• Assistenten denken und lenken.

  • Assistenten denken und lenken.

    • 8. September 2015
    • Vernetzung
    • Text: Jochen Kruse

    Assistenzsysteme der nächsten E-Klasse analysieren komplexe Verkehrssituationen, reagieren auf Gefahrenpotenzial im Straßenverkehr und kommunizieren mit dem Smartphone des Fahrers.

    Die Fähigkeiten der Sicherheits- und Assistenzsysteme nehmen zu. Die nächste E-Klasse analysiert komplexe Verkehrssituationen und kann frühzeitig auf Gefahrenpotenziale im Straßenverkehr reagieren. Eine weiterentwickelte Stereo-Multi-Purpose-Kamera hinter der Windschutzscheibe, neue Radarsensoren rund ums Fahrzeug, bewährte Sensoren wie Ultraschall sowie die Optiken der 360°-Kamera sind miteinander vernetzt und liefern hierzu die nötigen Daten. Weltpremiere hat die E-Klasse im Januar 2016.

    AUS SCHLICHTEM TEMPOMAT WURDE SCHLAUER CO-PILOT

    So kann das Fahrzeug auf Autobahnen und Landstraßen nicht nur automatisch den korrekten Abstand zu vorausfahrenden Fahrzeugen halten, sondern ihnen auch im Geschwindigkeitsbereich bis 210 km/h folgen. Der Abstands-Pilot entlastet den Fahrer, indem er im normalen Fahrbetrieb bremst oder Gas gibt und der Lenk-Pilot unterstützt sogar in leichten Kurven.

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    Bis zu einer Geschwindigkeit von 130 km/h ist das System dabei nicht unbedingt auf deutlich sichtbare Fahrbahnmarkierungen angewiesen und kann auch bei uneindeutigen Linien etwa in Baustellen weiterhin aktiv eingreifen. Die Kamera des Geschwindigkeitslimit-Piloten erkennt Geschwindigkeitsbeschränkungen oder über die Navigation ermittelte Limits, beispielsweise 50 km/h innerorts oder 100 km/h auf Landstraßen.

    SICH BREMSEN LASSEN BEVOR ES KRACHT

    Der Aktive Brems-Assistent gleicht die Signale der verschiedenen Sensoren miteinander ab und analysiert sie. Er nutzt intelligente Algorithmen, um den Fahrer vor drohenden Unfallsituationen zu warnen, ihn bei Notbremsungen optimal zu unterstützen und notfalls bremst er automatisch selbst. Er erkennt neben langsamer fahrenden, anhaltenden oder stehenden Fahrzeugen auch Querverkehr in Kreuzungssituationen, Stauenden und Fußgänger, die sich im Gefahrenbereich vor dem Fahrzeug befinden. Reagiert der Fahrer spontan auf eine ihm gefährlich erscheinende Situation mit einem Fußgänger hilft der Ausweich-Lenk-Assistent kontrolliert auszuweichen und erleichtert anschließend das Geradestellen des Fahrzeugs, um so sicher weiterfahren zu können.

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    An Bord der E-Klasse tauschen sich die Assistenten nicht nur untereinander aus. Sie sind auch mit dem Server von Mercedes-Benz per Mobilfunk vernetzt. Car-to-X kommuniziert beispielsweise mit vorausfahrenden Fahrzeugen, kann einen Blick um die Ecke oder durch Hindernisse hindurch ermöglichen und den Fahrer frühzeitiger als bisher vor drohenden Gefahren, wie einem Pannenfahrzeug am Straßenrand, warnen.

    PER APP DAS FAHRZEUG ÖFFNEN, STARTEN, PARKEN

    Wer will, kann mit seinem Smartphone das Fahrzeug entriegeln und auch starten. Die Near Field Communication ersetzt den Fahrzeugschlüssel. Es genügt, das Smartphone zum Öffnen an den Türgriff zu halten. Ein weiterer Schritt zum automatisierten Fahren bietet der Remote Park-Pilot. Falls die Lücke mal zu eng ist, können Fahrer auch mit ihren Smartphones ein- und ausparken. Die Smartphone-App lenkt und bremst automatisch, solange der Fahrer eine Bestätigungsgeste auf dem Smartphone kontinuierlich ausführt.

