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  • In der Lounge durch die Stadt.

  • In der Lounge durch die Stadt.

    • 04.08.2016
    • Autonomes Fahren
    • Fotos: Daimler
    • Text: Walther Wuttke

    Weltpremiere in Amsterdam: Daimler präsentiert seinen Mercedes-Benz Future Bus. Entspannend für die Passagiere, autonom fahrend und mit Internet an Bord.

    Der Stadtbus der Zukunft, so sehen ihn die Designer bei Daimler, soll die Passagiere schon wegen seines angenehmen Ambientes zum Busfahren animieren. Bisher strahlen die Linienbusse so viel Charme aus wie der amtlich-sachliche Begriff „Öffentlicher Personennahverkehr“ vermuten lässt: Statt Komfort erfährt der transportierte Mensch eher Effizienz und freut sich meist schon vor dem Einsteigen auf das Ende seiner Tour. Beim Mercedes Benz-Future Bus soll das Fahrerlebnis ganz anders ausfallen. „Wir wollen erreichen, dass es nicht mehr heißt, die Bürger sollen Bus fahren, sondern, dass die Menschen Bus fahren wollen“, erklärt Mathias Lenz, Chefdesigner Busse bei Daimler.

    „ Wir wollen erreichen, dass es nicht mehr heißt, die Bürger sollen Bus fahren, sondern, dass die Menschen Bus fahren wollen. “

    Mathias Lenz, Chefdesigner Busse bei Daimler

    Spektakuläre Weltpremiere in Amsterdam

    Wie sich dieser semantische Unterschied in ein innovatives Konzept überführen lässt, zeigte Daimler Buses in einer spektakulären, technologischen Weltpremiere im Juli 2016 in den Niederlanden. Dabei fuhr der erste Stadtbus der Zukunft auf der längsten BRT-Strecke (BRT = Bus Rapid Transit) Europas in Amsterdam.  Gleichzeitig demonstrierte der Future Bus auf der Teststrecke, wie innovative Design-Lösungen ein vollkommen neues Fahrerlebnis erzeugen können. Mit dem Fahrzeug knüpfen die Kreativen an den vor rund 20 Jahren vorgestellten Citaro an, der damals das Thema Design in diesen Bereich einführte, sich seitdem zu einem globalen Bestseller entwickelt hat und als Basis des Prototyps dient.

    Schon bei der Anfahrt zum Haltepunkt der Teststrecke zeigt der Technologieträger seine neue selbstbewusste Frontpartie, bei der die Lichtleisten neben dem zentralen Mercedes-Stern auf den ersten Blick klar machen, in welchem Modus der Bus unterwegs ist: Weiß steht dabei für manuelle Steuerung, Blau für autonom. Das Panel im Bereich über dem Fahrerplatz demonstriert zudem den Themenwechsel zum autonomen Fahren, bei dem der Chauffeur „nur“ noch als Kontrolleur auftritt aber jederzeit eingreifen kann, wenn es die Situation erfordert. Außenspiegel sucht der aufmerksame Passagier vergebens, stattdessen blickt der Bus über „Mirrorcams“ zurück.

    Großzügiges Ambiente für weniger Gedrängel

    Um das Ein- und Aussteigen zu erleichtern, spendierten die Designer dem „Future Bus“ zwei mittig angeordnete, doppeltbreite Türen, bei denen an der Außenwand sichtbare Leuchtbänder – rot für Ausstieg, grün für Einstieg – lästiges Gedrängel vermeiden sollen. Erinnert die Außenhaut des Future Bus mit den großen Glasflächen noch an den Citaro, so steht der Innenraum für ein vollkommen neues Konzept. Mit so viel Stil und in einem derartigen Ambiente sind die Passagiere eines Stadtbusses noch nie transportiert worden. „Wir wollten einen offenen Raum schaffen, in dem man sich wie in einem Park fühlen kann“, erklärt Lenz das Design-Konzept.

    Direkt nach dem Einsteigen entwerten die Kunden die Fahrscheine an einem elektronischen Ticketsystem und entlasten so den Fahrer, der in diesem Konzept von den Pflichten des Fahrscheinverkaufs und Kontrolleurs befreit sein wird.

