• Unterwegs mit dem Auto von morgen.

  • Unterwegs mit dem Auto von morgen.

    • 4. May 2015
    • Autonomes Fahren
    • Fotos: Daimler
    • Text: Patrick Solberg

    Mit der Windschutzscheibe im Rücken unterwegs im autonom fahrenden Forschungsfahrzeug F 015 Luxury in Motion. Ein Fahrbericht vom Golden Gate in Kalifornien.

    Die Straßen von San Francisco haben schon einiges erlebt. Karl Malden und Michael Douglas kämpften auf ihnen in den 70ern gegen Verbrecher und Steve McQueen zelebrierte auf dem Hügelkurs an der Bay als Bullit die spektakulärste Verfolgungsjagd der Filmgeschichte. Heute geht es zugegeben beschaulicher aber nicht weniger spannend zu. Als das Forschungsfahrzeug Mercedes F 015 Luxury in Motion von der Columbus Avenue abbiegt oder die Market Street im Herzen von San Francisco überquert, verrenken sich Anwohner, Passanten und Horden von Frühlingstouristen die Köpfe. Sie zücken ihre Mobiltelefone, Kameras und vergessen beinahe die herannahenden Cable Cars. Keine Filmaufnahme für einen neuen Hollywood-Streifen und kein Spontankonzert einer It-Band – der visionäre F 015 zieht auf den Straßen der Westküstenmetropole seine Bahnen und die Zufallszuschauer rasten genauso aus wie bei seinem ersten offiziellen Auftritt Anfang 2015 auf der Consumer Electronic Show in Las Vegas.

    „ Das Auto wird zum mobilen Lebensraum. “

    DIETER ZETSCHE

    Vor knapp zwei Jahren legte eine vollautonom fahrende Mercedes S-Klasse die legendäre Bertha-Benz-Route von Mannheim nach Pforzheim zurück. Längst können Fahrzeuge jeglicher Klassen im Alltag automatisch ein- und ausparken, Abstand halten und im Stau der Kolonne folgen. „Wer nur an die Technik denkt, hat noch nicht erkannt, wie das autonome Fahren unsere Gesellschaft verändern wird. Das Auto wächst über seine Rolle als Transportmittel hinaus und wird endgültig zum mobilen Lebensraum“, sagt Daimler-Chef Dieter Zetsche.

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    GEHEIMNISVOLL SCHIMMERNDES RAUMSCHIFF

    Peter Lehmann ist bei Mercedes Herr über das Zukunftsmodell F 015 Luxury in Motion – 5,22 Meter lang, knapp drei Tonnen schwer und vollkommen ausgestattet, wie sich die Daimler-Verantwortlichen das automobile Übermorgen vorstellen. Lehmann drückt auf sein Smartphone und das geheimnisvoll schimmernde Raumschiff der Zukunft rollt aus dem Parkhaus lautlos heran. Die sich gegenläufig öffnenden Türen geben den Blick frei auf den großzügigen Innenraum mit Lounge-Atmosphäre: vier sesselartige Einzelsitze, warme Hölzer, griffweiches Leder und viel von dem Freiraum, der in heutigen Autos fehlt. „Der Radstand ist rund einen Meter länger als beim Maybach“, sagt Peter Lehmann und nimmt auf dem drehbaren Fahrersitz Platz, während sich die Türen lautlos schließen. Der Innenraum mutet auch beim zweiten Hinsehen wie ein Zukunftslabor an – hell, visionär, sehr schick. Aus heutiger Sicht erscheinen die Großdisplays gewöhnungsbedürftig. Die schmalen Fenster treten dagegen in den Hintergrund. Das Raumschiff rollt an. Erst langsam, dann flotter, ehe Peter Lehmann das autonome Fahrprogramm startet und sich nach hinten zu den Mitreisenden umdreht. Er tastet zielsicher auf dem Flachbildschirm seiner Türtafel, während der F 015 mit Tempo 60 Richtung Skyline von San Francisco rollt.

    DAS LAND DER GRENZENLOSEN INNOVATIONSBEREITSCHAFT

    In Europa mahlen die Mühlen hingegen langsamer als in den USA. Zwar sind auch auf Autobahnen in Deutschland zahlreiche Erprobungsfahrzeuge der Autohersteller längst autonom unterwegs; doch die rechtlichen Rahmenbedingungen machen es bisher schwer, große Fortschritte in die Serienmodelle zu bringen. Die USA treiben den Traum vom autonomen Fahren schneller voran. Das Netz von amerikanischen Highways und Interstates, einst als Abbild des deutschen Autobahnnetzes ersonnen, ist deutlich luftiger gespannt, als in Ländern wie Deutschland, Österreich oder den Niederlanden. Die Entfernungen sind größer, die Geschwindigkeiten kleiner und die Bereitschaft für Innovationen bisweilen grenzenlos. So haben sich mit Kalifornien, Nevada, Michigan und Florida einige Bundesstaten sehr schnell bereit erklärt, die rechtlichen Rahmenbedingungen für das autonome Fahren zu schaffen. In Flächenstaaten wie Oregon, Arizona, Colorado oder Texas gab es jedoch erst einmal die rote Karte. In vielen anderen Staaten wird gerade daran gearbeitet, das autonome Fahren unter entsprechenden Richtlinien zu erlauben.

