• Elektrisch unterwegs in Deutschland.

  • Elektrisch unterwegs in Deutschland.

    • 30. September 2015
    • E-Mobilität
    • Illustration: Mario Wagner
    • Text: Walther Wuttke

    Sicher, sauber und komfortabel, das ist die B-Klasse Electric Drive. Die Ladeinfrastruktur in Deutschland ist derzeit noch eine Herausforderung. Ohne einen Tropfen Benzin fuhr unser Autor mit der B-Klasse Sports Tourer B 250 e von der Küste zu den Alpen.

    Zwischen Bad St. Peter-Ording im hohen Norden und der Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen im Schatten der Zugspitze liegen rund 1100 Kilometer – nichts Besonderes für konventionell angetriebene Automobile. Wie verhält es sich mit Elektromobilen?

    Die großen Energieunternehmen haben ihre Stromtankstellennetze überall in der Republik verteilt: insgesamt 9000 Ladepunkten an rund 3000 Ladesäulen. Doch Strom als Treibstoff zu beziehen ist nicht so einfach wie Benzin zu tanken. Der ambitionierte E-Mobilist benötigt entweder Verträge mit dem jeweiligen Versorger in der Region, eine entsprechende Kundenkarte oder eine App wie zum Beispiel „Charge & Pay“, die von Bosch Software Innovations kostenlos bereitgestellt wird. Diese nutzt auch Mercedes-Benz. Die App ermittelt eine Ladesäule in der Nähe und lotst den Fahrer dorthin.

    Hierzulande gibt es noch Standardisierungs- und Ausbaubedarf bei der Versorgung durch die öffentliche Ladeinfrastruktur. Dies gehört in anderen Ländern längst zum Alltag und hat dort deutlich der Verbreitung der Elektromobilität geholfen.

    Die Fahrt geht erst einmal Richtung Itzehoe, wo laut App bei der örtlichen Sparkasse eine kostenlose Ladestation ist. Die Säule steht auch wie angezeigt vor dem Gebäude, doch offensichtlich kann man nur während der Öffnungszeiten aufladen. Die Rettung: Die resolute Empfangschefin des Hotels Cap Polonio (benannt nach einem ehemaligen Luxus-Schnelldampfer) in Pinneberg rollt einfach ihren Wagen aus der Garage und die B-Klasse kann dort die Batterien aufladen. Am Ende verlangt das Haus weder für die Garage noch den Strom eine Gebühr.

    Neben der App kann auch der e-Navigator der B-Klasse Ladesäulen suchen und als Ziel in die Navigation übernehmen. Die elektrifizierte B-Klasse ist bestens für längere Strecken geeignet. Die Reichweite von 200 Kilometern lässt sich dank der Möglichkeit, vor dem Beginn des Ladevorgangs den in der B-Klasse verfügbaren „Range Extended Mode“ zu wählen um bis zu 30 Kilometer verlängern. In puncto Komfort schlägt die ruhig dahingleitende E-Version die konventionelle angetriebene Variante sogar.

    In den kommenden Jahren wird die Nachfrage nach elektrisch angetriebenen Modellen deutlich steigen, erklärt Elektro-Experte Jürgen Schenk, Chefingenieur für elektrische Fahrzeuge bei Daimler. Dabei setzt Daimler auf einen Dreiklang. „Wir haben drei Wege der Elektrifizierung definiert. Also Hybride, Plug-in-Hybride als Kombination von Elektroantrieb und Verbrenner und den reinen Elektroantrieb, wie wir ihn in der B-Klasse ED und dem Smart entwickelt haben. Wir sind in der Lage, in Zukunft die gesamte Modellpalette zu elektrifizieren.“

    „ Wir sind in der Lage, in Zukunft die gesamte Modellpalette zu elektrifizieren. “

    Jürgen Schenk, Chief Engineer Electric Vehicles

    Angesichts der zahlreichen Solaranlagen und Windräder am Rande der Strecke wächst das Bewusstsein, dass die Zukunft der Elektromobilität mit regenerativen Stromquellen gestaltet werden kann. Von Pinneberg geht es zum Zwischenladen nach Soltau und dann in den hektischen Hamburger Berufsverkehr, der sich nicht gerade fördernd auf die Reichweite auswirkt.

