• Die Elektrifizierung der Produktpalette.

  • Die Elektrifizierung der Produktpalette.

    • 7. July 2016
    • Fahrzeugentwicklung
    • Foto: Daimler
    • Text: Walther Wuttke

    „Wir werden alle Mercedes-Benz-Baureihen elektrifizieren“: Thomas Weber, Vorstandsmitglied der Daimler AG, Konzernforschung & Mercedes-Benz Cars Entwicklung.

    Thomas Weber leitet seit über zwölf Jahren die Konzernforschung der Daimler AG und die Entwicklung von Mercedes-Benz Cars. In dieser Rolle ist er am umfangreichsten technologischen Umbau beteiligt, den das Automobil seit seiner Erfindung vor 130 Jahren erlebt. Mit welchen Technologien und Modellen sich das Unternehmen dieser Herausforderung stellt, erklärte er Anfang Juni auf dem Mercedes-Benz TecDay „Road to the Future“ in Stuttgart.

    HERR WEBER, DER DEUTSCHEN AUTOMOBILINDUSTRIE WIRD IMMER WIEDER VORGEWORFEN, BEI DER ENTWICKLUNG ALTERNATIVER ANTRIEBE ZU LANGE GEWARTET ZU HABEN. WAS ENTGEGNEN SIE DIESEN KRITIKERN?

    Thomas Weber: Wir haben da eine ganz andere Meinung, denn bei Daimler geben wir bereits seit Jahren viel Geld für alternative Antriebe aus und dies werden wir weiter intensivieren. Allein in den nächsten beiden Jahren investieren wir zum Beispiel 14,5 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung. Davon fließt weiterhin ungefähr die Hälfte in „grüne“ Technologien. Bei Mercedes-Benz Pkw belaufen sich die Investitionen in den nächsten zwei Jahren auf jeweils 5,4 Milliarden Euro. Wir sind also auf die kommenden Veränderungen bestens vorbereitet, hellwach und sehr aktiv.

    WIE WOLLEN SIE DIE KUNDEN FÜR IHRE NEUEN ELEKTROFAHRZEUGE BEGEISTERN?

    Wenn die neuen Elektromobile ihre Nische verlassen sollen, dann müssen sie für die Kunden besonders attraktiv sein: also alltagstauglich sein, umweltverträglich und eine große Portion Fahrspaß bieten. Und natürlich muss noch der Preis stimmen. Gleichzeitig ist zwingend auch die entsprechende Infrastruktur aufzubauen. Dazu gehören Ladestationen ebenso wie Wasserstoff-Tankstellen für unsere Brennstoffzellen-Modelle. Die Anschaffungsprämie für umweltfreundliche Autos kann dabei helfen. Dass die Branche übrigens die Hälfte dieser Aufwendungen übernimmt, ist einzigartig in der Welt.

    Seit langem steht zudem fest, dass Fahrzeuge mit alternativen Antrieben irgendwann zum gewohnten Anblick auf unseren Straßen werden. Wir bei Daimler glauben fest daran. Deshalb arbeiten wir seit vielen Jahren an entsprechenden Lösungen, und das nicht nur bei den Pkw.

    WELCHE ROLLE SPIELEN ALTERNATIVE ANTRIEBE IN DER AKTUELLEN MODELLPALETTE?

    Wir glauben, dass es keinen anderen Hersteller gibt, der ein vergleichbares Portfolio an elektrischen Fahrzeugen und Lösungen für E-Mobilitätsthemen auf der Straße hat. Unser Angebot reicht vom Stadtflitzer smart über die elektrische B-Klasse bis hin zu Nutzfahrzeugen, wie dem elektrisch angetriebenen Canter unserer Marke Fuso. In den kommenden Monaten werden wir noch einige wichtige Neuheiten in die Modellpalette „einbauen“. Da ist viel Dynamik drin!

    Auf die kommenden Veränderungen bestens vorbereitet und hellwach.

    ANGESICHTS DER VIELFALT DER ALTERNATIVEN ANTRIEBSTECHNIKEN WIE REIN ELEKTRISCH, HYBRID, PLUG-IN HYBRID UND DIE MODERNISIERUNG DER KONVENTIONELLEN MOTOREN, FRAGT MAN SICH, WELCHE ROUTE IN DIE ZUKUNFT FÜHRT. AUF WELCHER ROUTE IST DAIMLER UNTERWEGS?

