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  • Sebastian Kienle – die Revanche vor Augen.
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    Sebastian Kienle – die Revanche vor Augen. Sport

    Der Triathlon-Europameister will nach Frankfurt nun auch wieder beim IRONMAN auf Hawaii triumphieren.

    Text: Marcel Schlegel | Fotos: Tobias Kuberski / Follow Red

Die Startnummer 1 läuft bei der IRONMAN EM allen davon.

Ein roter Teppich führt die Triathleten auf den letzten Metern hinauf auf den Frankfurter Römerberg. Als Sebastian Kienle vom Mainufer in den Zielkanal einbiegt, wird es laut. Entlang der Strecke brüllen die Zuschauer, sie rasseln und applaudieren. Kienle jedoch verzieht keine Miene. Seine Schritte fegen noch immer mit dem gleichen rasenden Tempo über den Boden hinweg wie zu Beginn der Laufstrecke. Auch sein Blick: derselbe wie anfangs. Entschlossen, geradeaus, auf das Ziel gerichtet. Dieser erhabene Gesichtsausdruck, der sagt, dass ein Langsamer-Werden keine Option ist, ein unausgesprochenes: „Wenn es sein muss, kann ich noch zulegen.“ Erst wenige Meter vor der Ziellinie lässt Kienles Spurt nach. Er geht die letzten fünf, vielleicht sechs Schritte spazierend, fast schon gemächlich. Kienle reißt das weiße Banner in die Höhe, welches das Ende der Schinderei und den Sieg bedeutet. Dann sinkt er in sich zusammen. Der Tunnelblick weicht dem erschöpften Lächeln. Das Victory-Zeichen, die Siegerpose, schafft der 33-jährige Süddeutsche nur noch im Sitzen, zu mehr fehlt ihm die Kraft.


Kienle in Frankfurt zum dritten Mal Europameister.

Im Juli 2017 ist Sebastian Kienle zum dritten Mal Triathlon-Europameister geworden. Das EM-Triple hat vor ihm noch keiner geholt. Mit einer Fabelzeit von 7:41:42 Stunden glänzte der IRONMAN Weltmeister von 2014 dabei in Frankfurt. Noch auf dem Rad und im Wasser hatte Kienle seinen deutschen Konkurrenten Andreas Böcherer mal vor Augen gehabt, dann wieder im Nacken gespürt. Das habe ihn angetrieben und motiviert, wird Kienle später die beeindruckenden fast fünf Minuten Vorsprung erklären, die er schließlich auf den Zweitplatzierten herauslaufen sollte.


Kienle braucht den Zweikampf. „Ich kämpfe am liebsten direkt gegen einen Gegner, gegen eine greifbare Herausforderung“, sagt Sebastian Kienle, das Lenkrad seiner V-Klasse nun fest umgriffen, den Blick konzentriert auf die Straße gerichtet, ein bisschen wie im Wettkampf. Dann fährt er fort: Schwieriger sei es, allein auf weiter Flur zu sein. „So wie zum Schluss in Frankfurt.“


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IRONMAN als Kampf gegen sich selbst.

Denn allein unterwegs auf einem Streckenabschnitt beginnt ein anderes Duell: das mit sich selbst. „Besonders belastend wird es, wenn man vorne liegt und der Körper müde wird“, berichtet Kienle, während er die schwarze Großraumlimousine sicher über einen kleinen Waldweg in der Nähe von Mühlacker, seiner süddeutschen Heimat, lenkt. Dann nämlich, wenn „einem die Körner auszugehen drohen“, müsse der Kopf für den Körper in die Bresche springen, weiß der zweifache Gewinner der IRONMAN 70.3 Weltmeisterschaft. „Manchmal kämpft man dann mehr mit Selbstzweifeln und negativen Gedanken als mit der Kraft.“ Wie aber kämpft Kienle dagegen an? Die Basis ist natürlich ein ideales Training, das den amtierenden IRONMAN Europameister auf den Ernstfall vorbereitet. Auch deshalb trainiert er oft in der Gruppe, oft aber auch alleine – so wie an diesem kühlen Trainingstag in Mühlacker. Auf diese Weise schärfe er neben der körperlichen auch die mentale Stärke, sagt Kienle, der die V-Klasse geparkt hat und zum Start seines Marathon-Trainings direkt eine Steigung in Angriff nimmt.


Kienle lebt für die entscheidenden Momente.

