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  • IRONMAN Sebastian Kienle und das Rezept eines Champions.
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    IRONMAN Sebastian Kienle und das Rezept eines Champions.

    Wie motiviert man sich für Höchstleistungen? Sebastian Kienle, Triathlon-Weltmeister von 2014, verrät seine Erfolgsformel.

    Text: Marcel Schlegel | Fotos: Tobias Kuberski

Kienle nutzt V-Klasse als Trainingsmobil.

Es ist regnerisch an diesem Samstagmorgen. In Mühlacker, einer beschaulichen süddeutschen Gemeinde in der Nähe von Pforzheim, sind die Straßen draußen noch leer. Mit Tempo nimmt Sebastian Kienle die Treppenstufen seines Elternhauses, in dem der Weltklasse-Triathlet eine Wohnung hat. Die Schiebetür der V-Klasse geöffnet, die Sporttasche auf der Rückbank befestigt, dann schiebt Kienle sein Rennrad aus der Garage, hievt es gekonnt in den Laderaum der Großraumlimousine und macht es mit ein paar geübten Handgriffen fest.


Kienle holt Kollegen mit Großraumlimousine ab.

Seine Sportkleidung hat er noch nicht angezogen. „Das mache ich gleich im Auto.“ Kienle ist spät dran. Um 9 Uhr war er mit einem Triathlon-Kollegen zum Training verabredet – Lust habe er „bei dem Wetter“ nicht, sagt er und grinst.


Das aber sei eben das Los eines Profisportlers. „Auch ich stehe nicht immer auf und begrüße den Trainingstag mit einem Freudenschrei. Da muss man durch. Das lernt man“, erklärt Kienle, der 2014 als erster Triathlet überhaupt im selben Jahr Europa- und Weltmeister über die Langdistanz wurde.


Doppelweltmeister kommt über die Routine.

Deshalb trainiert Sebastian Kienle seit einiger Zeit wieder regelmäßig mit Kollegen. „Routine ist wichtig. Wenn man sich verabredet hat, gibt es keine Ausrede mehr“, sagt der 33-Jährige. Meistens holt er seine Trainingspartner ab. „Wir passen alle locker in die V-Klasse.“ Diese parkt er nun auf einem Waldweg inmitten der Weinberge, die Mühlacker umschließen. Die beiden Triathleten steigen aus. Kienle lacht, während er im Laderaum die Laufschuhe anzieht. Er freue sich jetzt aufs Training, sagt er. Woher kommt die Motivation so plötzlich? Wie schafft es der IRONMAN Weltmeister von 2014 an einem regnerischen Tag wie diesem, sich dem harten Training zu stellen?


1. Setze langfristige Ziele.

„Die wichtigste Regel für langfristigen Erfolg: seine Ziele auch langfristig und bedacht formulieren, um sie schließlich über kurzfristige Etappen zu erreichen. Wenn man viele kleine Schritte geht, wird das langfristige Ziel, das vormals utopisch erschien, irgendwann machbar“, meint Kienle, der die IRONMAN 70.3 Weltmeisterschaft schon zwei Mal gewann. Doch kein IRONMAN Sieg, ohne sich davor durch unzählige kleinere Rennen gekämpft zu haben – das meint Kienle mit kurzfristigen Herausforderungen. „Auf diese Weise macht man den eigenen Fortschritt sichtbar und motiviert sich.“


2. Vertraue auf deine Erfahrung und bleibe hungrig.

Seine Sicherheit zieht Sebastian Kienle zum einen aus der Vorbereitung, zum anderen aber auch aus vergangenen Erfahrungen. Wie oft hatte er schon am Start gestanden und sich träge oder kraftlos gefühlt. Was dann? „Ich erinnere mich an all die vielen Rennen, vor denen es mir ebenfalls schlecht gegangen war und die trotzdem gut liefen“, antwortet Kienle. „Aus Erfolgen schöpft man Erfahrung. Erfahrung schafft Sicherheit und verleiht ein Gefühl der Stärke.“


Der schwierige Spagat: Selbstbewusst sein, aber der Erfolg darf auch nicht zur Selbstzufriedenheit führen, so Kienle. „Nach Siegen wird man nachlässig, arbeitet vielleicht nicht mehr so hart.“ Nichts sei gefährlicher, als einen Wettkampf deutlich zu gewinnen. „Man muss hungrig bleiben und darf sich von einem Sieg nicht blenden lassen“, betont der Triathlon-Profi. „Bedenke: Die anderen feilen an deinem Thron.“


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3. Analysiere dich und lerne aus Fehlern.