    Wir haben uns schon vor einiger Zeit für einen dreispurigen Ansatz entschieden und setzen auf maßgeschneiderte Lösungen, um alle künftigen Mobilitätsszenarien abzudecken. Wir halten uns deswegen auch verschiedene Technologieoptionen offen. Zum einen nutzen wir alle Potenziale zur weiteren Entwicklung und Optimierung unserer Hightech-Motoren. Zweitens setzen wir auf eine sehr konsequente Hybridisierung der Modellpalette zur weiteren Effizienzsteigerung. Und drittens arbeiten wir weiter an lokal emissionsfreien Fahrzeugen mit Batterie- und Brennstoffzellenantrieb.

    WELCHE ZUKUNFT HAT BEI MERCEDES DER HYBRIDANTRIEB?

    Eine große. Wir haben angekündigt, dass wir bis zum Jahr 2017 zehn Plug-in Hybridmodelle auf die Straße bringen. Acht sind bereits vorgestellt, und die beiden noch fehlenden werden im kommenden Jahr folgen. Das, was wir dort erreicht haben, kann sich sehen lassen. Mit dem Plug-in Hybrid beginnt für unsere Kunden der Einstieg in das lokal emissionsfreie Fahren.

    Die elektrische Reichweite der S-Klasse liegt heute bei rund 30 Kilometern. Nächstes Jahr werden wir in deren Modellpflege erstmals die Reichweitenmarke von 50 Kilometer  erreichen. Und bis zum Jahr 2020 rechnen wir dank der weiter entwickelten Lithium-Ionen-Batterien mit weiteren Reichweitensprüngen.

    „ Mit einer Batterieladung wird man bis zu 500 Kilometer weit kommen. “

    AKTUELL UND IN NAHER ZUKUNFT SPIELEN LITHIUM-IONEN-BATTERIEN DIE HAUPTROLLE. WAS KOMMT NACH DIESER TECHNOLOGIE?

    Wir beschäftigen uns bereits heute mit der „Post-Lithium-Ionen-Generation“, die unserer Einschätzung nach bis spätestens zum Jahr 2025 eingesetzt werden kann. Damit können wir über erhebliche Reichweitensprünge sprechen. Wir reden dann über Distanzen, die deutlich über denen liegen, die wir heute von Elektrofahrzeugen kennen. Eines ist klar: Der Plug-in Hybrid verbindet das Beste aus zwei Welten. Im Alltag können die meisten Fahrten emissionsfrei zurückgelegt werden, wenn regelmäßig geladen wird. Die Kunden werden auch schätzen, dass die Dynamik des Fahrerlebnisses in Zukunft aus dem Elektromotor kommt, der ja bereits beim Start sein volles Drehmoment entfaltet. Und für größere Entfernungen springt der Verbrenner an.

    WELCHE NEUHEITEN DARF MAN BEI DEN REIN ELEKTRISCHEN FAHRZEUGEN ERWARTEN?

    Wir waren im Jahr 2010 der erste deutsche Hersteller, der mit dem smart ein Fahrzeug mit Elektroantrieb auf den Markt gebracht hat. Der smart ist noch immer das erfolgreichste E-Modell auf dem deutschen Markt. Daneben bietet die elektrische B-Klasse Elektromobilität für die Familie, und auch bei den Nutzfahrzeugen verfügen wir über eine breite Palette.

    Wir setzen auch in Zukunft unsere Offensive fort und werden bereits Ende des Jahres die vierte Generation des smart als Zwei- und Viersitzer mit Elektroantrieb auf den Markt bringen. Bei Mercedes legen wir mit einem großen Elektrofahrzeug den Grundstein für unsere zukünftige Elektrostrategie. Den konkreten Ausblick auf dieses neue Fahrzeug mit 500 km Reichweite geben wir im Herbst auf den Pariser Autosalon. Wir betten die Komponenten für alle Elektrofahrzeuge einschließlich Brennstoffzelle und Hybride in einen neuen gemeinsamen Mercedes-Benz Elektrobaukasten ein. Die Struktur und auch die Elektroarchitektur stehen, die Komponenten befinden sich bereits voll in der Entwicklung.

    Und auf jeden Fall werden die Batterien aus unserer Fabrik in Kamenz kommen, die gerade vergrößert wird. Unser Tochterunternehmen ACCUmotive wird in Zukunft die Batterien für alle E-Modelle liefern. In Zukunft werden wir alle Mercedes-Benz-Baureihen elektrifizieren.