    Einmal im Bus dürfen sich die Passagiere ihren Bedürfnissen entsprechend platzieren. Wer nur kurz verweilen will, bleibt in der Mitte, wo Haltestangen sich Bäumen gleich verzweigen und bis zur Decke wachsen. Dieser sogenannte Express-Bereich ist für Nutzer gedacht, die nur eine oder zwei Stationen unterwegs sind und wenig Zeit im Bus verbringen. Wie alle Passagiere können sie dank Vernetzung jederzeit auf das Internet zugreifen. „Der Future Bus“, so Lenz, „ist ein rollender Hotspot“.

    „ Der Future Bus ist ein rollender Hotspot. “

    Mathias Lenz, Chefdesigner Busse bei Daimler

    Weniger Stress durch innovatives Design

    Die Designsprache des Studienfahrzeugs wurde dem Ort seiner Präsentation angepasst. So erklärt sich der zerkratzt wirkende Boden, der an die vereisten Amsterdamer Grachten im Winter erinnern soll. Im Express-Bereich befinden sich auch zwei 43 Zoll messende Monitore, auf denen die Fahrgäste über die Strecke  informiert werden können. Wie in der Frontpartie informiert eine Lichtleiste über den Fahrzustand des Busses.

    Das Lichtdesign –die Deckenbeleuchtung erinnert an ein Blätterdach und führt das Thema Parkanlage weiter – lässt eine angenehme Atmosphäre entstehen. Diese kann helfen bei dem einen oder anderen Passagier den Stress abzubauen. „Wir haben unser Lichtkonzept bewusst als Gestaltungselement eingesetzt“, erklärt Lenz.

    Hochwertige Sitzschalen für mehr Komfort

    Im Heck befindet sich der Bereich für Reisende, die länger unterwegs sind. In der sogenannten Lounge ist nichts mehr wie ein einem durchschnittlichen Stadtbus. Die Kunden sitzen sich gegenüber in Sitzschalen, die ein wenig an die Sessel des Designers Charles Eames erinnern und deutlich breiter ausgeführt sind als herkömmliche Sitze. Das Design passt zu den wertigen Materialien, die von der Mannschaft um Mathias Lenz ausgewählt wurde. Ob sie auch Vandalismus verhindern, ist ungewiss. Auf jeden Fall schaffen sie ein Umfeld, das wenig an die üblichen Busse erinnert. „Wir wollten“, so Lenz, „ganz bewusst eine hochwertige Möblierung schaffen“.

     

     

    In der sogenannten Lounge ist nichts mehr wie ein einem durchschnittlichen Stadtbus.

     

     

     

    Autonomes Fahren ermöglicht zwischenmenschliche Kommunikation

    Vorne neben dem Fahrer befindet sich nach den Vorstellungen der Designer der dritte Bereich. „Wir haben uns im Jahr 2012 gefragt, wie der Bus der Zukunft aussehen kann, und da wurde uns schnell klar, dass dabei autonomes Fahren ein wichtiges Thema sein würde“, erklärt Lenz die Entstehungsgeschichte des Future Bus. Dank des autonomen Fahrens kann der Fahrer nun auch mehr auf die Passagiere im vorderen Service-Bereich eingehen. Das Schild „Nicht mit dem Fahrer sprechen“, gehört dann der Vergangenheit an. In der Zukunft kommt an dieser Stelle wieder die analoge zwischenmenschliche Kommunikation ins Spiel.

    Auf der rund 20 km langen Strecke in Amsterdam jedenfalls absolviert der Mercedes-Benz Future Bus erfolgreich seine erste autonome Fahrt im Stadtverkehr. Auf einem Teilstück der längsten Expressbus-Linie Europas fährt das Fahrzeug bis zu 70 km/h, hält zentimetergenau an Haltestellen und Ampeln, fährt automatisch an, durchquert Tunnel, bremst für Hindernisse sowie Fußgänger auf der Fahrbahn und kommuniziert mit Signalanlagen. Daimler Buses ist der weltweit erste Hersteller, der einen Stadtbus im realen Verkehrsgeschehen automatisiert fahren lässt.

