• Hände weg vom Steuer.

  • Hände weg vom Steuer.

    • 27. May 2015
    • Autonomes Fahren
    • Fotos: Daimler
    • Text: Patrick Solberg

    Daimlers US-Tochter Freightliner testet „Inspiration Truck“ auf öffentlichen Straßen, damit Trucks ab 2025 autonom fahrend auf den Highways unterwegs sind.

    Der US-Truck-Markt für Nutzfahrzeuge ist hart umkämpft. Logistik-Unternehmen wie Swift Transportation, Schneider und J.B. Hunt agieren mit genauem Kalkül und überprüfen alle Fakten. Notfalls mit eigenen Messungen. Die oberste Maxime ist Wirtschaftlichkeit und Effizienz. „Unsere Kunden sind unsere Inspiration“, diktiert Martin Daum seinen Mitarbeitern ins Lastenheft. Die Umsetzung dieser Leitlinie steht nur wenige Meter von ihm entfernt und trägt den Namen „Freightliner Inspiration Truck“. Das innovative Nutzfahrzeug soll binnen zehn Jahren den Güter-Transport revolutionieren, indem es autonom auf den Highways von Ort zu Ort fährt.

    Das innovative Nutzfahrzeug soll binnen zehn Jahren den Güter-Transport revolutionieren

    Die ersten Schritte zum autonomen Lkw-Fahren unternahm Daimler bereits vor einem Jahr, als der Mercedes-Benz Future Truck 2025 auf einem abgesperrten Autobahn-Teilstück in Deutschland eine Probefahrt souverän absolvierte. Auch den darauffolgenden Dauerlauf über 16.000 Kilometer auf einer abgesperrten Strecke stellte das System vor keine Probleme. Jetzt hat der US-Bundesstaat Nevada grünes Licht für die Fahrten auf öffentlichen Highways gegeben.

    MIT SCHICK ZUR SERIENREIFE

    Schmale Scheinwerfer mit blauen LED-Bändern, die sich auch in den Seiten der Frontschürze und dem Kühlergrill wiederfinden, unterscheiden den Inspiration Truck auf den ersten Blick von dem Freightliner Cascadia, der die Basis für den Prototypen bildet. Zwei dieser schicken Versuchsträger sollen ab jetzt auf öffentlichen Straßen Nordamerikas autonom fahren und helfen, diese Technologie bis zur Serienreife zu verbessern. Dafür sind die beiden Fahrzeuge vollgepackt mit moderner Technik. „Wir verwenden eine seriennahe Sensorik“, erklärt Sven Ennerst, Leiter weltweite Entwicklung Daimler Trucks.

    Die „Highway Pilot“ genannte Technik besteht aus zwei Radarsensoren, die sich in der Frontschürze des Fahrzeugs befinden: Einer Stereo-Kamera und einer Reihe von Assistenzsystemen, wie dem adaptiven Tempomaten (Adaptive Cruise Control), den Notbremsassistenten (Active Brake Assist) und den Spurhalte-Assistenten (Active Lane keeping assist).

    Die beiden Radarsensoren haben unterschiedliche Aufgaben: Der Fernbereichssensor ist für das vorausschauende Fahren verantwortlich und tastet die Straße bis zu einer Entfernung 250 Metern mit einem Winkel von 18 Grad ab. Der zweite Radarsensor sendet seine Signale in einem Winkel von 130 Grad aus und hat eine Reichweite von 70 Metern. Aufgrund des breiten Blickfeldes können einscherende Autos frühzeitig erkannt und der Fahrstil angepasst werden. Gleiches gilt für den Fernbereichssensor, der vorausfahrenden Verkehr registriert und gegebenenfalls die Geschwindigkeit reduziert, während die Kamera mit einer Reichweite von 100 Metern sich an den Fahrbahn-Markierungen orientiert und so den Inspiration Truck in der Spur hält. Einzelne dieser Komponenten haben schon viele tausend Kilometer in Serienfahrzeugen absolviert.

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    IN DER STADT STEUERT DER FAHRER

    Das Zusammenspiel zwischen diesen einzelnen Systemen wird von einer hochentwickelten Software gesteuert, die den Highway Pilot befähigt, das Kommando über das Fahrzeug zu übernehmen. Alles läuft ähnlich, wie bei den autonom fahrenden Mercedes-Benz-Pkws ab. „Wir arbeiten mit den Kollegen eng zusammen“, sagt Sven Ennerst. Die Entwicklung der autonom fahrenden Lkws zielt aber ganz gezielt auf einen Einsatz auf Bundesstraßen und Autobahnen ab. In der Stadt und auf der Autobahnzufahrt muss nach wie vor der Fahrer den Truck steuern. Doch kaum hat das rund 26 Meter lange Gefährt den US-Highway 15 nahe Las Vegas erreicht, meldet das System auch sofort per Anzeige im digitalen Kombiinstrument Einsatzbereitschaft.

    Per Knopfdruck aktiviert Mark Alvick den Auto-Piloten und legt die Hände gemütlich in den Schoß. Auf die Frage, wie es sich angefühlt habe, als er zum ersten Mal die Technik aktivierte, antwortet der Testfahrer: „Genauso wie ich das Fahrradfahren gelernt habe und mein Vater mich zum ersten Mal nicht festhielt.“ Die technischen Helferlein beherrschen das tonnenschwere Gefährt so souverän, wie ein Trucker-Veteran, der schon etliche tausend Kilometer auf den Highways abgespult hat.

