Daimler, Moovel Lab: Roads to Rome
  • Roads to Rome – Zukunftsszenarien mit DataViz.

  • Roads to Rome – Zukunftsszenarien mit DataViz.

    • 8. March 2016
    • Mobilitätskonzepte
    • Illustration: Moovel Lab
    • Text: Verena Dauerer

    Das Stuttgarter moovel lab visualisiert Verkehrsströme und gibt Aufschluss über die Zukunft der Mobilität.

    Was wäre, wenn Drohnen Taxis ersetzten, wenn Autos in Städten mit einer Grasschicht bedeckt wären, wenn wirklich alle Straßen nach Rom führten? Seit über einem Jahr forscht dazu das Expertenteam des moovel lab, eine kleine Einheit der moovel Group GmbH, in Stuttgart. Das Kernprodukt der Daimler-Tochter ist die moovel App, die ihre Nutzer so effizient wie möglich von A nach B leitet. Das dreiköpfige Team des moovel lab entwickelt jedoch weit über die App hinaus Szenarien für die Zukunft der Mobilität. Eileen Mandir, Head of Product & Lab bei der moovel group, und ihr interdisziplinäres Team beschäftigt sich mit Bewegungsabläufen und Verkehrsströmen im urbanen Raum. Ein wichtiger Ansatz dabei ist, einen Zusammenhang zwischen dem Nutzer der moovel App, den Daten und der Technik dahinter herzustellen. Mit dem Ziel, übergeordnete Mobilitätsmuster zu erkennen, entstehen aus Big Data „smart Data“.

    Wie also können urbane Verkehrsströme erfasst, analysiert und gedeutet werden? Das geschieht zum Beispiel anhand von Datenvisualisierungen. Um die Zusammenhänge der Daten überhaupt visualisieren zu können, bedienen sich die Stuttgarter unterschiedlicher Darstellungsformen, wie zum Beispiel Kartendarstellungen und Videoclips, die an Science Fiction erinnern.

    Moovel: Frau Eileen Mandir

    Eileen Mandir, Head of Product & Lab, moovel

    Das Interessante am Lab ist, dass es Daten aus Fahrzeugen mit vermeintlich beliebigen Daten aus dem Internet per Algorithmus verknüpft. Auch das schnelle Tempo, indem die Berechnungen erfolgen, ist beeindruckend: Für die Karte Europas dauerten sie nur ca. fünf und die der USA ungefähr zwei Stunden. „Bei Innovationen, die so disruptiv sind wie vor 130 Jahren die Erfindung des Automobils, kommen herkömmliche Verkehrsplanungsinstrumente an ihre Grenzen,“ erläutert Mandir. Durch die parallele Entwicklung des Autonomen Fahrens, Elektromobilität und der Shared Economy fehle es an validen Annahmen über die Rahmenbedingungen der Zukunft. „Hier kann man nur spekulieren. Wir wissen heute noch nicht, in welcher Form sich Visionen in Produkten manifestieren. Es handelt sich um eine Verknüpfung von nachvollziehbaren, faktengetriebenen Untersuchungen und deren künstlerischer Umsetzung. Wir entwickeln Szenarien für eine denkbare und/oder wünschenswerte Zukunft mit den Methoden des spekulativen Designs“, sagt Eileen Mandir. Dabei bewegt sich das so genannte „spekulative“ Design zwischen Kunst und Wissenschaft. Einerseits so nah wie möglich an einer potenziellen realen Zukunft, andererseits mit so viel künstlerischer Freiheit wie nötig.

    „ Mobilität und Stadtentwicklung sind gesellschaftlich hochrelevante Themen, die wir in die Öffentlichkeit transportieren. “

    Eileen Mandir, Head of Product & Lab, moovel

    Herkömmliche Verkehrsplanungsinstrumente kommen an ihre Grenzen

    Mit seinem neuesten Projekt „Roads to Rome“ visualisiert das moovel lab nun mit spekulativem Design anschaulich, wie sich die Auswertungen der effizientesten Routen zu einem Punkt zu einer weltweiten „Straßen-DNA“ verdichten lassen. Ausgangspunkt für das Projekt ist die Redewendung „Alle Wege führen nach Rom“. Was, wenn man diese nun auf die heutigen Anliegen der Mobilität anwenden würde, um die effizientesten Wegstrecken zu ermitteln? Dafür analysierte Benedikt Groß, Research Associate for Speculative and Computational Design im moovel lab im Team den direktesten Weg von A nach B – in diesem Fall nach Rom. Hierbei fließen nicht nur die anonymisierten Daten des Bewegungsprofils eines digital vernetzten Fahrzeugs die Navigationsvorschläge ein. Die Grundlage, praktisch eine fundamentalere Ebene darunter, ist das Kartennetz selbst, das mit seinen Millionen an Knotenpunkten Aufschluss geben kann über Infrastrukturen und wie diese optimal genutzt werden können.

