ÖPNV auf App-Ruf.

  • 7. April 2016
  • Mobilitätskonzepte
  • Fotos: Daimler, Bobby Good
  • Text: Steffan Heuer

Mercedes-Benz startet gemeinsam mit Via in Kalifornien ein zukunftsweisendes Projekt, um auch in Suburbs ohne das eigene Auto spontan mobil zu sein.

Es ist kurz nach 18 Uhr in Ladera Ranch, einer Siedlung in Orange County südöstlich von Los Angeles. Jaime Anti und Craig Pyatt wollen den Feierabend in ihrer Lieblingsbar begießen. Anti zückt ihr Smartphone und bestellt mit ein paar kurzen Klicks ein Fahrzeug bei Via South OC, einem neuen Mobilitätsangebot von Daimler Business Innovation und Via, einem amerikanischen Start-up für On-Demand ÖPNV. Drei Minuten später fährt ein grauer Mercedes-Benz Metris Van vor und chauffiert das Paar zu seiner Verabredung. Dort angekommen brauchen die beiden nur auszusteigen, die Via South OC-App beendet automatisch die Fahrt und begleicht die Rechnung. „Dieser Service ist bequem und zuverlässig. Es gibt keinen Grund, unser eigenes Auto zu benutzen“, bestätigt Anti.

Bisherige Mobilitätsmodelle vernachlässigen den suburbanen Raum

Das Paar gehört zu den begeisterten ersten Kunden eines zukunftsweisenden Experiments, wie die Mobilität von Morgen in Amerikas Vorstädten aussehen könnte. „Wir betreten komplettes Neuland“, sagt Rasheq Zarif, Senior Manager für Business Innovation bei Mercedes-Benz Research and Development North America (MBRDNA). „Mobilitätsdienste für Städte ziehen viel Interesse und Aktivitäten auf sich, und Daimler hat in diesem Bereich schon viel vorzuweisen. Es gibt jede Menge Megastädte auf der Welt, doch Suburbs sind die eigentliche große Herausforderung bei der Frage, wie man Menschen intelligenter und nachhaltiger befördern kann.“ Die Vereinigten Staaten bestehen nicht nur aus großen Ballungszentren wie New York, Los Angeles oder Chicago, sondern ebenso aus vielen, weniger dicht besiedelten Vorstädten und ländlichen Siedlungsstrukturen. „Die aktuellen Geschäftsmodelle für Mobilität von Morgen berücksichtigen nicht, wo die Mehrheit der US-Bürger lebt“, erklärt Zarif.

Rasheq Zarif, Senior Manager für Business Innovation bei Mercedes-Benz Research and Development North America (MBRDNA)

 

 

 

 

Deswegen hat sich Daimler mit dem New Yorker Start-up Via zusammengetan, um in Orange County ein Experiment zu wagen. Hier in Südkalifornien stehen Bilderbuch-Suburbs: von großen Bauträgern am Reißbrett geplante Siedlungen, in denen hunderte große Einfamilienhäuser mit Garagen für mehrere Pkw und ausladenden Gärten in Reih und Glied stehen. Zwischen den einzelnen Siedlungen erstrecken sich Einkaufszentren und Freeways, die die Ballungszentren Los Angeles und San Diego verbinden.

Seit seinem Start im Dezember 2015 bietet Via South OC einen dynamischen und flexiblen Ridesharing-Dienst, der rund 8.500 Haushalte in einem Areal von rund 26 Quadratkilometern abdeckt. „Ladera Ranch ist das perfekte Testgebiet, denn die Kommune ist offen für neue Transportkonzepte und sie ist ein Spiegelbild unserer demografischen Zielgruppe“, sagt Zarif.

„ Wir betreten komplettes Neuland. “

Rasheq Zarif, Senior Manager für Business Innovation bei Mercedes-Benz Research and Development North America (MBRDNA)

Menschen lieben es bequem und verzichten ungern auf ihr Auto

Sorgfältig ausgewählte und ausgebildete Fahrer mit einer Fuhrbetriebslizenz betreiben eine kleine Flotte neuer Metris Vans. Sie garantieren, dass Kunden wochentags zwischen 8 und 22 Uhr von jedem Ort im Geschäftsgebiet innerhalb von fünf Minuten abgeholt und zuverlässig zu jedem anderen Ort im Geschäftsgebiet transportiert werden. Dieser ÖPNV auf App-Ruf kostet eine Pauschalgebühr von fünf Dollar. Anstelle von festen Routen und Fahrplänen bietet Via South OC spontane Mobilität, die obendrein deutlich preiswerter ist, als selber zu fahren bzw. ein Taxi oder einen herkömmlichen On-Demand Dienstleister zu bestellen.

Die örtlichen Kunden — zumeist junge Erwachsene oder Familien zwischen 20 bis Mitte 30 — loben das Experiment in den höchsten Tönen. „Menschen lieben es bequem und wollen deswegen höchst ungern auf ihr Auto verzichten. Unsere größte Herausforderung besteht darin, Anwohner mit diesem neuen Mobilitätsangebot vertraut zu machen. Wer Via einmal ausprobiert, erkennt schnell, dass man seine Zeit auf bessere Dinge verwenden kann, als mit seinem Wagen im Stau zu stehen“, erklärt Zarif. „Am Ende des Tages geht es darum, das Verhalten von Suburb-Bewohnern zu verändern — egal ob sie zur Arbeit pendeln oder einkaufen fahren. So etwas passiert nicht über Nacht, das dauert Jahre.“

Abgeholt innerhalb von fünf Minuten

Für jeden Van die optimale Route und Passagierzahl

Beide Partner bringen ihre Expertise aus dem Mobilitätsgeschäft ein. Während Mercedes-Benz mit seiner Metris-Flotte für ein konsistentes Kundenerlebnis im Premiumsegment sorgt und Erfahrungen mit dem Betrieb des weltweiten Carsharing-Dienstes Car2go besitzt, ist Via für die technische Infrastruktur verantwortlich. Seitdem es 2013 das weltweit erste dynamische ÖPNV-System in New York und Chicago lancierte, hat das Unternehmen seine Algorithmen kontinuierlich verfeinert.