    Prometheus: Forschung mit Weitsicht

    Technische Pionierleistungen haben bei Daimler Tradition – vor allem, wenn es darum geht, die automobile Sicherheit zu optimieren. Angefangen von innovativen Bremssystemen in den 1920er Jahren bis zur ABS-Bremse sowie dem Antischleuderprogramm ESP und von der Erfindung der sicheren Fahrgastzelle (vulgo Knautschzone) bis zum elektronischen Assistenzsystem Pre Safe – der Erfinder des Automobils stand bei Innovationen stets an der Spitze.

    Autonomes Fahren im Alltagstest

    Aktuell ist Daimler der einzige Hersteller weltweit, der das Thema „autonomes Fahren“ bei Personenwagen, Trucks und Bussen im Alltag testet und wie bei der aktuellen E-Klasse bereits teilweise in die Serie gebracht hat. In Amsterdam zeigten die Entwickler jetzt einen autonom fahrenden Stadtbus, der dank seiner innovativen Technik und Design den öffentlichen Personennahverkehr in den kommenden Jahren vollkommen neu definieren wird. Wenige Wochen zuvor rollte ein Truck-Konvoy autonom von Stuttgart nach Rotterdam, um zu zeigen, wie sich mittels Platooning die Umwelt- und Sicherheitsbilanz der Nutzfahrzeuge deutlich verbessern lässt. Aktuell zeigt die E-Klasse, wie teilautonomes Fahren schon heute den Fahrer entlasten kann.

    Die Entwicklung des autonomen Fahrens beginnt bei Mercedes-Benz bereits im Jahr 1986. Damals rief die Europäische Gemeinschaft Heureka! und startete eine gleichnamige Forschungsinitiative, zu deren wichtigsten Element das von Daimler-Benz auf den Weg gebrachte Projekt Prometheus gehörte, was für „Programme for European Traffic with highest Efficiency and Unprecedented Safety“ stand. Prometheus hatte, so die griechische Mythenwelt, die Menschheit erschaffen, ihr das Feuer und noch einige andere intelligente Assistenzsysteme für das weitere Überleben geschenkt und wurde somit seinem Namen „der Vorausdenkende“ gerecht, was ihm übrigens im Olymp nicht nur Freunde machte.

    Fokus auf Sicherheit und Umweltverträglichkeit

    An dem Forschungsprogramm waren auf Betreiben von Daimler-Benz alle namhaften europäischen Hersteller und Zulieferer sowie zahlreiche wissenschaftliche Institute beteiligt. Den Unternehmen und Einrichtungen ging es vor allem um die Frage, wie die Verkehrssicherheit trotz einer ständig wachsenden Zahl an Fahrzeugen auf der Straße verbessert werden könnte. 1984 kamen in Deutschland 10.199 Menschen im Straßenverkehr ums Leben. Gleichzeitig wollte man herausfinden, wie der Verkehrsfluss optimiert werden konnte, ohne die Umwelt mit neuen Straßen zu belasten, obwohl die Zahl der zugelassenen Fahrzeuge ständig weiter stieg und 1984 in Deutschland rund 30 Millionen erreicht hatte.

    Angesichts dieser komplexen Fragen waren sich die Verantwortlichen schnell darüber klar, „dass es nur eine Lösung für die steigenden Verkehrsprobleme geben konnte. Wir mussten neue Technologien – vor allem Mikroelektronik, Sensorik, Telekommunikation und Informationsverarbeitung – möglichst umfassend in den Straßenverkehr integrieren“, erklärte Walter Ziegler, damals Prometheus-Projektleiter im Forschungsinstitut Mercedes-Benz. Bereits in den 1970er Jahren waren die ersten elektronischen Elemente in das Automobil integriert worden, doch in den 1980er kommen die Elektronik-Spezialisten im größeren Maßstab ins Spiel.

    Vorrausschauende Technologie

    Die 1994 schließlich vorgestellten Lösungen sind von einer bestechenden Aktualität. Unter anderem wurden der Öffentlichkeit Lösungen für die Überwachung des Fahrerzustands, Spurhalten, Kollisionsvermeidung, eine autonome und intelligente Tempo- und Abstandsregelung, ein automatischer Notruf sowie Lösungen für Flottenmanagement und Verkehrsinformationssysteme vorgestellt. Von den damals 27 präsentierten Funktionen gingen später 13 in Serie. Prometheus war in der Tat sehr vorausschauend und eine der erfolgreichsten europäischen Forschungsinitiativen überhaupt.