    GLEICHMÄSSIGES GLEITEN SPART SPRIT Der 505 PS starke Inspiration Truck nimmt jede Kurve geschmeidig und ohne irgendwelche hektischen oder abrupten Lenkbewegungen. Auch die anderen Autofahrer, die den Prototypen-Truck links und rechts überholen und vor ihm wieder einscheren, bringen das System nicht aus der Ruhe. Wenn der Abstand zu einem anderen Gefährt zu gering wird, tritt der Highway Pilot sachte auf die Bremse und hält dabei seine Spur. Überholvorgänge übernimmt die Technik nicht, beim autonomen Fahren der Trucks geht es um das gleichmäßige Dahingleiten. Das reduziert den Spritverbrauch um rund fünf Prozent und erhöht die Sicherheit.

    Andere Autofahrer, die links und rechts überholen, bringen das System nicht aus der Ruhe.

    Sobald der Highway-Pilot aufgrund schlechter Sichtverhältnisse oder fehlender Fahrbahn-Markierungen seinen Dienst nicht mehr ordnungsgemäß erfüllen kann, fordert er den Fahrer mit einem Schriftzug im Kombiinstrument auf, wieder das Kommando über den Truck zu übernehmen und initiiert einen Countdown. Reagiert der Trucker nicht, werden die letzten fünf Sekunden mit einem deutlich vernehmbaren Biepen heruntergezählt. Falls dann immer noch keine Aktion des Menschen erfolgt, reduziert das System sukzessive die Geschwindigkeit des Trucks und bringt ihn schließlich zum Stehen.

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    Doch auch dabei reagiert der Highway-Pilot nicht nach Schema F: Sobald die Verhältnisse es wieder zulassen, übernimmt er automatisch wieder das Steuer und setzt die Fahrt fort. Wie Mark Alvick die Zukunft des autonomen Fahrens einschätzt, illustriert er mit einer weiteren Metapher aus seiner Kindheit: „Haben Sie jemals einen Menschen erlebt, der sich die Stützräder wieder an das Fahrrad geschraubt hat, nachdem er Fahrradfahren konnte?“

    HIGHWAY PILOT BEUGT ERMÜDUNG VOR

    Bis der Highway-Pilot in Serie geht, werden die einzelnen Technologien nach und nach eingeführt. In den nächsten Jahren, wird der Stau-Assistent die Kapitäne der Landstraße entlasten. Entscheidender Akteur bleibt der Fahrer. Er kann, während die Technik den Truck steuert, andere Aufgaben absolvieren, aber auch jederzeit den Highway Pilot deaktivieren und selbst das Steuer in die Hand nehmen. „Studien haben gezeigt, dass die Fahrer in einem autonom fahrenden Truck nicht so schnell ermüden“, verdeutlicht Sven Ennerst. Auch die Unternehmen profitieren von dem wachen Lenker, der so die Zeit hinter dem Lenkrad besser nutzen kann. Das autonome Fahren wird die Zukunft der Logistikbranche verändern. Denn Trucks sind und bleiben das wichtigste Transport-Mittel in den USA. Rund 70 Prozent aller Güter werden auf der Straße transportiert. Bis zum Jahr 2050 soll sich der Straßengüter-Transport sogar verdreifachen.

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    WEISSES LEDER UND HOLZ-OPTIK

    Das Design der Fahrerkabine im Inspiration Truck gleicht einer edlen Lounge: Die Sitze sind ebenso mit feinem weißen Leder überzogen, wie Teile des Armaturenbretts und das gemütliche Sofa im hinteren Bereich des Lkw-Führerhauses. Der Boden wirkt wie auf einer Nobel-Yacht: Holz-Optik statt Teppich. Die Türgriffe sind genauso, wie die Rahmen der Kamera-Monitore, die an den A-Säulen hängen aus Aluminium. Zentrales Bedienelement im Cockpit des Trucks ist ein herausnehmbares Tablet.

    In den Außenspiegeln und am Auto befinden sich Zusatzkameras, die dem Fahrer eine Rundumsicht garantieren. Das Bild wird auf die Monitore übertragen, die sich an den A-Säulen befinden. Aufgrund der Kameras sind die Außenspiegel kleiner als bei aktuellen Lkws. Der Inspiration Truck begeistert auch Dr. Wolfgang Bernhard, im Vorstand zuständig für Daimler Trucks: „Ich bin stolz auf diese außerordentliche Leistung des Teams von Daimler Trucks.“ Auch in Deutschland wird man bald erste autonom fahrende Prototypen auf öffentlichen Straße testen. „Die entsprechenden Vorbereitungen dafür laufen“, sagt Dr. Bernhard. Die Zukunft der autonom fahrenden Trucks ist bereits vorgezeichnet. Sobald das System reibungslos funktioniert, soll es auch in anderen Ländern außerhalb der USA eingeführt werden.

    Ein Fond, geräumig wie ein Besprechungsraum.

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