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    Über das eigene Daimler Vehicle Backend bzw. die Kommunikationsschnittstelle in das Fahrzeug werden die Daten für den Infotainment-Bereich und die Daten für die Fahrzeugfunktionen durch technische Maßnahmen strikt getrennt und zusätzlich verschlüsselt. Um die IT-Systeme gegen Angriffe von außen zu schützen, beschäftigt Daimler darüber hinaus Spezialisten, die sich hinsichtlich Verschlüsselung, Trennung von Domänen und Schnittstellen zwischen sicherheitsrelevanten Funktionen im Fahrzeug bestens auskennen. Regelmäßig werden mögliche Angriffsszenarien simuliert und so genannte Penetrationstests durchgeführt.

    „ Datenschutz steht an der gleichen Stelle wie Sicherheit. “

    WILKO STARK, LEITER DAIMLER STRATEGIE & MERCEDES-BENZ CARS PRODUKTSTRATEGIE UND -PLANUNG

    TÜCHTIG, VERSCHWIEGEN UND LOYAL

    Wilko Stark, Leiter Daimler Strategie & Mercedes-Benz Cars Produktstrategie und -planung, stellt klar: „Wir als Automobilhersteller haben kein Interesse daran, die Daten unserer Kunden weiterzugeben oder zu verkaufen. Der Datenschutz steht bei uns an der gleichen Stelle wie die Sicherheit des Fahrzeugs.“ Die vielen Assistenten der neuen E-Klasse sind also nicht nur hilfreich, sie sind auch verschwiegen.

    “DEN FAHRER BESTMÖGLICH UNTERSTÜTZEN.”

    Ein Gespräch mit Michael Hafner, Leiter Fahrerassistenzsysteme

    Dr. Michael Hafner leitet den Bereich Entwicklung Fahrerassistenzsysteme und Aktive Sicherheit bei Mercedes-Benz. Zuvor war der promovierte Ingenieur unter anderem mit dem verwandten Bereich Bremsregel- und Fahrwerkssysteme sowie mit Regelungstechnik und neuronalen Netzen befasst.

    Next: Der letzte Quantensprung bei den Assistenzsystemen gelang Mercedes-Benz 2013 dank verbesserter Sensorik und Sensorfusion. Vor wenigen Jahren wäre ein Rundumblick eines Autos noch als Utopie abgetan worden. Ist das Thema Assistenzsysteme damit technisch ausgereizt, oder wo steckt aus Ihrer Sicht noch Zukunftspotenzial?

    Dr. Hafner: In der Tat waren die Einführung der Stereokamera und die Fusion der Daten verschiedener Sensoren entscheidende Schritte, die uns heute einen klaren Vorsprung gegenüber dem Wettbewerb geben. Zukunftsaufgaben sind die Verfeinerung der Sensorsignale und der Algorithmen, mit denen die Assistenzsysteme zur Unterstützung der Fahrer tätig werden.

    Next: Bei der kommenden E-Klasse heben Sie „Intelligent Drive“ auf die nächste Ebene. Was genau muss man darunter verstehen?

