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Platooning-Technologie von Mercedes-Benz für LKWs , hier in der Stadt zu sehen

Die digitale Zukunft des LKW.

  • 23.06.2016
  • Vernetzung
  • Fotos: Daimler
  • Text: Walther Wuttke

Eine Sternfahrt quer durch Europa zeigt: Mit High-Tech vernetzte Trucks fahren sicherer, verbrauchen auf Autobahnen weniger Platz und sparen auch noch Sprit.

Die Zukunft der Mobilität passiert ganz einfach: Der Fahrer drückt auf zwei blaue Schalter.  Ein Symbol im Cockpit des Mercedes-Benz Actros leuchtet auf und zeigt an, dass der auf der Autobahn A61 rollende 40-Tonner jetzt zu einem Teil eines Konvois geworden ist. Der Konvoi besteht aus drei Trucks, die miteinander vernetzt sind. Dank des von Daimler entwickelten Highway Pilot Connect könnte der Truckfahrer nun in die Rolle eines Logistikers wechseln und sich um andere Dinge kümmern – so sieht es wenigstens das Zukunftsszenario vor. Das Fahren übernehmen derweil Kameras und ein Sensoren-Netzwerk, das alle äußeren Einflüsse registriert und in die entsprechenden Reaktionen übersetzt.

Dass dieses Szenario bereits heute ziemlich nahe an der Realität fährt, zeigte Daimler schon bei einer Testfahrt von drei miteinander vernetzten Actros über die Autobahn A52 zum Campus Connectivity in Düsseldorf. In einem noch größeren Maßstab demonstrierte jetzt die „European Truck Platooning Challenge“ (Platoon = Wagenpulk) die Tauglichkeit des vernetzten Fahrens. An dieser Sternfahrt quer durch Europa mit Ziel Rotterdam beteiligten sich insgesamt sechs Hersteller mit ihren vernetzt fahrenden Trucks. Die Initiative für dieses Experiment ging von der niederländischen Regierung im Rahmen ihrer EU-Ratspräsidentschaft aus.

Die Technik macht’s möglich: Blitzschnelle Reaktion

Der Highway Pilot Connect zeigt, welche Chancen und handfeste Vorteile sich aus der Vernetzung der Fahrzeuge sowohl untereinander als auch mit der Infrastruktur ergeben. Eine Telematikplattform an Bord der Trucks, die über einen speziellen Automobil-WLAN-Standard mit den anderen Fahrzeugen und mit der Infrastruktur kommuniziert, macht die Vernetzung der Trucks möglich. Insgesamt verwertet die Technik die Informationen der Video-Link- und Stereokamera sowie des Connectivity-Steuergeräts. Hinzu kommen die Radarmodule für den Nah- und Fernbereich sowie das Steuergerät zur Multisensordatenfusion. So ausgerüstet, können die vernetzten Trucks sicher über die Autobahn rollen und dem „Leitwolf“ folgen. Bei Bedarf sind sie in der Lage innerhalb von 0,1 Sekunden auf gefährliche Situationen mit einer Notbremsung zu reagieren.

„ Wenn der Gesetzgeber freie Fahrt gibt, könnten wir unsere Technik in drei bis vier Jahren serienreif haben. “

Martin Zeilinger, Leiter Vorentwicklung bei Daimler-Trucks

Ein durchschnittlicher Fahrer reagiert erst nach bis zu 1,4 Sekunden. „Bei einer Geschwindigkeit von 80 km/h ist der Truck dann noch gut 30 Meter unterwegs, bis der Fahrer auf die Bremse tritt. Bei der elektronischen Notbremsung sind es nur 2,2 Meter“, erklärt Martin Zeilinger, Leiter Vorentwicklung bei Daimler-Trucks. Zeilinger verfolgt während der Fahrt auf der Autobahn aufmerksam, wie „sein Actros“ im Platoon rollt. Zeilinger lässt sich auch nicht aus der Ruhe bringen, wenn sich waghalsige Autofahrer vor den 40-Tonner drängeln. Der Truck reagiert prompt, vergrößert den Abstand und schließt sofort wieder auf, sobald der Eindringling zurück auf die linke Spur gewechselt ist. Im Gegensatz zum Fahrer kennt der Truck keinen Adrenalinausstoß oder plötzlich galoppierenden Blutdruck.