    WER KLUG FÄHRT KOMMT WEITER

    Einmal auf der Landstraße lässt sich die in der Hansestadt verlorene Reichweite während der Fahrt optimieren. Vorausschauendes Fahren gehört dabei zu den Grundeigenschaften, wenn die Reichweite ausgedehnt werden soll. Die elektrische B-Klasse bietet drei Fahreinstellungen: „S“ für Sport bringt Dynamik in die Mobilität. Das „S“ steht hierbei offensichtlich auch für den Spaßfaktor, was aber mit einer eingeschränkten Reichweite bezahlt wird. Mit „E“ für Economic wird eine durchschnittliche Fahrweise eingestellt. Sparkünstler wählen allerdings „E+“, womit die Höchstgeschwindigkeit zwar auf 110 km/h begrenzt, dafür aber die optimale Reichweite erreicht wird.

    Hinzu kommen noch die Rekuperationsmöglichkeiten, wobei Verzögerungsenergie in elektrischen Treibstoff umgewandelt wird, und die Möglichkeit, die B-Klasse vom Antrieb entkoppelt segeln zu lassen. Es ist erstaunlich, wie lange das Auto über Landstraßen rollen kann. Allerdings greift der Rekuperationsmodus so deutlich in die Fortbewegung ein, sodass vorher ein Blick in den Rückspiegel angebracht ist. Roten Ampeln nähert man sich nach einer Eingewöhnungszeit nur noch rekuperierend.

    Wenn man einmal den Dreiklang aus Rekuperation, vorausschauendem Fahren und Segeln beherrscht, lässt sich zum Beispiel ein Reichweitenpolster von 25 Kilometern auf 50 verdoppeln. Außerdem kann der bei günstigen Verhältnissen eingesetzte Tempomat die Reichweite stabilisieren. So unterwegs meldet der Eco Score im Kombiinstrument der B-Klasse, mit dem wirtschaftliches und ökologisches Fahrverhalten beurteilt wird, einen Wert von 99 Prozent. Einmal sogar 100 Prozent!

     

    Ladesäulen sind als Parkplätze sehr beliebt. In Soltau ist wenigstens eine Ladestation frei, die App stellt die Verbindung her und die Batterien werden mit Ökostrom auf die nächsten Kilometer vorbereitet. „Die Reichweite der Batterien hat sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich um acht Prozent jährlich verbessert. Daran wird sich auch in den kommenden Jahren nichts ändern. Die aktuellen Reichweiten werden sich also spätestens im Jahr 2024 verdoppelt haben. Und am Ende der Dekade werden wir bei deutlich mehr als 400 Kilometer liegen“, beschreibt Schenk die Entwicklung der Reichweiten.

     

    BEZAHLT WIRD DIE LADESTUNDE NICHT DIE KILOWATTSTUNDE

    Bezahlt wird übrigens nicht nach „getankten“ Kilowattstunden, sondern nach Ladezeit. Im Schnitt kostet die Stunde rund 4,60 Euro. Die spätere Abrechnung über PayPal enthält auch keinen Ausweis über die geladene Strommenge.

    Die Kasseler Berge eignen sich bestens dazu, Energie zurückzugewinnen, denn wo es hinaufgeht, geht es irgendwann auch wieder hinunter. Mit einer inzwischen immer besser funktionierenden Beherrschung der elektrischen Energie wird Fulda erreicht, wo der Besitzer des Hotels mit dem ungewöhnlichen Namen „Peterchens Mondfahrt“ eine Ladestation für E-Mobile anbietet. Viele Hotels haben mittlerweile Ladesäulen vor ihren Häusern aufgebaut. In Hannover ist das Laden beim Marriott beispielsweise kostenlos.

    In und rund um Würzburg meldet die „Charge & Pay“-App ein großes Loch, doch dank der Solidarität unter E-Mobilisten bietet ein Mitsubishi-Autohaus Hilfe und nach entsprechender Spende in die Kaffeekasse geht die Fahrt weiter Richtung Nördlingen. Oftmals sind es Privatinitiativen, die zusätzliche Lademöglichkeiten anbieten. In Dinkelsbühl stellt die Volksbank Raiffeisenbank ein komplettes Angebot (kostenlos) zur Verfügung. Rund um die Uhr stehen Chademo-, Mennekes- und Schuko-Anschlüsse bereit. Die Außendienstler der Bank sind zudem mit Elektrofahrzeugen unterwegs. Nach der schnellen Ladung kommt bald Nördlingen in Sicht, und die Tour ist nach 1100,3 Kilometer erfolgreich beendet.

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