E-Fahrzeuge: Flottenplanung mit DLR Software
  • Elektro-Flotte: Sauber fahren und Kosten sparen?

  • Elektro-Flotte: Sauber fahren und Kosten sparen?

    • 28. January 2016
    • E-Mobilität
    • Fotos: Daimler
    • Text: Peter Thomas
    • Illustration: Realgestalt

    Software für Fuhrparkbetreiber in Europa berechnet, wann sich der Einsatz elektrischer Fahrzeuge finanziell lohnt. Entwickelt in Stuttgart vom DLR für das EU-Projekt I-CVUE.

    Ab wann lohnt sich der Umstieg auf Elektrofahrzeuge? Viele Flottenbetreiber können sich diesen Schritt gut vorstellen. Doch das ist eine komplexe ökonomische und organisatorische Frage, die sich wegen der Vielzahl relevanter Faktoren nicht einfach beantworten lässt. Künftig schafft hier ein Mausklick Klarheit: Seit Sommer 2015 ist eine App des EU-Projektes I-CVUE (Incentives for Cleaner Vehicles in Urban Europe) online, mit der Unternehmen jeglicher Größe berechnen können, ab wann sich die Elektrifizierung ihres individuellen Fuhrparks rentiert.

    Lohnt sich die Anschaffung von batterieelektrischen Smarts für meinen städtischen Pflegedienst? Kann mein Taxiunternehmen die elektrische B-Klasse in seine kleine Flotte integrieren? Die Fragen sind ähnlich – gleich, um welche Branche es sich handelt. Entsprechend klar ist die App strukturiert: Wer seine Daten in das kostenlos nutzbare Internetwerkzeug eingegeben hat (http://dsm.icvue.eu), bekommt umgehend einen detaillierten Vergleich der Vor- und Nachteile des Einsatzes von Elektrofahrzeugen in seiner Flotte aufgelistet. Das macht die Entscheidung für den Betreiber einfacher und vor allem transparenter.

    HANDWERKER, EINZELHÄNDLER, PFLEGEDIENSTE UND TAXIUNTERNEHMER

    Profitieren können von der Lösung Unternehmen aller Größen, vom kleinen Handwerksbetrieb bis zum großen Mittelständler: „Eine Mindestgröße für Flotten, um von dem Programm zu profitieren, gibt es nicht“, sagt Christoph Schimeczek. Der promovierte Physiker hat das Tool am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Stuttgart, Institut für Fahrzeugkonzepte, umgesetzt und betreut das Projekt nun auch während des Betriebs.

    Ursprünglich hatte I-CVUE vor allem sehr große Flotten wie zum Beispiel Paketdienste im Blick, um einen möglichst wirkungsvollen Hebel bei der Etablierung der E-Mobilität in Unternehmensflotten zu schaffen. Doch die Realität sieht bislang anders aus. Denn die ganz großen Fuhrparkbetreiber haben das Thema längst als wichtige Frage für die nahe Zukunft erkannt und überlegen genau, für welche Zwecke und welche Regionen sich E-Fahrzeuge in der Flotte schon heute rechnen. „Tatsächlich ist der Beratungs- und Entscheidungsbedarf über unsere App bisher insbesondere im Bereich mittlerer und kleinerer Flotten sehr intensiv“, sagt Schimeczek.

    „ Eine Mindestgröße für Flotten gibt es nicht. “

    Christoph Schimeczek

    Großes Interesse verzeichnet das DLR bisher von kleineren Carsharing-Anbietern, von Handwerksbetrieben und Einzelhändlern, aber natürlich auch von den schon angesprochenen Pflegediensten und Taxiflotten. Die Unternehmen kommen dabei nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus anderen europäischen Ländern. Deren Daten sind entsprechend erfasst und für die Nutzung in der App aufbereitet worden. Derzeit liegen sie neben Deutschland auch für Großbritannien, die Niederlande, Österreich und Spanien vor. Demnächst, sagt der Softwareentwickler, werden Frankreich und Norwegen folgen. Die in Stuttgart entwickelte App ist ein zentraler Baustein im Gesamtkonzept des EU-Projektes I-CVUE, dessen Finanzierung bis zum Frühjahr 2017 läuft. Zusammen mit Angeboten wie der persönlichen Beratung von Flottenbetreibern und politischen Entscheidungsträgern soll der Traktionswandel im europäischen Straßenverkehr hin zur Elektromobilität durch das Programm nachhaltig unterstützt werden.

