich Partei ergreift. Dazu vermenschlichen wir die Dinge, sodass sie uns beistehen, trösten und wie der eigene Körper für uns da sind.“
    Der Mensch will sich von seinen Mitmenschen sowohl distanzieren als auch mit ihnen vereint sein. Diese Ambivalenz durchzieht auch die Geschichte des Fahrgastraums. So ungewohnt uns die Vision des F 015 erscheint, in einer Limousine mit dem Rücken zur Fahrtrichtung zu sitzen, so lange reicht diese Sitte zurück: Schon in den 1890er Jahren saßen mitunter die Passagiere dem Fahrer gegenüber, wie etwa bei der Motorkutsche Riemenwagen von 1895. Direkt an die Tradition der geschlossenen Pferdekutsche schloss das Design des ersten Motor-Omnibus an. Doch erst mit der Reiselimousine Emil Jellineks (dessen Tochter Mercedes namensgebend für das Automobil war) rollte 1904 der Prototyp der späteren S-Klasse auf die Straße – ein äußerst luxuriöses Gefährt, das auch schon erste Elemente für den Komfort der Reisenden vorweisen konnte. Zwar gab es noch keine Heizung, aber immerhin waren die Sitze wie Sofas gepolstert – angesichts des Straßenzustands der Belle Epoque eine nicht unerhebliche Verbesserung.

    Ob man lieber beim Lenkrad oder rechts hinten sitzt, hat keine soziale Bedeutung mehr.

    Im Simplex Touring musste der Fahrer noch bei Wind und Wetter draußen sitzen. Seine Befehle erhielt er durch ein gebogenes Hörrohr zugebrüllt. In diesem Arrangement lebte die Tradition des Kutschenzeitalters fort, die bis in die Feudalherrschaft zurückreicht. Der Kutscher hatte zu funktionieren – wie das Pferd oder später die Maschine. Das Fahrzeug der Zukunft kehrt in gewisser Weise zur ältesten Idee eines komfortablen Reisens zurück, ohne dafür Kutscher und Pferde zu benötigen.

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    Die Geschichte der Reiselimousine beginnt mit dem räumlichen Ausschluss des Fahrers und endet mit seiner gänzlichen Abschaffung im selbstfahrenden Automobil. Zwischen diesen Eckpunkten entrollt sich ein Jahrhundert der Entfeudalisierung, Verbürgerlichung, Industrialisierung und Demokratisierung – auch in der Fahrzeuggestaltung. Schritt für Schritt zieht der Chauffeur in den Innenraum um. Wird nicht mehr räumlich getrennt durch einen Holzverschlag, sondern nur noch durch eine Glasscheibe. In der luxuriösen Limousine der 1960er Jahre konnte diese Trennscheibe elektrifiziert werden. Nun hob und senkte sie sich diskret und elegant auf Knopfdruck. Die sozialen Unterschiede zwischen Herr und Chauffeur brauchten nicht länger distanzschaffend visualisiert werden. Vielmehr konnte Privatsphäre geschaffen werden, wenn sie gewünscht war. Damit wandelte sich das Glas von einem Element des demonstrativen Luxus zu einem des privaten Komforts.

    Großer Mercedes 770 (W07), 1938

    Bevor gesellschaftlicher Wandel sich in neuen kulturellen Konventionen artikuliert, kann es lange dauern. Bis diese dann wiederum Karosseriebau und Design steuern, vergeht noch einmal Zeit. Beispielhaft zeigt das der Sitzbezug einiger Varianten des Großen Mercedes 600: Die Fahrgäste saßen auf Velours, der Chauffeur auf Leder. Diese aus heutiger Sicht verkehrte Wertung basierte auf der Tradition, dass nur der Fahrgastraum überdacht war und der Chauffeur im Regen saß. Erst in den 1990er Jahren verschwand Velours aus dem Sortiment und damit die letzte Spur des gefahrenen Wohnzimmers, der Kutsche. Nun kehrt 20 Jahre später dank Automatisierung das wohnliche Auto wieder.

    Inszenierung von sozialer Distanz

    Als die industrielle Herstellung das Auto von einem Luxusgut der Eliten in eine demokratisch verteilte Massenware verwandelte, entwickelte sich das Gefahrenwerden zum Selbstfahren. Wer sich immer noch fahren ließ, bediente sich bewusst prestigeträchtiger, aristokratischer Gebaren. Dabei wandelte sich die fußfreie Hinterbank vom Komfort- zum Luxusgut. Aus Vornehmheit verzichtete man im Pullman auf das Vergnügen, selbst sein Fahrzeug zu steuern. Schließlich ist Selbststeuerung der zentrale Wert jedes bürgerlichen Selbstverständnisses und Lebensentwurfs. In der Autodemokratie der 1950er Jahre trat der Familienvater in die Fußstapfen der Kaiser und Staatenlenker, wurde als Kunde König und am Lenker Patriarch. Die unterprivilegierte Position des Chauffeurs mutierte zur höchstrangigen des Steuermanns. Dieser politische Kontext beflügelte die neue Begeisterung für das Lenken, die jedoch technisch erst möglich wurde, als die Motoren für sportliches Fahren, die Armaturen für leichte Bedienung und das Interieur für eine geschützte und angenehme Befindlichkeit taugten. Das Bild vom Fahrzeuginneren prägten nun nicht mehr soziale, sondern familiäre Hierarchien. Dazu gehört auch der zähe aber siegreiche Kampf der Frau um den Volant.

    Direktiven mittels Knopfdruck...

    Ab den 1980er Jahren erfuhr die Hinterbank der Luxuslimousinen eine kulturelle Umcodierung: Nicht länger galt sie als Ort aristokratischer Arbeitsverweigerung, im Gegenteil wurde sie für die neue Leitfigur des Managers zum Ausweis für Fleiß, Tüchtigkeit und Erfolg. Der Wagenfond wurde Büro, auf dem Rücksitz wurde permanent gearbeitet. Das erst legitimierte überhaupt den teuren Wagen in den Augen der Gesellschaft.

    ... dank mechanischem Signalsystem

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    Auf dem Umweg über das rollende Büro kehrte 2007 auch die Umkehrung des Beifahrersitzes wieder: In der F 700 Studie kann die Sekretärin vis-à-vis des Chefs, mit dem Rücken zur Fahrtrichtung Platz nehmen. Damit folgt der Standes-, Familien- und Tüchtigkeitshierarchie die Arbeitsplatzhierarchie auf dem Fuß.

    Das Interieur des F 015 unterscheidet sich von seinen Vorgängern darin, dass es keine Verwendungen vorgibt. Man kann es nach spontanem Belieben als Büro, Besprechungsraum, Spielsalon oder als Wohnzimmer für die Familie nutzen. Soziale Hierarchien gleich welcher Art haben im homogenen Innenraum keine Anhaltspunkte mehr. Die neue Technologie hat Sitzposition und Positionierung entkoppelt. Ob man lieber beim Lenkrad oder rechts hinten sitzt, hat keine soziale Bedeutung mehr. Mit seinem egalisierenden Interieur zeigt sich der F 015 nicht nur als Vorreiter der Technik, sondern auch als mobile Plattform eines Miteinanders auf Augenhöhe.

    Mercedes-Benz Forschungsfahrzeug F 700, 2007

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