    „ Wir arbeiten bereits an der Post-Lithium-Generation, die um das Jahr 2025 eingesetzt werden kann. “

    DER NÄCHSTE SCHRITT NACH DER BATTERIEELEKTRISCHEN TECHNIK IST DIE BRENNSTOFFZELLE. WIE WEIT IST HIER DIE ENTWICKLUNG VORANGESCHRITTEN?

    Wir beschäftigen uns seit 20 Jahren mit der Brennstoffzelle. Unsere Testfahrzeuge B-Klasse F-CELL und der Stadtbus Citaro FuelCell-Hybrid haben zusammen bis heute rund zwölf Millionen Testkilometer zurückgelegt. Diese Technik funktioniert, und die kurze Betankungszeit ist mit weniger als drei Minuten der große Vorteil der Brennstoffzelle. Die nächste Generation steht kurz vor dem Start und dank der vielen Verbesserungen – zum Beispiel einem um 90 Prozent verringerten Einsatz von Platin – haben wir auch die Kosten deutlich senken können.

    Im kommenden Jahr stellen wir unseren ersten Serien-Pkw mit dieser neuen Brennstoffzellentechnologie auf Basis des GLC vor. Dieser wird – und das ist eine Weltneuheit –  mit Plug-in-Technologie auf den Markt kommen. So verschmelzen wir die Vorteile der beiden Technologien. Oder, anders ausgedrückt: die Brennstoffzelle bekommt einen Stecker. Die Batterie ist auf zirka 50 Kilometer Reichweite ausgelegt, und insgesamt kommt das Fahrzeug dank eines ausgefeilten Energiemanagements auf bis zu 500 Kilometer elektrische Reichweite im NEFZ. Bei den Nutzfahrzeugen wird der weltweit erfolgreichste Stadtbus Citaro ab dem Jahr 2018 mit Brennstoffzelle und Batterie auf den Markt kommen.

    20 Jahre Erfahrung mit der Brennstoffzelle

    WELCHE ROLLE SPIELT DER VERBRENNUNGSMOTOR IN ZUKUNFT? HAT ER ÜBERHAUPT NOCH EINE ZUKUNFT?

    In den vergangenen 20 Jahren haben wir den Durchschnittsverbrauch unsere Pkw-Flotte halbiert. Dieser große Fortschritt wäre ohne den Dieselantrieb nie erreicht worden. Wir sehen auch in Zukunft viel Potenzial in diesem Antrieb. Das belegt auch unser neuer Dieselmotor OM 654, bei dem der Verbrauch noch einmal um 13 Prozent gesenkt werden konnte und der 30 in manchen Varianten sogar 40 Kilo weniger wiegt als sein Vorgänger. Bei der Entwicklung stand vor allem eine sehr deutliche Reduzierung des NOX-Ausstoßes im Vordergrund.

    Der neue Antrieb erfüllt als erster seiner Art heute schon die von September 2017 an geltenden sehr anspruchsvollen RDE-Vorschriften. Wir haben den Motor von den unabhängigen Testern der Dekra untersuchen lassen, die unsere Angaben bestätigt haben. Die Ergebnisse liegen für alle einsehbar vor. Diese Hightech Diesel-Antriebsgeneration wird in den nächsten drei Jahren in allen Mercedes-Modellen ausgerollt werden.

    UND WIE SIEHT ES BEIM BENZINER AUS?

    Im nächsten Jahr starten wir mit der neuen Generation unserer Otto-Motoren. Wir führen ein 48-Volt-Bordnetz ein. So werden die Grenzen zum Hybridfahrzeug verschwimmen. Damit lässt sich beispielsweise die Effizienz dank der Rekuperation der Bremsenergie weiter optimieren; bei gleichzeitig großem Gewinn in Sachen Komfort.

    Schritt für Schritt werden wir auf diese Weise alle Pkw von Mercedes-Benz elektrifizieren. Damit werden diese Modelle mehr und mehr zu Hightech-Autos mutieren. Außerdem werden wir als weltweit erster Hersteller unsere Benziner mit einem Otto-Partikelfilter ausstatten. Neben höchster Umweltverträglichkeit werden wir auch in Zukunft alles unternehmen, um die Effizienz unserer Antriebe – auch bei den Nutzfahrzeugen – weiter zu optimieren.

    „ Schritt für Schritt werden wir alle Pkw von Mercedes-Benz elektrifizieren. “

    Zur Person

    Thomas Weber leitet seit zwölf Jahren die Konzernforschung der Daimler AG und die Entwicklung von Mercedes-Benz Cars.

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