    Moovel Lab: Herr Benedikt Gross

    Benedikt Groß, Research Associate for Speculative and Computational Design im moovel lab

    Es geht darum, einen Diskurs anzustoßen

    Benedikt Groß überzog eine Karte von Europa mit einem Gitternetz aus 500.000 Punkten und ermittelte von jedem Einzelnen die kürzeste Fahrzeit mit dem Auto zu einem einzigen Zielpunkt. Zur Berechnung nutzte das Team die Open Source Routing Engine GraphHopper, eine Anwendung zur Routenberechnung vergleichbar mit der Vorgehensweise von Navigationssystemen. Mithilfe eines selbst entwickelten Algorithmus wurden dann die einzelnen Routen zu einem großen Ganzen zusammengefügt. Je öfter Streckenabschnitte mehrmals genutzt wurden, desto dicker wurde der Strang auf der Karte visualisiert. Nach und nach entstand so ein dichtes Geflecht für Europa, welches die Hauptschlagadern nach Rom offenbart.

    „ Die Navigation hat großen Einfluss auf das Mobilitätsverhalten. “

    Benedikt Groß, Research Associate for Speculative and Computational Design im moovel lab

    Die Idee eines einzigen Zielpunktes übertrug das Team schließlich auf den nordamerikanischen Kontinent, auch hier gibt es Städte mit dem Namen Rom. Daraus resultierten bislang über 3,3 Millionen Routen als filigrane und bunt schillernde Visualisierungen von Mobilitätsverhalten. Anders als bei einem langwierigen Forschungsprojekt hinter verschlossener Tür ist das Lab daran interessiert, möglichst schnell per Twitter, Blog und Website oder mehrtägigen Workshops die Öffentlichkeit zu erreichen – schließlich geht es ja darum, einen Diskurs anzustoßen. Durch Kritik oder Zuspruch erhält das moovel lab-Team ein Gefühl dafür, in welche Richtung es weiter arbeiten sollte.

    Spekulatives Design

    • Ein Gestaltungs-Ansatz, welcher das Ziel hat, Zukunfts-Szenarien zu veranschaulichen, so dass konkrete Aussagen über mögliche Entwicklungen getroffen werden können.

    Visualisierungen geben Erkenntnisse über Effizienz

    Eine weitere Idee ist der so genannte „Urban Mobility Fingerprint“. Dieser Fingerabdruck für Mobilität in und um Großstädte soll zeigen, wie effizient Verkehrsnetze einer Metropole angelegt sind. Ausgangsbasis ist die Annahme wie weit man mit dem Auto vom jeweiligen Stadtmittelpunkt aus in 15 Minuten Fahrzeit gelangt. Die Unterschiede etwa zwischen Berlin, wo alles zentralisiert auf den Mittelpunkt zuläuft, und Dubai, wo sich die Straßen entlang der Golfküste aufreihen, geben Aufschluss über die Effizienz des Straßennetzes – die charakteristische „Straßen-DNA“ einer Stadt. Dazu Eileen Mandir: „Die visuellen Umsetzungen ermöglichen es uns, komplexe Themen für eine breite Öffentlichkeit zu veranschaulichen und so eine Diskussion über Effizienz künftiger Verkehrsströme anzustoßen.“ Erkenntnisse, die früher nach monatelangen Messungen aus Listen und Tabellen gewonnen wurden, lassen sich heute innerhalb weniger Stunden aus farbigen Mustern ableiten.

    „ Wir entwickeln Szenarien für eine denkbare und/oder wünschenswerte Zukunft mit den Methoden des spekulativen Designs. “

    Eileen Mandir, Head of Product & Lab, moovel

    „Roads to Rome“ ist ein Anfang. Das moovel Team will in den kommenden Jahren mit seinen Visualisierungen die tägliche Mobilität für Millionen von Menschen zunächst analysieren, visualisieren und schließlich radikal vereinfachen, um die Lebensqualität in Ballungsräumen zu verbessern.

    moovel lab: http://lab.moovel.com

    Projekt: http://lab.moovel.com/projects/roads-to-rome

    Generatives Design

    • Eine Entwurfsmethode, deren Output durch Daten-Sammlungen oder Algorithmen bestimmt wird.

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