Vias Software ist in der Lage, für jeden Van die optimale Route und Passagierzahl zu berechnen, ohne dass die Fahrgäste Abstriche bei der Bequemlichkeit machen müssen. So informiert die App Passagiere, auf welcher Seite einer Kreuzung sie warten sollen, damit das Fahrzeug möglichst wenig abbiegen muss und jeder Fahrgast so schnell wie möglich ans Ziel gelangt.

„Wir leisten das bereits Tag für Tag für Zehntausende von Passagieren. Es ist nur logisch, dass wir dieses Konzept als Nächstes in die Vorstädte bringen“, sagt Zachary Wasserman, Vias Vice President of Strategy. „Die Siedlungsdichte mag niedriger sein, aber wir können dennoch mehr Passagiere pro Fahrzeug und Stunde bedienen als mit jeder anderen Technologie.“

Weniger Straßen oder Parkplätze  — mehr Freiraum für Grünflächen und Fußgänger

Er vergleicht das erforderliche Umdenken mit der Einführung von Personenaufzügen in modernen Städten Anfang des 20. Jahrhunderts. „Die Menschen mussten sich erst an den Gedanken gewöhnen, dass sich städtischer Raum plötzlich viele Meter nach oben erstreckte — und wie man sich darin am besten bewegt. Wenn wir in den Suburbs einen ähnlichen Verhaltenswandel herbeiführen können, hieße das weniger Straßen oder Parkplätze und dafür mehr Freiraum für Grünflächen und Fußgänger.“

Noch ist Via South OC ein vergleichsweise kleines Experiment, aber die Nachfrage ist in den ersten zwei Monaten bereits so gestiegen, dass sowohl das Geschäftsgebiet verdoppelt wurde als auch die Betriebszeiten vom Nachmittag zu einem vollen Tag ausgedehnt wurden. Ab März konnten Fahrgäste einen Van vom Saddleback College im Norden, an dem 26.000 Studenten eingeschrieben sind, bis zu dem beliebten Ausflugsort San Juan Capistrano im Süden buchen — inklusive einer Metrolink-Station, die Pendler von und nach Los Angeles bedient, sowie zahlreicher großer Einkaufszentren und Büroparks. Eine typische Fahrt dauert fünf bis zehn Minuten. Via hat obendrein gute Beziehungen zu Kommunen, Bauträgern und örtlichen Geschäftsleuten aufgebaut, um den Erfolg des Konzepts zu verfolgen und es auszubauen.

Matthew Hall, Project Manager bei Mercedes-Benz Research and Development North America (MBRDNA)

Mit Carsharing, On-Demand ÖPNV und autonomen Fahrzeugen in die Zukunft der Mobilität

„Wir haben absichtlich klein angefangen, um Fehler zu beheben und mit der Zeit längere Geschäftszeiten und mehr geografische Abdeckung anzubieten“, erklärt MBRDNA Project Manager Matthew Hall. „Von den Nutzungsdaten bis zum persönlichen Feedback — alles deutet darauf hin, dass wir richtig liegen. Man kann sehr wohl in einer dünner besiedelten Vorstadt wohnen und mit seinem Smartphone einen Van bestellen. Was wir hier in Ladera Ranch lernen, lässt sich auf andere Regionen anwenden, wenn sich das Konzept der Shared Mobility durchsetzt.“

Einer der Gründe, weshalb sich Kalifornien als ideales Testgelände anbietet, ergänzt Zarif, liegt im Bestreben des Bundesstaates, das Angebot an nachhaltigen Transportmöglichkeiten auszubauen. So legt das California Air Resources Board Emissionsgrenzen nicht nur für Fahrzeuge und Unternehmen fest, sondern auch für Neubaugebiete. Genau das könnte der wirksamste Hebel sein, um Verhaltensmuster in einer traditionellen Autokultur zu verändern.

„Es dauert viele Jahre, um Einwohner in einer bereits bestehenden Siedlung dazu zu bewegen, hin und wieder auf ihr Auto zu verzichten. Aber wir sprechen mit Bauträgern, die ÖPNV auf Bestellung zu einem festen Bestandteil ihrer künftigen Neubauprojekte machen wollen“, berichtet der Business Innovation Manager. „Wenn man in sein neues Haus einzieht und ein Dienst wie Via fährt bereits durch meine Straße, bin ich viel eher geneigt, diesen Service in meinen Alltag zu integrieren.“ In einem guten Jahrzehnt, so die Vision der Vordenker von Ladera Ranch, wird daraus ein engmaschiges Netz aus unterschiedlichen Mobilitätsangeboten entstehen — vom Carsharing in der Innenstadt bis zu On-Demand ÖPNV am Stadtrand, bei dem autonome Fahrzeuge eingesetzt werden. „Die Zukunft der Mobilität in den Suburbs“, so Zarif, „ ist Realität, sobald man all diese Dienste zu einem nahtlosen Ökosystem verknüpfen kann.“

„ Alles deutet darauf hin, dass wir richtig liegen. “

Matthew Hall, Project Manager bei Mercedes-Benz Research and Development North America (MBRDNA)

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