    ZIEL: 1.000 VERBRENNER DURCH ELEKTROFAHRZEUGE ERSETZEN

    Als eine realistische Messlatte haben sich die Projektbeteiligten gesetzt, Fuhrparkmanager davon zu überzeugen, insgesamt 1.000 Fahrzeuge mit konventionellen Antrieben durch Elektroautos zu ersetzen. Die Liste der teilnehmenden Partner an I-CVUE ist bunt gemischt, sie reicht von verschiedenen Energieagenturen über die Universität Cardiff und den katalanischen Automobilclub RACC bis zum Londoner Mobilitätsbetreiber „Transport for London“ sowie den deutschen Automobilzulieferer Bosch. Das DLR ist als Forschungszentrum der Bundesrepublik Deutschland für Luft- und Raumfahrt, Energietechnik, Verkehr und Sicherheit an dem Projekt beteiligt. Am DLR-Standort Stuttgart befinden sich neben dem bei der Entwicklung der I-CVUE-App federführenden Institut für Fahrzeugkonzepte auch Institute aus den Bereichen Hochleistungsstrukturen aus Verbundwerkstoffen, Lasersystementwicklung und aus verschiedenen Feldern der Energietechnik.

    Im Sommer 2015 startete die kostenfrei nutzbare App, seit September wirbt I-CVUE aktiv dafür. In dieser Zeit haben sich bereits mehrere hundert Nutzer angemeldet und erste Berechnungen für eine mögliche Umstellung von Fahrzeugen ihrer jeweiligen Flotte auf Elektromotoren angestellt. „Dass wir unser Angebot so niedrigschwellig gestaltet haben, hat sich als ganz richtig erwiesen“, freut sich Schimeczek, „denn so können sich die Nutzer direkt nach der Anmeldung ganz unkompliziert mit dem Prozess vertraut machen. Dabei erleben sie, wie die App zwar einfach, aber auf einer wissenschaftlich fundierten Ebene, relevante Aussagen ermöglicht.“

    Große Fuhrparkbetreiber überlegen genau, was sich rechnet.

    WICHTIGE FAKTOREN NEBEN KAUFPREIS UND BETRIEBSKOSTEN

    Bevor das Programm eine wirklich valide Entscheidungshilfe bietet, ist vom Nutzer allerdings einige Arbeit gefragt, indem er Daten eingibt oder auswählt. Schließlich entscheiden nicht nur der Kaufpreis und die Kosten für Energie und Wartung darüber, wann sich Kauf und Betrieb eines Elektrofahrzeugs für ein Unternehmen lohnen. Wichtige Faktoren sind auch Art und Anzahl der Fahrzeuge im Fuhrpark, die typischen Einsatzszenarien und täglichen Fahrstrecken, die Möglichkeit zum Laden mit selbst erzeugter Elektrizität oder mit Ökostrom aus dem Netz, finanzielle Förderungen durch die öffentliche Hand, Erleichterungen im Stadtverkehr wie die Befreiung von City-Maut oder Parkgebühren, vor allem aber auch die vorhandene Ladeinfrastruktur.

    „Wir haben all diese Faktoren mit Referenzdaten hinterlegt“, erklärt Christoph Schimeczek, „der Nutzer kann aber beliebig tief einsteigen, um sich mit der App vertraut zu machen.“ Grundsätzlich haben die Entwickler des DLR das Ziel verfolgt, maximale Transparenz und minimalen Aufwand zu verbinden. „Unsere mit viel Aufwand zusammengetragenen Beispieldaten werden nicht nur ausgewertet, vielmehr bekommt der Nutzer bei jeder Anfrage umfassend dargestellt, wie das Programm zu seiner Bewertung kommt. Das kann jeder Flottenbetreiber nachvollziehen – so schaffen wir Vertrauen.“

    POLITISCHE RAHMENBEDINGUNGEN STEHEN IM WETTBEWERB

    Die App ist nicht für eine einmalige Grundsatzentscheidung ausgelegt, sondern für die kontinuierliche Neubewertung von E-Mobilität durch die Flottenverantwortlichen. Schließlich verändern sich die Betriebsbedingungen für elektrische Fahrzeuge ständig – sei es durch neue Förderungen, durch die Verbesserung der Infrastruktur oder durch den Fortschritt in der Fahrzeugtechnik. Die jeweiligen Bedingungen unterscheiden sich allerdings zwischen den teilnehmenden Ländern – beispielsweise hinsichtlich steuerlicher Rahmenbedingungen und Fördermaßnahmen. Gerade das sehen die Entwickler der App aber auch als Chance: „So können wir der Politik zeigen, welche Anreize in welchem Land bestehen, und wie sie tatsächlich wirken“, sagt Schimeczek. Besonders erfolgreiche Maßnahmen könnten sich andere Länder so zum Vorbild nehmen.

    REALISTISCHE SZENARIEN, DIE ÜBERZEUGEN

    Erste Ergebnisse zeigen, dass sich für viele Fuhrparks die Umstellung eines Teils ihrer Automobile auf Elektroantrieb wirklich lohnt. Zu den Branchen, in denen sich E-Fahrzeuge besonders ökonomisch betreiben lassen, zählen in der Bundesrepublik beispielsweise Pflegedienste, die im Mehrschichtbetrieb und auch an Wochenenden sowie Feiertagen im Einsatz sind. Auch für städtische Taxiflotten lohnt sich der Umstieg. Bei Fahrleistungen von rund 150 Kilometern am Tag und der Möglichkeit, mittags zwischenzuladen, überzeugen hier batterieelektrische Autos.

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