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Rollende Lieferboxen.

  • 23.03.2017
  • Mobilitätskonzepte
  • Illustration: Andrea Manzati
  • Text: Walther Wuttke

Wenn der Roboter Pakete bringt: Das estnische Unternehmen Starship Technologies löst in einem Pilotversuch in Hamburg das Logistik-Problem der letzten Meile.

Die Zukunft der urbanen Logistik fährt autonom auf sechs Rädern über den Gehweg und erinnert dabei auf den ersten Blick an eine rollende Kühlbox. Mit rund vier km/h (möglich sind bis zu 16 km/h) schlängeln sich die futuristischen Gefährte an den Passanten vorbei, vermeiden geschickt Hindernisse und liefern ihre Fracht pünktlich beim Besteller ab. Mit dieser Technik, so hoffen ihre Schöpfer und die ersten Testkunden, soll die Zustellung von Waren in den Stadtzentren deutlich umweltfreundlicher werden.

Die Transport-Roboter wurden in Estland von dem Unternehmen Starship Technologies entwickelt, an dem sich Mercedes-Benz Vans jetzt mit 16,5 Millionen Dollar beteiligt hat. Noch in diesem Jahr wird Mercedes-Benz Vans in einem Testbetrieb die Kombination von Transporter und Lieferroboter in der Praxis einsetzen. Dabei dient ein Sprinter als mobiles „Mutterschiff“, von dem aus acht Starship-Roboter den Transport auf der letzten Meile übernehmen sollen.

Gesteinsproben vom Mars

„Der Transporter als mobiler Hub erhöht zum einen den Einsatzradius der Roboter erheblich und macht zudem den kostenintensiven Bau und Betrieb dezentraler Warenlager überflüssig“, erklärt Volker Mornhinweg, Leiter Mercedes-Benz Vans. Und: „Wir sehen in der Kombination dieser beiden Technologien die Chance, unseren Transportkunden vollkommen neue Services und Geschäftsmodelle zu ermöglichen und machen gleichzeitig die Belieferung für den Endkonsumenten komfortabler, denn das Konzept ermöglicht eine termingerechte Zustellung der Waren beim Besteller.“

Starship-Mitgründer Ahti Heinla hatte ursprünglich galaktische Pläne mit dem Roboter, den er entwickelt hatte. Dieser sollte auf dem Mars Gesteinsproben sammeln. Heinla beteiligte sich deshalb an einem entsprechenden Wettbewerb der NASA und widmete sich danach zusammen mit Partner Janus Friis (die beiden waren auch an der Gründung von Skype beteiligt) dann doch irdischen Transportproblemen. 2014 entstand Starship Technologies, wobei der Name gewiss nicht zufällig gewählt wurde. Seit vergangenem Jahr sind die Roboter unter anderem in den USA, Großbritannien, der Schweiz und Deutschland im Testbetrieb unterwegs.

Der Starship-Mitgründer wollte seinen Roboter zuerst auf den Mars schicken.

Hamburg testet bereits erfolgreich

In Deutschland testet das Logistikunternehmen Hermes die rollenden Lieferboxen in Hamburg. Der ursprünglich bis Ende Dezember 2016 geplante Testbetrieb wurde Anfang des Jahres um weitere drei Monate verlängert. „Nachdem die Roboter bisher Pakete ausgeliefert haben, sollen sie jetzt auch Retouren annehmen und in die Paketshops bringen“, erklärt ein Hermes-Mitarbeiter. Eingesetzt werden die drei Test-Roboter von Paketshops in den Hamburger Stadtteilen Ottensen und Grindel. Von dort aus bedienen sie Kunden, die in einem Umkreis von ein bis zwei Kilometern wohnen. Maximal wären auch drei Kilometer möglich.

 

„Bis zu sieben Mal am Tag gehen die Transporter auf Tour und beliefern die rund 500 Testkunden.“ Das Logistikunternehmen reagiert mit dem Pilotbetrieb auf den rasant wachsenden Internethandel, der die Transportbranche vor anspruchsvolle Aufgaben stellt. „Außerdem müssen wir an die Umwelt denken“, so der Hermes-Sprecher. Die Starships laufen emissionsfrei und lautlos, sollten sie in Zukunft auch nachts eingesetzt werden, könnten sie die Logistik in Innenstädten zusätzlich entzerren.