    Dr. Hafner: Mit dem System „Intelligent Drive next Level“ legen wir die Messlatte in der neuen E-Klasse wieder ein Stück höher und gehen damit den nächsten Schritt auf dem Weg zum autonomen Fahren. Es kann in vielen Punkten mehr als heutige Assistenzsysteme: Neu ist das ferngesteuerte automatische Einparken, neu ist, dass die E-Klasse vorausfahrenden Fahrzeugen bis 210 km/h auch in leichten Kurven folgen kann und dabei das aktuelle Tempolimit automatisch übernimmt und neu sind eine Vielzahl von Zusatzfunktionen wie etwa ein Ausweichassistent oder die Stauende-Notbremsung. Außerdem werden wir als erster Automobilhersteller Car-to-X-Kommunikation ins Fahrzeug integrieren und dadurch auch Informationen von außerhalb des bisherigen Sichtbereichs der Sensorik nutzen können. Aber aus Entwicklersicht ist etwas Anderes entscheidend: Die E-Klasse verfügt über eine ‚offene‘ Elektronik-Architektur. Sie ist offen für Weiterentwicklungen. Das heißt: Wir können im Laufe des Modelllebens weitere Innovationen integrieren.

    Next: Was ist da noch zu erwarten?

    Dr. Hafner: Unsere Vision ist das unfallfreie Fahren. Und diese Vision ist untrennbar mit dem autonomen Fahren verbunden. Denn ein autonomes Fahrzeug muss Kollisionsgefahr erkennen und bannen, und ein unfallfreies Fahrzeug ist ohne steigende Automatisierung nicht denkbar. Durch die offene Elektronik-Architektur können wir jeden Schritt, den wir in der Entwicklung in diese Richtung machen, schnell in die laufende Produktion bringen – und damit unseren Vorsprung bei der Entwicklung intelligenter Assistenzsysteme halten und ausbauen.

    Next: Je zahlreicher und komplexer Assistenzsysteme werden, umso weniger verstehen Autofahrer ihre Funktion und Wirkungsweise im Detail. Braucht es mehr plakative Symbole wie zum Beispiel die Kaffeetasse bei ATTENTION ASSIST?

    Dr. Hafner: Nicht unbedingt. Sehr gute Assistenzsysteme wachen im Normalfall im Hintergrund oder unterstützen die Fahraufgabe komfortabel, ohne dabei zu bevormunden. Wichtig ist, dass die Assistenten dann unterstützen, wenn sie gebraucht werden. Dies zeigen wir bereits durch Symbole oder kleine Grafiken an, sodass der Fahrer den Eingriff des Assistenzsystems zuordnen kann. Wer sich intensiver mit der Wirkungsweise befassen möchte, hat über die Betriebsanleitung die Möglichkeit dazu. Diese ist auch digital auf dem Bildschirm im Auto verfügbar.

    Next: Gehört zur gesamtheitlichen Betrachtung des sicheren Fahrens auch das Bedienkonzept?

    Dr. Hafner: Selbstverständlich. Wesentliche Grundlage zur sicheren Nutzung aller neuen Funktionen ist gemäß der Mercedes-Benz Sicherheitsphilosophie ein ergonomisch vorbildliches Bedien- und Anzeigekonzept: Der Fahrer darf nicht vom Straßenverkehr abgelenkt werden. Head-up Display, Touchpad und Sprachbedienung sind Elemente dieses Konzepts, denn sie vereinen intuitive Bedienung mit leichter sowie schneller Erfassbarkeit von Informationen.

    Next: Welches Assistenzsystem schätzen und benutzen Sie persönlich am häufigsten?

    Dr. Hafner: Ich empfinde besonders DISTRONIC PLUS mit dem Lenk-Assistenten als eine äußerst komfortable Unterstützung, speziell in Stausituationen durch den Stop&Go-Pilot. Die neue E-Klasse mit dem Fahrerassistenz-Paket der vierten Generation ist in der Lage, den Fahrer von 0-210 km/h im fließenden Verkehr, in der Kolonne und im Stau größtmöglich zu unterstützen. Wer das erlebt hat, möchte nicht mehr darauf verzichten. Darüber hinaus schätze ich vor allem, dass im Hintergrund die PRE-SAFE®-Bremsfunktionen stets wachsam sind, künftig auch an Kreuzungen – obschon man sie im besten Fall nie benötigt.

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