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  • Das Ziel vor Augen: IRONMAN-Athleten bereit für Hawaii.
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    Das Ziel vor Augen: IRONMAN-Athleten bereit für Hawaii.

    Unterstützt von Mercedes-Benz, haben sich die Weltklasse-Triathleten
    Daniela Ryf, Sebastian Kienle und Anja Beranek auf den Wettkampf
    in Kona auf Hawaii vorbereitet. Sie gehen über ihre Grenzen –
    und sind bereit für den großen Tag.

    Text: Marcel Schlegel | Fotos: Tobias Kuberski

Das Ziel: Erfolg in Kona.

Jeder, der sich für Triathlon begeistert, träumt davon: einmal beim IRONMAN in Hawaii am Start sein. Nur wenige schaffen es. Denn schon die Qualifikation ist ein Kampf, der Ausdauer erfordert: Während sich die Teilnehmer der verschiedenen Altersklassen über eine einzige gute Platzierung qualifizieren, müssen die Profis in einer monatelangen Qualifikationsperiode ausreichend Punkte sammeln. Bereits im Vorfeld des großen Rennens gilt es also, sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen – und die eigenen körperlichen und mentalen Grenzen zu erweitern. Bis zur Startlinie auf Hawaii schaffen es vom Altersgruppen-Athleten bis hin zum Profi nur die Besten der Besten. Die Bedingungen auf den Pazifikinseln könnten härter nicht sein. Hohe Luftfeuchtigkeit, Temperaturen, die zwischen heißen 28 Grad an der Küste und schier unerträglichen 38 Grad nahe der Lavafelder schwanken.

Dazu scharfe Winde, welche die Radstrecke zu einem ständigen Kampf gegen Böen machen, und geschwommen wird natürlich im offenen Meer. Dieses ständige Entlanghangeln an der Grenze der Belastbarkeit scheint allerdings gerade der Teil zu sein, der so viele Ausdauersportler an der IRONMAN Weltmeisterschaft auf „Big Island“ fasziniert. Hinzu kommt die Historie: 1978 erstmals ausgetragen, ist der IRONMAN Hawaii der älteste Triathlon seiner Art. Seine Strahlkraft speist sich aus unzähligen dramatischen Rennen, die sich die Weltklasse-Sportler in Kona lieferten. Der Mythos lebt von unzähligen Eindrücken, die die Langstrecken-Triathleten im Ziel zu erzählen haben – jeder hat dabei seine ganz eigene Geschichte. Doch nur wenige schreiben die IRONMAN-Geschichte tatsächlich selbst mit. Eine, die dies von sich behaupten kann, ist Daniela Ryf.

Daniela Ryf auf dem Weg zur Triathlon-Legende.

Mit einem Tempo, als hätte sie die Laufstrecke gerade erst begonnen, raste Daniela Ryf im Oktober 2016 über die Zielgerade des härtesten Triathlons der Welt. Auf den letzten Metern hatte die Schweizerin noch genug Kraft, das Tempo erneut anzuziehen – und gleichzeitig mit den Zuschauern am Streckenrand abzuklatschen. Im Ziel blieb sie schließlich erhobenen Hauptes stehen, streckte die Hände jubelnd zum Himmel. Sie stand einfach da: aufrecht, den Siegerkranz um den Kopf, ihr Blick noch immer frisch. Ryf hatte ihren Titel von 2015 verteidigt – und sich dabei nochmals gesteigert. Denn die Fabelzeit von 8:46:46 Stunden bedeutete für die Schweizerin nicht nur den zweiten IRONMAN-Weltmeistertitel, Ryf verbesserte zudem den Streckenrekord bei den Frauen um gut fünf Minuten. Ihre härteste Verfolgerin, die Dreifach-Gewinnerin Mirinda Carfrae aus Australien, lief erst 23 Minuten später über die Ziellinie – beim IRONMAN ist das eine halbe Ewigkeit. Der dritte Sieg auf Hawaii in Folge würde ihr nun endgültig den Legendenstatus verleihen. Sie hat vorgelegt: Das Triple auf der 70.3-Strecke hat sie bereits in der Tasche. Jetzt gilt es, auch auf der Langdistanz die Konkurrenz wieder hinter sich zu lassen. Denn nichts ist so alt wie die Erfolge von gestern.

„Finde die Balance zwischen Körper und Geist.“

Warum hatte Ryf auch im Finish nicht nachgelassen? Eben diese Momente seien es, die einen IRONMAN-Sieger ausmachen, so die 30-Jährige, als sie ihr Trainingsmobil – eine V-Klasse – am Wegrand parkt. Sie ist kürzlich 70.3-Weltmeisterin sowie zum bereits dritten Mal Mitteldistanz-Europameisterin geworden. „Wenn man auch in solchen Situationen nicht klein beigibt, zahlt sich das am Ende aus.“ Dann wird die Höchstleistung zum mentalen Kompass, der den Weg zum nächsten Leistungslevel weist. Ryf beschreibt damit eine Geisteshaltung, die lauten könnte: niemals aufgeben, auch wenn das Ziel schon so nah scheint. „Das Spannende an unserem Sport ist es doch, immer zu testen, wozu der Körper noch in der Lage ist und wie der Kopf ihm dabei helfen kann“, sagt die Triathletin. Dann steigt sie auf ihr Fahrrad und lässt die V-Klasse hinter sich.

Triathleten – die modernen Shaolin.

