Ruhe bitte!

  • 2. December 2015
  • Mobilitätskonzepte
  • Text: Rüdiger Abele

Städte sind untrennbar mit Menschen und ihren Autos verbunden. Was tun, wenn es zu eng für beide wird? Getrennte Wege gehen, sprich Verkehrswege trennen, lautete früher die Antwort der Stadtplanung. Heute lässt sich die Aufenthaltsqualität in Innenstädten steigern, indem Geräuschemissionen verringert werden.

Lärm nervt. In den Städten sorgen Fahrzeuge, Industrie, Versorger, Handel und Aggregate aller Art für lästige Dezibel-Pegel. Damit Autos leiser werden, übererfüllt Mercedes-Benz sogar häufig gesetzliche Eckwerte und Zulassungsbestimmungen.

Für 2024 ist bei einer genormten‚ beschleunigten Vorbeifahrt’ der Grenzwert bereits jetzt auf 68 Dezibel festgelegt. So werden bei der Neukonstruktion von Fahrzeugen beispielsweise besonders leise Komponenten ausgewählt, Dämmmaterialien entsprechend spezifiziert oder auch die Aerodynamik mit Blick auf Geräusche optimiert.

RUHE IST WAHRER LUXUS

Gleichzeitig zählen Geräusche zu den Faktoren für Komfortempfinden und Fahrzeuge von Mercedes-Benz genießen von jeher den Ruf eines besonders hohen Komforts. „Das ist letztendlich unser wichtigstes Arbeitsthema“, sagt Sperber, bei Mercedes-Benz Leiter für die Akustik Gesamtfahrzeug: „Es geht darum, Kundenwünsche klanglich zu erfüllen. Das reicht bis hin zur Hifi-Anlage. Ein leises Auto ist nun einmal die beste Basis für Highend-Sound.“

„Gerade entsteht im Mercedes-Benz Technology Center in Sindelfingen ein neuer Akustikprüfstand“, erläutert Tobias Beitz, Leiter Sound Quality und Sound Design. „Drei Hauptarbeitsfelder werden dort bearbeitet: Geräusche reduzieren, zum Beispiel vom Antrieb, Störgeräusche eliminieren und Klang gestalten, etwa ein Blinkergeräusch.“

AUS LÄRM WIRD KLANG

Perspektivwechsel. Wo sich Geräusche nicht verringern lassen, helfen städtebauliche Ideen das Leben in Städten angenehmer zu gestalten. Unweit von Sindelfingen liegt Böblingen, der Daimler Standort für Forschung und Vorentwicklung. Im Zentrum der Stadt filtert eine Klanginstallation Fahrzeuggeräusche an einer vielbefahrenen und -begangenen Kreuzung.

Entlang der Kreuzung aufgereihte Wasserfontänen sprudeln kraftvoll und sehr vernehmlich, wenn Autoampeln auf Grün stehen. Folge: Die Fahrgeräusche von bis zu 80 Dezibel treten deutlich in den Hintergrund. Haben hingegen die Fußgänger grünes Licht, plätschern die Fontänen sanft und die Innenstadt erscheint für einen Moment wunderbar leise.

Im Weltmaßstab gesehen mag der Elbenplatz nur eine winzige Kreuzung sein. Doch Verkehrsgeräusche sind eine Herausforderung für das Leben in Städten jeglicher Größe, und so liefert Böblingen ein gutes Beispiel, wie die Geräuschwahrnehmung in vollen Innenstädten aktiv beeinflusst werden kann.

ELEKTRISCH LEISER UNTERWEGS

Mit der zunehmenden Verbreitung von Elektroautos wächst die Hoffnung, dass sie eine Geräuschentlastung bringen werden. Doch das ist nur begrenzt der Fall, wie beispielsweise das deutsche Umweltbundesamt (UBA) erwartet: Bis 25 km/h sind sie leiser als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor, darüber übernehmen Abrollgeräusch der Reifen und Windverwirbelungen das Konzert – wie bei den konventionell angetriebenen Pendants auch.

Die Lärmentlastung kann nach Einschätzung des UBA von anderen Fahrzeugklassen kommen: Mopeds, Motorräder, aber auch Müllsammelfahrzeugen, Stadtbussen und andere Nutzfahrzeugen. Haben diese einen Elektroantrieb, sind sie deutlich leiser als bisher. Entscheidend ist aber auch generell der Anteil von Elektrofahrzeugen an der Gesamtflotte – und da wird es noch eine Zeit lang dauern, bis er merklich ist.

Und eine kleine Ironie gibt es bei Elektrofahrzeugen auch: Weil sie so leise sind, schreiben einige Länder aus Sicherheitsgründen insbesondere bei niedrigen Fahrgeschwindigkeiten bereits Geräuschgeneratoren in den Fahrzeugen vor – damit Fußgänger langsam fahrende Stromer überhaupt hören können.

DIE SACHE MIT DEM LÄRM

Dezibel wird für verschiedene physikalische Einheiten benutzt und beschreibt als „db(A)“ den Schalldruckpegel. Die Zahl davor ist immer relativ und logarithmisch dargestellt. Logarithmisch bedeutet in diesem Fall, dass die Intensität von Lärmpegeln nicht gleichmäßig zunimmt, sondern mit jedem einzelnen dB(A)-Schritt überproportional an Dramatik gewinnt. Genau parallel dazu steigt das krankmachende Potenzial.

 

Flüstert der Mensch, entspricht das einem Schalldruckpegel von etwa 30 Dezibel. Leise Radiomusik oder Vogelgezwitscher liegen bei 50 Dezibel, sind noch ungefährlich, können jedoch bereits Konzentrationsschwächen verursachen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO stuft Schallpegel ab 55 Dezibel als gefährdend ein, ist man diesen ständig ausgesetzt. Das Risiko für Herz- und Kreislauferkrankungen steigt. Beispiele sind: Staubsauger (70 Dezibel), ältere Personenwagen (75 Dezibel) oder starker (Lastwagen-)Verkehr (80 Dezibel). Alles darüber ist bei zu langer Einwirkung aufs Gehör oder ohne Schutzmaßnahmen deutlich ungesund.

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