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    LAUTLOS ARBEITET DER ANTRIEB

    Zurück nach Kalifornien: Wurde der Mercedes F 015 Luxury in Motion auf den turbulenten Straßen von San Francisco noch manuell gesteuert, so muss er auf dem still gelegten Navy-Stützpunkt Alameda auf der östlichen Seite der Bay zeigen, was er automatisch zu leisten im Stande ist. Fest steht für die Daimler-Entwickler, dass viele Strecken im Jahre 2030 vollautonom zurückgelegt werden können. „In 15 Jahren wird sich die Welt noch schneller als heute drehen“, schaut Mercedes-Designer Holger Hutzenlaub in die Zukunft. „Wir werden mehr unterwegs sein und die Zeit wird noch mehr als jetzt zu einem Luxusgut werden.“ Die gilt es effizienter denn je zu nutzen und hierbei soll dem Auto eine entscheidende Bedeutung zukommen.

    „ Zeit wird zu einem Luxusgut werden. “

    HOLGER HUTZENLAUB

    Im Hintergrund ist während der Fahrt nicht viel mehr als Fahrtwind und eine Vielzahl von Lüftern zu vernehmen. „Allein für die zahlreichen vernetzen Displays haben wir zehn Rechnereinheiten an Bord“, erklärt Peter Lehmann, „die gilt es zu kühlen.“ Warm ist es im Innern des F 015 trotz der überschaubaren 17 Grad draußen. Der Antrieb selbst arbeitet nahezu lautlos. „An sich ist für den Mercedes F 015 eine Brennstoffzelle vorgesehen. Aktuell treibt nur der Elektromotor mit einer Leistung von 200 kW / 272 PS die Hinterachse an. Wir können das Triebwerk jedoch problemlos mit einer solchen Brennstoffzelle kombinieren“, ergänzt Lehmann, während sich der F 015 wieder von der Skyline von San Francisco verabschiedet. 200 Kilometer kann der millionenschwere Forschungsträger allein mit seiner Batteriereichweite zurücklegen; weitere 900 Kilometer würde die imaginäre Brennstoffzelle ermöglichen, die auf 100 Kilometern 0,6 Kilogramm Wasserstoff verbraucht.

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    EFFIZIENT GENUTZTE FAHRZEIT

    Nicht nur Fußgänger und Passanten kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Den bis zu vier Insassen, die es sich in den Loungesesseln bequem gemacht haben, geht es nicht anders beim Erstkontakt mit der automobilen Zukunft, die sich wie eine entkoppelte Verkehrsinsel durch die Wirren des Alltags bewegt. Das Fahrtempo lässt sich über einen virtuellen Schieberegler in der Türtafel variieren, wobei sich die Macht über Tempo und Destination auch an jeden anderen Passagier auf den Einzelsitzen übergeben lässt. Die Bedienung der zahlreichen Fahrzeugfunktionen geschieht dabei nicht nur über Touchmodule, sondern auch Gestensteuerung und Eye-Tracking. „Man kann die reale Fahrzeit völlig anders als bisher nutzen“, erklärt Mercedes-Designer Holger Hutzenlaub, „jeder kann für sich entscheiden, wie viel der virtuellen Welt er ins Auto lässt.“ Auf den überdimensionalen Bildschirmen werden nicht nur Tempo, Navigationsziel und Routenführung, sondern auch Ankunftszeit, Musiktitel und die bis dahin zu erledigende Aufgabenliste angezeigt: In 23 Minuten Fahrzeit sind noch drei Anrufe zu erledigen. Schließlich soll der Mercedes F 015 Luxury in Motion mit seinen weichen Ledersitzen nicht nur der Entspannung auf dem Weg zur Arbeit, sondern auch zur effizienten Nutzung der Fahrzeit an sich dienen. Telefonkonferenzen, ein virtueller Abstecher zu Frau und Kindern oder ein Film, um den Kopf frei zu kriegen – alles kein Problem mit dem autonomen Luxusgefährt aus Schwaben.

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