„ Bis zu sieben Mal am Tag gehen die Transporter auf Tour und beliefern die rund 500 Testkunden. “

Hermes-Mitarbeiter

Ein Lotse passt auf

Zwar sind die Starship-Roboter für autonomes Fahren ausgelegt, doch werden sie aktuell noch von einem im Hintergrund agierenden Lotsen begleitet, der im Notfall eingreift. Zusätzlich sind die Transporter mit der Starship-Zentrale in Tallin verbunden, die ebenfalls reagieren kann, wenn sich Probleme ergeben. Insgesamt neun Kameras und zusätzliche 360-Grad-Ultraschallsensoren registrieren Hindernisse und analysieren gleichzeitig, ob es sich bei dem Hindernis zum Beispiel um einen Hund, einen Radfahrer oder Passanten handelt. So ausgerüstet lernt der Transporter seine Route kennen (Learning bei Driving) und fährt nach einer gewissen Zeit weitgehend autonom, ohne dass der Lotse eingreifen muss.

 

Vor dem ersten Einsatz, so Starship Technologies, „kartographiert der Roboter die Umgebung, bevor er autonom fahren kann.“ Der Transporter nutzt eine Mischung aus GPS und Computer Vision, um seine Position bis auf einen Zoll (2,5 cm) zu vermessen und ist damit deutlich exakter als GPS, das lediglich bis 30 Meter genau ist. Wenn sich ein Hindernis in den Weg stellt, stoppt der Transporter in einer sicheren Entfernung (Bremsweg 30 cm). Bordsteine bis zu einer Höhe von 20 cm werden problemlos bewältigt.

 

„ Nachdem die Roboter bisher Pakete ausgeliefert haben, sollen sie jetzt auch Retouren annehmen und in die Paketshops bringen. “

Hermes-Mitarbeiter

Öffnen der Box per App

Bei einem Test im Silicon Valley waren die Roboter zu 90 Prozent autonom unterwegs. „Wir streben allerdings 99 Prozent an“, so Starship Technologies. Der Lotse, der in Hamburg alle Einsätze begleitet, musste bisher nur selten eingreifen. Die Akkus sind für zwei Stunden Fahrt ausgelegt. Die Transporter können Frachten bis zu zehn Kilogramm zum Kunden bringen, der nicht mehr als 4,8 Kilometer (drei Meilen) vom Lieferanten entfernt wohnen sollte.

Bereits bei der Online-Bestellung legen sich die Kunden auf die Lieferung durch den Starship-Roboter fest. Über das Smartphone kommt die Benachrichtigung, dass die Ware bereit zur Lieferung ist. Nun kann der Kunde frei wählen, wann er seine Fracht in Empfang nehmen will. Über die App lässt sich der Laderaum öffnen und die Waren entnehmen. In Zukunft, so Starship, „sollen die Transporter von speziellen Zentren aus operieren.“ Die Kosten je Transport sollen, so das Unternehmen, bei rund einem Euro pro Lieferung liegen.

Unauffällige Lieferanten

Bisher haben 50 Roboter rund 16.000 Kilometer in 56 Städten in 16 Ländern zurückgelegt und sind dabei geschätzt mehr als 1,7 Millionen Menschen kollisionsfrei begegnet, von denen nach Angaben von Starship Technologies 70 Prozent den Transporter gar nicht wahrgenommen haben. Die Reaktionen der restlichen 30 Prozent waren überwiegend positiv. Ähnliche Erfahrungen machen auch die Starship-Lotsen in Hamburg. „Die meisten Passanten verhalten sich neutral bis positiv, und viele bewerben sich spontan als Testkunden nachdem sie von unserem Lotsen informiert wurden“, haben die Hermes-Verantwortlichen in Hamburg beobachtet. Wie in den anderen Testgebieten hat auch in der Hansestadt niemand versucht, einen Roboter zu stehlen.

Passanten bewerben sich spontan als Testkunden.

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