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Mercedes-Benz Next: Skizze Interieur.

Abschied vom Gewohnten.

  • 09.02.2017
  • E-Mobilität
  • Fotos: Daimler
  • Text: Walther Wuttke

Elektromobilität verändert auch das Design von Fahrzeugen. Robert Lesnik, Leiter Exterieur Design bei Mercedes-Benz, erklärt im Interview, was kommt und was geht.

HERR LESNIK, DIE ELEKTROMOBILITÄT STELLT NICHT NUR TECHNIKER VOR NEUE AUFGABEN. AUCH DESIGNER MÜSSEN SICH UMSTELLEN. WELCHE BESONDEREN HERAUSFORDERUNGEN STELLEN SICH DEN FAHRZEUG-DESIGNERN?

Robert Lesnik: Ich sehe da weniger Herausforderungen als vielmehr neue Möglichkeiten. Bei den Modellen, die es sowohl als Verbrenner als auch mit Elektroantrieb gibt, gab es keine größeren sichtbaren Veränderungen. Da entfiel der Antriebsstrang bis hin zum Auspuff. Wenn man nun aber auf den Verbrenner von vornherein verzichtet, eröffnen sich uns ganz neue Möglichkeiten, und wir können mit vollkommen neuen Proportionen arbeiten. Diese sollen aber natürlich auch in Zukunft ausgewogen und attraktiv sein, sodass unsere Autos weiterhin Begehrlichkeiten wecken. Wir haben dafür die Bezeichnung Purpose Design, also ein am Einsatzzweck orientiertes Design.

 

UND DABEI SOLL EINE EIGENSTÄNDIGE ELEKTRO-ÄSTHETIK HELFEN?

Wir sind der Meinung, dass die Zeit reif ist für eine eigene formale Ausprägung der Elektrofahrzeuge und dass man sich über eine neue Elektro-Ästhetik formal von einem Verbrenner unterscheiden darf. Bei unserem Concept EQ haben wir bewusst eine andersartige Gestaltung von Front, Heck sowie Fenstergraphiken gewählt, sodass eine neue formale Einheit entsteht. Wir nennen das Signature Graphics, mit der wir beim Betrachter einen neuen Eindruck wecken möchten. Außerdem sollen alle Elemente bündig und aerodynamisch erscheinen. Die Absätze werden dabei kleiner, die Stufen reduziert. Alles ist dabei wie in der Flugzeugästhetik nahtlos aufeinander abgestimmt.

Mercedes-Benz Next: Robert Lesnik.

Robert Lesnik, Leiter Exterieur Design bei Mercedes-Benz

MÜSSEN SICH DIE AUTOKÄUFER IN ZUKUNFT AUF EINE NEUE FORMENSPRACHE EINSTELLEN?

Wenn man bewusst anders gestaltet, kann man den Weg des Purpose Design wie bei der EQ-Architektur gehen. Aber klar ist auch, am Ende muss das Fahrzeug als Mercedes-Benz erkennbar bleiben. Auch die neuen Modelle der Produktmarke EQ müssen emotional und intelligent bleiben. Das ist der Kontrast, den unser Design ausmacht. Dabei dürfen auch unerwartete und überraschende Dinge passieren, die jedoch immer in unsere Design-Philosophie passen müssen.

 

WIE WIRD SICH DAS ELEKTRODESIGN VON DER FORMENSPRACHE DER KONVENTIONELL ANGETRIEBENEN MODELLE UNTERSCHEIDEN? SCHLIESSLICH WERDEN VERBRENNER NOCH EINE GANZE ZEITLANG AUF DEN STRASSEN UNTERWEGS SEIN.

Bei den Verbrennern ist viel von der Motorlage abhängig mit einer entsprechend langen Motorhaube. Wenn man auf den Motor verzichtet, kann man sich formal an dieser Stelle vom Gewohnten verabschieden. Und das werden wir auch tun. Das Design der neuen EQ-Derivate entsteht dabei in Zusammenarbeit mit den verschiedenen Designabteilungen.

 

WELCHE FREIHEITEN BIETET DIE NEUE TECHNIK DER KREATIVITÄT?

Durch den Wegfall der Verbrenner und weiterer Aggregate wie Getriebe, Auspuff und Kühler gewinnen wir zusätzlichen Raum, der den Passagieren zugute kommt. Diese Möglichkeit nutzen wir Designer sehr gerne.