Dennoch sind es Niederlagen, aus denen Sebastian Kienle am meisten lernt. Er analysiert sich dann selbst: „Welche taktischen Fehler habe ich gemacht? Wie habe ich mich gefühlt und wie bin ich damit umgegangen?“ Falsche Entscheidungen werden genauso wie Selbstzweifel auf Papier verewigt und aufgearbeitet.


„Das Niederschreiben hilft, seine Gedanken zu sortieren. Es bereitet dich auf schwierige Situationen vor.“ Manchmal zeigt sich nach der Analyse auch, dass schlichtweg nicht mehr drin war. „Deshalb kann ich manchmal auch auf einen zweiten Platz stolz sein“, erklärt Kienle.


4. Suche Lösungen – und entwickle Automatismen.

Manchmal nämlich steht einem das Schicksal im Weg – etwa, wenn während eines Rennens der Reifen platzt. Was tun bei einem Platten, was, wenn die Schwimmbrille vom Gesicht rutscht? Solchen Fragen stellt sich Kienle schon vor einem Wettkampf – und entwickelt Lösungen. Der 33-Jährige vergleicht diese Vorbereitung mit der eines Piloten. „Wenn das Flugzeugtriebwerk ausfällt, spielt sich beim Piloten ein Automatismus ab, den dieser im Simulator schon zigmal geübt hat“, sagt er. „Der Pilot schlägt dann nicht erst sein Handbuch auf. Er weiß, was zu tun ist.“ Auch diese Lösungen notiert der Ausnahme-Triathlet auf Papier und verinnerlicht sie. „Wenn im Wettkampf schnelle Entscheidungen gefordert sind, werde ich nicht überrascht.“


5. Genieße den Weg.

Sebastian Kienle ist überzeugt davon, dass Erfolg nach Konfuzius’ altem Mantra funktioniert, wonach der Weg das Ziel sei. „Wer Triathlon nur um des Siegens willens macht, hält nicht lange durch. Man muss auch den Weg genießen können“, betont Kienle – und meint: die vielen Trainingseinheiten, die etlichen Kilometer vor der Ziellinie und das Gefühl, am Abend ausgelaugt ins Bett zu fallen. Das bedeutet auch, kleine Fortschritte als Erfolge zu betrachten, nicht immer hart zu sich selbst zu sein, sich Auszeiten zu gönnen und das Siegertreppchen manchmal sogar auszublenden. „Die Etappen dorthin sind genauso wichtig.“


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6. Keiner sagt, es sei leicht.

„Man will immer, dass das Rennen schnell vorbei ist“, sagt Sebastian Kienle und lacht. Vor dem Erfolg aber kommt der Schweiß, steht harte Arbeit und braucht es den Willen, den berühmten einen Schritt mehr zu gehen. „Niemand hat gesagt, dass es leicht wird. Siege müssen wehtun“, betont der Hawaii-Gewinner von 2014.


Wenn also die Waden brennen und der Kopf ans Aufgeben denkt, ruft sich Kienle in Erinnerung, dass es ebendiese Momente sind, die über Sieg und Niederlage entscheiden. Mehr als das: „Diese Situationen definieren uns im Leben“, glaubt er. „Ich freue mich auf sie.“


Der Kampf gegen sich selbst.

Warum trotz Qualen weiterkämpfen? Das Gefühl, mit Selbstzweifeln gefochten und diese Grenzsituationen am Ende doch gemeistert zu haben, ist für Kienle das Motivierendste überhaupt. „Der Kampf gegen sich selbst ist meistens schwerer als der Kampf gegen den Gegner“, sagt er. Der Körper sei zu viel mehr fähig, als man glaube, solange ihn der Kopf nur trage. „Wenn deine Einstellung stimmt, kannst du vieles ausgleichen. Wenn aber der Kopf nicht mitmacht, geht es nicht.“