• App in die Parklücke.

  • App in die Parklücke.

    • 17. November 2016
    • Mobilitätskonzepte
    • Illustration: Adam Quest
    • Text: Walther Wuttke
    • Foto: Daimler

    Community based Parking in Stuttgart: Fahrzeuge sammeln im Vorbeifahren Informationen zu freien Parklücken und geben diese an andere Fahrzeuge weiter.

    Die meiste Zeit verbringt ein Fahrzeug im Ruhezustand – durchschnittlich steht es bis zu 23 Stunden am Tag still. Dafür braucht es Platz und glücklich darf sich schätzen, wer insbesondere in Städten eine freie Lücke gefunden hat. Die Suche nach einem der seltenen freien Plätze am Straßenrand gehört zu den ungeliebten Begleiterscheinungen der Massenmobilität. Sie trägt auch dazu bei, dass die Straßen in den Innenstädten überlastet und die Menschen hinter dem Lenkrad gestresst sind.

    Die Pirsch nach einem freien und legal belegbaren Stück Asphalt trägt mit bis zu 40 Prozent zum innerstädtischen Verkehrsaufkommen bei. Die mitunter an Sisyphos erinnernde Parkplatzsuche nimmt so einen bedeutenden Anteil an der urbanen Umweltbelastung ein. Gleichzeitig fahren aber Autos an freien Parklücken vorbei, ohne sie zu benötigen. Für diese Informationen wäre ein anderer Automobilist in der Nähe sicher äußerst dankbar. Suchende zu Findenden zu machen, ist das Ziel einer neuen Dienstleistung, an der Bosch und Mercedes-Benz arbeiten. Sie wird Anfang kommenden Jahres verfügbar sein.

     

    Sensoren tasten den Straßenrand ab

    Hinter dem etwas sperrigen Begriff „Community based Parking“ verbirgt sich das Konzept, bei dem die in den Automobilen vorhandenen Parksensoren Daten über verfügbare Plätze sammeln und diese Informationen mit den Parkplatzsuchenden in der Umgebung teilen. Die Sensoren des zur Parkplatzsuchmaschine entwickelten Mercedes-Benz können bis zu einer maximalen Geschwindigkeit von 55 km/h den Straßenrand abtasten. Die so ermittelten Lücken werden dann mittels Data Mining und mithilfe von Parkraumkarten als Stellplätze identifiziert. So scheiden zum Beispiel Ein- und Ausfahrten aus, wenn sie ständig als Lücken gemeldet werden. Aktuell wird der neue Service noch in einem Pilotprojekt in Stuttgart getestet.

    Die Suche nach Parkplätzen trägt mit bis zu 40 Prozent zum innerstädtischen Verkehrsaufkommen bei.

    In der ersten Ausbaustufe meldet der neue Service dem Suchenden zunächst lediglich die Wahrscheinlichkeit, einen freien Parkplatz in einer bestimmten Straße zu finden. Diese Hilfe wird Anfang kommenden Jahres angeboten. Der Fahrer kann dann die entsprechende Straße in sein Navigationsgerät eingeben und dort auf eine Erfolg versprechende Suche gehen.

    Zunächst werden die Daten ausschließlich in der App Mercedes me im Smartphone angezeigt. „Hier kann sich der Fahrer informieren, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass er in der Nähe seines Ziels seinen Mercedes auf einem freien Parkplatz abstellen kann“, erklärt Marc Hagmeister von Mercedes me connect. „Im zweiten Schritt“, so Hagmeister, „wollen wir die aktuell verfügbaren Parklücken auf dem Navi-Bildschirm anzeigen.“ Zusätzlich kann so auch die Zahl der freien Plätze in Parkhäusern gemeldet werden. Bei einer kurzen Testfahrt am Rande von Stuttgart zeigen die schnell nach rechts und links springenden Pfeile neben dem „P-Symbol“ in Hagmeisters C-Klasse ständig freie Plätze an, die zur weiteren Verarbeitung in die Cloud geschickt werden, um von dort aus an die App im Smartphone weitergeleitet zu werden.

     

    „Fast alle unsere Pkw bei Mercedes-Benz sind bereits intelligent vernetzt. Wenn sie dann auch noch mit den entsprechenden Sensoren ausgestattet sind, ist es für uns ein konsequenter Schritt, diese quasi im Vorbeifahren generierten Daten für eine schnelle Parkplatzsuche zu nutzen“, erklärt Sajjad Khan, Leiter Digital Vehicle and Mobility bei Mercedes-Benz. Die von der Sensorik gesammelten Daten werden an Daimler-Server gesendet, von wo aus die anonymisierten Daten an die Bosch-Cloud weitergeleitet werden.

    „ Es ist ein konsequenter Schritt, die im Vorbeifahren generierten Daten für eine schnelle Parkplatzsuche zu nutzen. “

    Sajjad Khan, Leiter Digital Vehicle and Mobility bei Mercedes-Benz

    Direkt zum Parkplatz

    In der weiteren Zukunft sollen die freien Plätze dann automatisch über die App an das Navigationsgerät im Auto gemeldet werden, sodass der Fahrer ohne Umwege an den freien Platz geleitet wird. Auf diese Weise können Treibstoff gespart und die Umwelt geschont werden. Zurzeit sind in Stuttgart verschiedene Mercedes Modelle unterwegs, die zusammen mit Bosch die Parkplätze ermitteln. Dabei können die Sensoren alle denkbaren Lücken (längs, quer und Fischgrätmuster) erkennen, die das System entsprechend sortiert.

     

    Zwischen dem Auffinden eines Parkplatzes und der Meldung soll in Zukunft nicht mehr als eine Sekunde vergehen, so die Zielsetzung der Entwickler. Bei einer täglich von 10.000 Autos befahrenen Straße reichen 20 Automobile, so Hagmeister, um eine vollständige Parkplatzkarte zu erstellen. Wenn der neue Service an den Start geht, sollen zunächst die Daten für 30 deutsche Städte vorliegen. Europaweit sollen anfangs insgesamt 100 Metropolen gespeichert werden.

     

    Zurzeit ist der Service allein auf die Kommunikation zwischen Mercedes Modellen beschränkt. Allerdings können sich die Entwickler vorstellen, dass in Zukunft auch andere Marken in den Kommunikations-Kreislauf einbezogen werden, um so eine umfassende Information über die Parkplatzsituation zu erhalten und dabei die Umwelt und das Nervengerüst der Autofahrer zu schonen.

    Zwischen dem Entdecken eines Parkplatzes und dem Melden soll in Zukunft nicht mehr als eine Sekunde vergehen.

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