Doch wie erreicht man diese Ausdauer? Wie motiviert man sich zu einer neuen Spitzenleistung, wenn man doch schon alles gewonnen hat? Im Spitzensport entscheiden oft Nuancen über Sieg oder Niederlage. Hier reicht körperliche Kraft nicht mehr aus – gebraucht wird auch die zweite Ebene, sprich die mentale Stärke: eiserne Disziplin und eine kompromisslose Geisteshaltung. Wie kaum ein anderer repräsentiert der Shaolin-Mönch eben diese geistige Klarheit, Willensstärke und innere Ausgeglichenheit, die man zum Erreichen eines sportlichen Ziels benötigt.

Doch die Mitglieder des buddhistischen Mönchsordens sind weit mehr als bloße Meister des Mentalen. Auch für sie ist die körperliche Stärke untrennbar mit der geistigen verbunden: Das vor rund 1.500 Jahren in China begründete Kung Fu gilt als Blaupause asiatischer Kampfkunst. Kampfsport und Körpertraining sind für die Shaolin gleichsam ein Charaktertraining, eine weitere Form von Spiritualität. Nur so entsteht eine Balance zwischen Körper und Geist.

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Sebastian Kienle – vom Gejagten zum Jäger.

Wenn man so will, sind Triathleten wie Daniela Ryf, Anja Beranek oder Sebastian Kienle also moderne Shaolin. Kienle jedenfalls gefällt dieser Vergleich. Die Selbstbeherrschung der Mönche stehe sinnbildlich für die Geisteshaltung eines Weltklasse-Ausdauersportlers, findet der IRONMAN-Weltmeister von 2014. Nur wer in einem langen Prozess das Körperliche mit dem Mentalen in Einklang gebracht hat, schafft es auf Hawaii. Nur wer sich täglich neu zu motivieren und seine Grenzen im Training und disziplinierten Selbststudium zu überwinden versteht, hat beim härtesten Triathlon der Welt eine Siegchance. Um dies zu erreichen, braucht Kienle sein vertrautes Umfeld.

Dazu zählt er auch die V-Klasse, die ihm als mobile Wechselzone an jedem Ort dient und ihn sowohl im Training als auch zum Rennen begleitet. Mit dieser Unterstützung konnte er im Juli zum dritten Mal IRONMAN-Europameister werden. Doch der 33-Jährige kennt noch eine weitere Seite des IRONMAN: Seine Hawaii-Geschichte handelt auch vom Gefühl, nach dem Kona-Sieg von 2014 zwar weiterhin zur Weltspitze zu gehören, aber nicht mehr die Nummer eins zu sein: 2015 wurde er Achter, 2016 Zweiter. Anders als Daniela Ryf ist Sebastian Kienle nicht mehr der Gejagte. Er ist der Jäger.

Neuer Angriff in Kona – den Gegner vor Augen.

Eigentlich, so sagt Sebastian Kienle, möge er die Rolle des Angreifers. Allerdings: Die Generalprobe lief nicht gerade blendend für den Schwaben. Bei der Weltmeisterschaft über die Halbdistanz verpasste er Mitte September als Vierter das Podest. Ein Rückschlag. Doch für Kienle sind Niederlagen Ereignisse, aus denen er lernen kann und die ihm neue Anreize bieten. Zudem könne er sich auf seine Erfahrung verlassen, die ihm Sicherheit und mentale Stärke verleiht, so Kienle. „Jeder hat seine persönlichen Erinnerungen an Hawaii. Ich kann zum Beispiel auch auf Erfolge zurückblicken und damit auf viele positive Erfahrungen.“ Diese vergegenwärtigt er sich vor dem Start. „Zweifel kommen schon ab und zu auf“, sagt Kienle. „Aber wenn dann der Startschuss fällt, ist das alles weg.“ Dann gibt es nur noch ein Ziel für den Profisportler: als Erster über die Ziellinie zu laufen – so wie 2014.

Anja Beraneks Ziel: den Titel als beste Deutsche verteidigen.

Ryf, Kienle und Beranek haben gelernt, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden – wie es auch in der Ausbildung der Shaolin verankert ist. Sie brauchen ein Ziel vor Augen, das es zu fokussieren gilt, aber das nicht zwangsläufig mit einer überschrittenen Ziellinie allein gleichzusetzen ist. Anja Beranek erklärt: „Das Training, in dem man sich regelmäßig zu neuen Höchstleistungen pusht, kann schon selbst das Ziel sein.“ Man müsse sich eben auf den Weg selbst einlassen können, „sonst hält man nicht durch“, so Beranek, die im Vorjahr bei der IRONMAN-Weltmeisterschaft die beste Deutsche war – und ihren Erfolg nun wiederholen möchte.

Körper und Geist gehen eine Symbiose ein.

Nur, wer bereit ist, täglich hart an sich zu arbeiten, und wer kompromisslos an sich glaubt, übersteht die Tortur von 3,8 Kilometern Schwimmen, 180 Kilometern Radfahren und 42,2 Kilometern Laufen während eines IRONMAN-Wettkampfs. Die Geisteshaltung sei in einem Rennen genauso wichtig wie die körperliche Kondition, erklärt Beranek. „Der Körper kann nur wachsen, wenn man ihm auch Pausen und Ausgleich gönnt.“ Und so schwört die Mercedes-Benz Markenbotschafterin regelmäßig auf eine Tasse Tee in ihrem Marco Polo.

Denn: keine mentale Ausdauer ohne Selbstbeherrschung, kein Sieg über den Gegner, ohne sich selbst besiegt zu haben, und keine Exzellenz ohne Geduld, Gelassenheit, Fleiß und Schweiß. Das haben IRONMAN und die asiatische Kampfkunst ebenfalls gemeinsam: dass Körper und Geist eine Verbindung eingehen und sich gegenseitig befruchten. In Kona schreibt jeder Triathlet seine eigene Geschichte, sie alle aber eint ein Ziel: dass aus dieser eine Erfolgsgeschichte wird.