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Sauber und lautlos kommt die Fracht in die Stadt.

  • 14.07.2016
  • E-Mobilität
  • Fotos: Benjamin Tafel
  • Text: Walther Wuttke

Ein Flottentest in Stuttgart zeigt: Leichte Nutzfahrzeuge mit Elektroantrieb verringern nicht nur die Luftverschmutzung, sondern auch den Lärm in den Städten.

Morgens um halb acht Uhr herrscht Hochbetrieb im Hermes-Verteilzentrum in Weil im Schönbuch vor den Toren Stuttgarts. Die Frachten für die wartenden Lastwagen werden in , Gitterboxen auf die Ladeflächen gewuchtet, ausgeladen, elektronisch erfasst, gestapelt und gesichert, – dann rollen die Trucks auf ihre tägliche Route. Viel Zeit darf hier nicht auf der Strecke bleiben, entsprechend routiniert geht die Mannschaft an die Arbeit. Das Nageln der Diesel ist unüberhörbar. – Nur ein Transporter setzt sich lediglich mit einem leicht vernehmbaren Summen in Gang. Der Sechstonner Fuso Canter E-Cell mit seinem Elektroantrieb zeigt, in welche Richtung sich Nutzfahrzeuge in Zukunft entwickeln könnten.

Die Elektromobilität wird sich in Zukunft tatsächlich nicht allein auf Automobile beschränken, sondern gerade in der Transportwirtschaft eine wichtige Rolle übernehmen. Schließlich ist der Trend zur Urbanisierung ungebrochen, leben heute bereits die meisten Menschen in Städten – und wollen versorgt sein, ohne von den negativen Begleiterscheinungen der konventionellen Mobilität – Lärm und Abgase – gestört zu werden. Um dieses Bedürfnis zu befriedigen, müssen intelligente Logistiksysteme entwickelt werden, zumal der Transportbedarf allein schon wegen des ständig zunehmenden Internethandels kontinuierlich steigen wird.

Flottentest in Stuttgart

Als Lösung für künftige Transportbedürfnisse kommen daher leichte Nutzfahrzeuge mit Elektroantrieb infrage, mit denen die Waren in den Städten verteilt werden können. Deshalb hat Daimler Trucks jetzt den bundesweit ersten Flottentest mit lokal emissionsfreien batterieelektrischen Lastwagen in Stuttgart begonnen. Dabei setzt die Stadt Stuttgart vier Sechstonner vom Typ Fuso Canter E-Cell im Betriebsalltag ein. Das Logistikunternehmen Hermes testet einen Fuso Canter E-Cell im täglichen Verteilbetrieb.

 

Das Logistikunternehmen Hermes ist langjähriger Daimler-Kooperationspartner und hat bereits Erfahrungen mit Elektro-Transportern gesammelt. So hat das Unternehmen in London seine Flotte bereits vollständig auf E-Mobile umgestellt. Der Test in Stuttgart „ist“, so Dirk Rahn, Managing Director Operations bei Hermes, „der Teil unseres langfristigen Klimaschutzprogramms, über das wir die CO2-Belastung in unserer Flotte bis 2020 halbieren möchten.“

 

Die Zukunft der Logistik in Ballungsräumen wird aus einer Arbeitsteilung bestehen: zwischen den großen Trucks, die im Fernverkehr unterwegs sind und kleineren Transportern, die die „Feinarbeit“ der innerstädtischen Verteilung erledigen. „Der moderne Verbrennungsmotor ist sehr effizient, umweltschonend und vor allem sauber und bleibt im Fernverkehr noch lange ohne Alternative“, erklärte Wolfgang Bernhard, Vorstandsmitglied der Daimler AG und Leiter des Geschäftsbereichs Daimler Trucks & Buses bei der Übergabe der Testfahrzeuge. Aber: „Beim innerstädtischen Verteilerverkehr ist ein Umstieg auf E-LKW in einigen Jahren technisch und wirtschaftlich möglich. Wir leisten damit einen wichtigen Beitrag für die urbane Mobilität in Stuttgart.“ In der Tat ist die Batterietechnik für die Fernlaster noch nicht bereit. Um eine Reichweite von 1.000 Kilometern zu erreichen müsste ein 40-Tonner 17 Tonnen Batterien mitführen.

„ Im Portugal-Test erzielte der E-Canter im Vergleich zu einem Diesel-LKW auf 10.000 Kilometern Einsparungen von rund 1.000 Euro. “

Marc Llistosella, Chef von Daimler Trucks Asia

Kraft für zwei Tonnen Fracht

Vor dem Canter E-Cell liegt an diesem Freitag eine anspruchsvolle Strecke. Der Inhalt von zwölf Gitterboxen, 50 Fahrräder aus dem Internethandel, – alles Retouren – müssen nach Esslingen gebracht werden. Die Topografie ist dabei nicht hilfreich: Steigungen wechseln sich mit Gefällstrecken ab, und ein Teil der Strecke führt über die Autobahn, wo der Antrieb des Sechstonners besonders gefordert wird. Inmitten der 40-Tonner wirkt der E-Canter fast zierlich. Trotz der 600 Kilogramm wiegenden Batterien, kann der Kleinlaster rund zwei Tonnen Fracht laden. „Das reicht für den Verteilverkehr vollkommen aus“, erklärt ein Hermes-Frachtexperte.