 

WIE GELINGT DER SPAGAT ZWISCHEN DEM HERKÖMMLICHEN DESIGN UND DEN NEUEN FORMEN DER E-MOBILITÄT?

Beide Gestaltungsformen werden noch lange koexistieren. Bereits 2019 kommt das erste Fahrzeug der EQ-Familie und bis 2025 werden wir mindestens zehn vollelektrische Modelle auf dem Markt haben. Beide Aufbauformen werden nach den Prinzipien der Mercedes-Benz Design-Philosophie gestaltet, wobei sich die EQ-Modelle durch eigene Designelemente unterscheiden werden. Dazu gehört zum Beispiel die Gestaltung der Front, sodass ein eigenständiger Charakter entsteht. Einige Elemente haben wir bereits in Paris gezeigt. Zum Beispiel den Schacht im Windlauf für die Scheibenwischer, der sich nur öffnet, wenn die Scheibenwischer benötigt werden. So können wir aerodynamisch, aber auch vor allem aeroakustisch einiges optimieren. Denn ohne das klassische Motorgeräusch werden andere Geräuschquellen plötzlich stärker wahrgenommen.

„ Ohne das klassische Motorgeräusch werden andere Geräuschquellen plötzlich stärker wahrgenommen. “

Robert Lesnik

WIE GELINGT ES, DAS MARKENGESICHT AUF DIE NEUE ANTRIEBSTECHNIK ZU ÜBERTRAGEN, SODASS AUCH EIN E-MERCEDES AUF ANHIEB ALS MERCEDES-BENZ ZU ERKENNEN IST?

Bei allen unseren Fahrzeugen werden wir uns auf die Proportionen konzentrieren – die Flächen werden ruhiger. Das Markengesicht bleibt bei beiden Antriebsformen erhalten, das schließt aber Variationen nicht aus. Wir sind heute bereits die einzige Marke mit unterschiedlichen Frontpartien. Wir haben den klassischen Stern auf der Haube, den Zentralstern im Grill und das sportliche AMG-Gesicht. Und jetzt kommt als weitere Ausprägung das EQ-Gesicht, bei dem wir dank der Technik viele Gestaltungsmöglichkeiten haben. Allerdings muss ein Mercedes-Benz auch in Zukunft aus der Ferne immer als Mercedes-Benz erkannt werden.

 

WERDEN DIE NEUEN PROPORTIONEN MIT DEN DESIGNERN DER KONVENTIONELLEN MODELLE ABGESPROCHEN?

Schon jetzt arbeiten unsere Designteams übergreifend an unterschiedlichen Baureihen. Und natürlich spricht man sich ab und kennt alle Baureihen. Strategisch muss alles so aufgebaut sein, dass am Schluss, wenn die Autos bei den Händlern stehen, alles einen Sinn ergibt. Die Familien- und Markenzugehörigkeit, und das gilt auch für die neuen EQ-Modelle, muss deutlich sichtbar sein.

 

DER AKTUELLE EQ HAT DIE FORM EINES SUV. KOMMEN DANACH MODELLE IN ANDEREN FORMATEN?

SUV verbindet man gerne mit einem schweren und großen Fahrzeug mit einem relativ aufrechten Greenhouse. Ich spreche lieber von Crossover, also einem Modell, dass zwischen den bekannten Segmenten und Proportionen angesiedelt ist. Unser Concept EQ ist im Auftritt weniger wuchtig, hat aber den Vorteil der höheren Sitzposition eines SUV. Das Dach ist flacher, erlaubt aber immer noch viel Kopffreiheit. Hinten haben wir nicht die typische SUV-Anmutung, sondern eher ein Shooting-Brake-Heck für eine bessere Aerodynamik. Wir haben bewusst diese Form gewählt, weil sie zeitgemäß ist.

 

ZUM SCHLUSS EIN BLICK IN DIE ZUKUNFT: WIE WIRD SICH DAS DESIGN DER E-MOBILE WEITERENTWICKELN?

Zunächst arbeiten wir an dieser ersten Generation, und da werden sich die Leute schon umdrehen, weil sie das vielleicht nicht von uns erwartet haben. Wir haben viele Ideen. Wenn wir zum Beispiel vom autonomen Fahren reden, entsteht die Frage, ob wir auch das nach außen transportieren wollen. Wir freuen uns auf jeden Fall auf die neuen Möglichkeiten.

„ Ein Mercedes-Benz muss auch in Zukunft aus der Ferne immer als Mercedes-Benz erkannt werden. “

Robert Lesnik

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