Die Gesetzgebung muss noch freie Fahrt geben

Damit der Trucker jederzeit weiß, was an der Spitze des Konvois geschieht, übermittelt die Kamera im ersten Truck das Verkehrsgeschehen auf einen kleinen Bildschirm neben dem Lenkrad. Ansonsten blickt der Fahrer vor allem auf die Rückseite des Anhängers, der sich gerademal 15 Meter vor ihm befindet. Dank der Fahrt im Konvoi und der schnell reagierenden Elektronik ist dieser geringe Abstand möglich. „Leider ist die Gesetzgebung noch nicht so weit wie unsere Technik“, bedauert Zeilinger die juristische Hürde. „Wenn der Gesetzgeber freie Fahrt gibt, könnten wir unsere Technik in drei bis vier Jahren serienreif haben.“

Reaktionsschneller als ein durchschnittlicher Fahrer

Während Zeilinger die Technik und die Zukunft erklärt, rollt der Actros als Dritter im Verbund über die dicht befahrene Autobahn Richtung Rheinland. Der Truck reagiert erstaunlich sanft auf die Fahrmanöver seiner Partner vor ihm. Unser Highway Pilot Connect ist ausschließlich für Autobahnen mit eindeutigen Markierungen ausgelegt“, erklärt Zeilinger. Und in manchen Situationen ist auch wieder Handarbeit gefordert. „Wir haben bewusst darauf verzichtet, auch den Spurwechsel zu automatisieren“, erklärt Zeilinger zum Beispiel.

Vom Trucker zum Logistiker

Im Zukunftsszenario der vernetzten Logistik hätte der Fahrer jetzt Zeit, Kontakt mit dem Disponenten in der Spedition aufzunehmen, mitzuteilen, wann der Zielort erreicht wird oder könnte sich um neue Fracht kümmern, wenn der Trailer nicht ausgelastet ist. Der Fahrer wird also nicht überflüssig, wie einige Trucker beim Anblick der kleinen Kolonne befürchten. Stattdessen verändert sich das Berufsbild und erfährt eine Aufwertung.

Rund sieben Prozent weniger Treibstoff

Den Laien mögen diese Logistik-Tätigkeiten ablenken und die Aufmerksamkeit vom Verkehrsgeschehen ziehen. Zeilinger gibt jedoch Entwarnung: „Wir haben bei ,Platooning’-Testfahrten die Hirntätigkeit der Fahrer bei Nebentätigkeiten gemessen und dabei herausgefunden, dass die Aufmerksamkeit nicht abnimmt, sondern im Gegenteil um 25 Prozent steigt.“

 

Deutlich effektiver: Sicherer fahren und auch noch Sprit sparen

Mit „Platooning“ lässt sich die vorhandene Infrastruktur wesentlich besser als bisher nutzen. Das birgt erhebliche Vorteile. Denn der Frachtverkehr wird sich im den kommenden drei Jahrzehnten verdreifachen, ohne dass das Straßennetz entsprechend mitwächst. Durch den geringen Abstand der Lastwagen untereinander können die vorhandenen Straßen deutlich effektiver genutzt werden. Drei Sattelzüge im Konvoi belegen zusammen nur noch 80 Meter Fahrbahn gegenüber 150 Meter im konventionellen Verkehr. Gleichzeitig wächst die Verkehrssicherheit, denn der Verbund aus Kameras und Sensoren registriert Gefahrenpunkte deutlich früher als der Mensch und reagiert entsprechend.

 

Die ersten Spediteure „sind bereits neugierig und zeigen Interesse an Praxistests“, berichtet Zeilinger. Offensichtlich hat sich herumgesprochen, dass sich „Platooning“ vor allem an der Tankstelle auszahlt. Dank des erheblich geringeren Luftwiderstands verringert sich der Treibstoffverbrauch im Durchschnitt um rund sieben Prozent. Ein vollbeladener 40-Tonner kann auf ebener Strecke mit 25 Litern also bis zu 100 Kilometer weit kommen. Das rechnet sich am Ende auch für den Kunden.

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