Für den Fahrer Andy Kirschner ist der elektrische Canter eine angenehme Erfahrung. Von seinem Fahrersitz aus blickt er auf vertraute Instrumente, wobei sich lediglich die Anzeigen zum Zustand des elektrischen Antriebs vom Serien-Modell unterscheiden. Nach dem Start geschieht zunächst – nichts. Der Antrieb bleibt wie bei einem elektrischen Pkw stumm, um nach dem ersten Tritt auf das Gaspedal sein volles Drehmoment von satten 650 Newtonmetern zu entfalten. Auch bei Ampelstopps schweigt er. Der hinter der Fahrerkabine platzierte Permanent-Magnetmotor (110  kW/ 150 PS) liefert seine Leistung  über ein Einganggetriebe an die Hinterachse. „Das ist schon beeindruckend, wie schnell die volle Leistung zur Verfügung steht. Und auch die Ruhe in der Kabine macht das Fahren deutlich angenehmer. Die Nerven werden geschont, und auch der Stress wird geringer“, beschreibt Kirschner seine ersten Erfahrungen mit dem E-Transporter, dessen Höchstgeschwindigkeit auf ausreichende 90 km/h begrenzt ist. Einmal in Fahrt überrascht der Canter durch seine geringen Windgeräusche. Auch die Aerodynamiker haben sauber gearbeitet.

„ Beim innerstädtischen Verteilerverkehr ist ein Umstieg auf E-LKW in einigen Jahren technisch und wirtschaftlich möglich. “

Wolfgang Bernhard, Vorstandsmitglied der Daimler AG und Leiter des Geschäftsbereichs Daimler Trucks & Buses

Leise summend ans Ziel

„Laut“ wird der Elektro-Canter höchstens im Stadtverkehr, wenn der Fahrer das VSP-Warnsystem zuschaltet. Der „Vehicle Sound for Pedestrians“ lässt den Transporter lauter summen, um so Fußgänger aufmerksam zu machen. Der elektrische Transporter verringert also nicht nur die Luftverschmutzung, sondern ebenso die Geräuschentwicklung in den Städten und kann daher auch nachts oder am frühen Morgen in Lärmschutzgebieten eingesetzt werden.

Zur Umstellung vom Diesel- auf Elektroantrieb gehört für den Fahrer auch die Rekuperationsfunktion. Wird der Gasfuß gelupft, wechselt der Elektromotor in den Generatormodus und speist die gewonnene Motorbremsenergie in die im Rahmen montierten Lithium-Ionen-Akkus, um deren Leistung zu optimieren. Bei einer vorausschauenden Fahrweise und regelmäßigen Rekuperationsphasen kommt so eine realistische Reichweite von rund 100 Kilometern zusammen.

Finanzielle Einsparungen

In einem Jahr werden die Partner Bilanz ziehen, doch hat bereits ein Testbetrieb in Portugal gezeigt, dass sich der Einsatz elektrisch angetriebener Transporter auch bei den Finanzen bemerkbar macht. „Im Portugal-Test erzielte der E-Canter im Vergleich zu einem Diesel-LKW auf 10.000 Kilometern Einsparungen von rund 1.000 Euro“, erklärt Marc Llistosella, CEO von Daimler Trucks Asia.

Die nächste Generation ist schon in Arbeit

Während Fahrer Andy Kirschner in der hügeligen Landschaft rund um Stuttgart seine Elektrotouren dreht und die Fracht ausliefert, arbeitet Fuso an der nächsten Generation des Canter E-Cell, der noch wirtschaftlicher ausfallen wird. Das Unternehmen hat bereits vor 20 Jahren mit der Entwicklung von Diesel-Hybridantrieben für LKW begonnen und sich in den vergangenen Jahrzehnten zum führenden Hersteller von teilelektrisierten leichten LKW entwickelt. Aktuell rollen weltweit 3.000 Fuso Canter Eco Hybrid auf den Straßen. Zur Umstellung vom Diesel- auf Elektroantrieb gehört für den Fahrer auch die Rekuperationsfunktion. Wird der Gasfuß gelupft, wechselt der Elektromotor in den Generatormodus und speist die gewonnene Motorbremsenergie in die im Rahmen montierten Lithium-Ionen-Akkus, um deren Leistung zu optimieren. Bei einer vorausschauenden Fahrweise und regelmäßigen Rekuperationsphasen kommt so eine realistische Reichweite von rund 100 Kilometern zusammen.

Geräuscharm und gut fürs Klima

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