    Am schnellsten schaffte es der intelligente Tempomat in die Serie, der seit Mitte der 1990er Jahre (zuerst in der S-Klasse) als Distronic und Distronic plus zum Standard gehört. Außerdem haben technische Innovationen wie der Spurwechselassistent, die automatische Pre Safe Bremse oder die elektronische Einparkhilfe ihren Ursprung in diesem Forschungsprogramm und gehören heute bei Daimler zum Lieferumfang.

    1000 Kilometer teilautomatisiert rund um Paris

    Als Teil des Prometheus-Projekts entstanden in enger Zusammenarbeit mit Professor Ernst Dickmanns von der Münchner Bundeswehrhochschule besonders spektakuläre Testfahrzeuge, die zum ersten Mal autonom auch lange Strecken bewältigen konnten. Ein entsprechend ausgerüsteter Mercedes-Benz 500 SEL legte 1994 rund 1000 Kilometer rund um Paris zurück. Die Limousine hielt dabei die Spur bis zu 130 km/h, rollte mit gleichbleibendem Abstand hinter einem vorausfahrenden Fahrzeug und vermochte nach dem Setzen des Blinkers einen eigenständigen Spurwechsel zu vollenden.

    Klingt vertraut und nach der aktuellen E-Klasse. Die damalige Leistung wird noch bedeutender angesichts der im Vergleich zu heute äußerst bescheidenen Rechnerleistungen der Mikroprozessoren. Eine weitere Testfahrt führte von München nach Kopenhagen. Mercedes-Benz war damals der einzige Automobilhersteller, der das autonome Fahren beherrschte.

    Ein Rechner erkennt den Straßenverlauf

    Die Technologie für diese damals spektakulären Fahrten nannte sich Vita und stand für „Vision Technology Application“. Dieser Autopilot beherrschte die Bremsen, das Gaspedal und die Lenkung. Beim Testfahrzeug kamen kleine Videokameras hinter Front- und Heckscheibe zum Einsatz, die den Bordcomputer mit allen wichtigen Informationen rund um das Fahrzeug versorgten. Zum ersten Mal erkannte ein Rechner den Straßenverlauf und ermittelte, ob sich das Testfahrzeug auf Kollisionskurs befand. Als technische Premiere bewies das Prometheus-Teilprojekt, dass eine automatische Kollisionsverhinderung möglich war. Allerdings hatte die Technik ihren (hohen) Preis, was eine Serienfertigung für lange Zeit verhinderte.

    Inzwischen vertraut autonomes Fahren vor allem auf Radarsensoren. Dabei war das autonome Fahren eher ein Nebenprodukt der eigentlichen Aufgabenstellung: „Die automatische Kollisionsverhinderung ist bei diesem Prometheus-Teilprojekt das eigentliche Ziel. Keinesfalls wollten wir durch Vita den Fahrer ersetzen“, erklärte damals Berthold Ulmer aus der Fahrzeugforschung bei Daimler-Benz. Vielmehr ging es darum nachzuweisen, dass man mit der Methode des Rechnersehens Unfälle vermeiden kann.

    Koexistenz der Antriebssysteme

    Für die Zukunft geforscht wird bei Daimler seit jeher, und daher wird weiter an Innovationen geforscht, um die Verkehrssicherheit zu steigern und die Umweltbelastung zu minimieren. Ein wichtiger Bestandteil ist dabei die Entwicklung entsprechender Antriebssysteme. „Dabei setzt Daimler für die Mobilität der Zukunft bewusst nicht auf eine solitäre Antriebsform, sondern auf eine Koexistenz unterschiedlicher Technologien, die jeweils optimal auf die Kundenbedürfnisse und Fahrzeugtypen zugeschnitten sind“, skizziert Forschungs- und Entwicklungsvorstand Prof. Thomas Weber die Aufgaben der Zukunft.

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