Im Wettkampf greift Kienle in schwierigen Situationen zudem oft zu einem Trick – in dem Radspezialisten, der 2010 bei seinem Einstand über die Langdistanz bei der Challenge Roth direkt eine Weltbestzeit über die 180-Kilometer-Radstrecke aufstellte, hat sich im Laufe der Jahre eine Erkenntnis herausgebildet, die ihm bei Durchhängern im Wettkampf mentale Sicherheit verleiht: „Wenn man auf diesem Level Triathlon macht und man im Wettkampf einen Punkt erreicht, an dem es einem schlecht geht, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich meine Konkurrenten auch nicht besser fühlen.“


Allein dieser Gedankengang gibt Kienle in den entscheidenden Situationen Kraft und gleichsam Hoffnung. Für ihn sind die Momente einer nahenden Aufgabe deshalb die maßgeblichen. „Sie entscheiden nicht nur einen Wettkampf, sondern auch darüber, wer du im Leben bist.“


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Der größte Sieg: seine Grenzen überwunden zu haben.

Wenn also der Körper den Kopf zum Aufgeben drängen will, beginnt das Rennen für den IRONMAN Sieger von 2014 erst richtig. „Dieses Davor, als ich mich noch gut fühlte, war ein Warmmachen für den Moment, an dem es schwierig wird. Die Grenze ist erreicht – dann ist für mich der Moment gekommen, auf den ich die ganze Zeit hingearbeitet habe, auf den ich mich sogar freue.“


So gelte es in solchen Situationen „durch die Hölle zu gehen“ – und daran zu glauben, dass die Beine einen ins Ziel tragen. „Für mich sind die größten Siege die, bei denen ich meine Grenzen überwunden habe“, berichtet Kienle. „Wenn es am Ende dann nur zu Platz zwei reicht, freue ich mich trotzdem. Denn ich bin daran gewachsen. Es war ein Sieg in der vermeintlichen Niederlage.“


Ein verlorenes Duell treibt Sebastian Kienle an.

Sebastian Kienle spielt mit „Sieg in der vermeintlichen Niederlage“ auf Hawaii 2016 an. Im härtesten Rennen der Welt hatte sich der Weltklasse-Triathlet im Vorjahr mit seinem deutschen Kollegen Jan Frodeno einen spannenden Zweikampf um den Titel geliefert – den Frodeno am Ende für sich entschied. Schon vor dem Start hatten die Experten ein Duell zwischen dem Titelverteidiger und Kienle erwartet. Zunächst aber schwamm Frodeno in der Bucht von Kailua-Kona der Konkurrenz davon. Vier Minuten hatte Kienle schon auf seinen deutschen Widersacher verloren, als es auf die Radstrecke ging, die Paradedisziplin des Triathleten aus Mühlacker. Kienle holte Frodeno nicht nur ein, sondern fuhr auch einige Hundert Meter heraus. Als Erster erreichte er die Wechselzone. Doch Frodeno wechselte dennoch schneller auf die Laufstrecke. Bis zu Kilometer 15 lieferten sich die beiden ein Kopf-an-Kopf-Rennen, anschließend hatte Frodeno jedoch die besseren Beine – und lief Kienle davon.


Kienle schätzt die V-Klasse als Trainingsmobil.

Heute ist die V-Klasse seine mobile Wechselzone: Im Oktober wolle er die Revanche, sagt Sebastian Kienle, der gerade im Laderaum sitzt und das verschwitzte Trikot wechselt. Die Niederlage von Kailua-Kona motiviere ihn auch im Training. „Man braucht Ziele. Man muss wissen, wofür man etwas macht“, sagt er. Der Profi-Triathlet weiß, wovon er spricht: 2014 sicherte sich Kienle beim Klassiker auf Hawaii den Titel des IRONMAN Weltmeisters. Doch vor dem heiß erwarteten Duell mit der internationalen Konkurrenz wartet auf Sebastian Kienle zunächst wieder der Zweikampf mit sich selbst. Anders gesagt: Auf die Weltbühne bereitet sich der 33-Jährige in seiner beschaulichen Heimat vor. In Mühlacker, das nahe Pforzheim liegt, bewohnt er mit seiner Frau eine Wohnung in Kienles Elternhaus. Er brauche das vertraute Umfeld, die Familie, die Ruhe, um sich auch mental in Form zu bringen, sagt er. Kienle parkt die V-Klasse in der Einfahrt, gekonnt hievt er das Rennrad aus dem Laderaum und verschwindet im Haus.


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Das Körperliche und das Mentale müssen gemeinsam wachsen.

Den Vormittag hatte Kienle mit einer Lauf- und einer anschließenden Radeinheit begonnen. Nach einem kurzen Mittagsschlaf fährt er mit der Großraumlimousine ins nahe gelegene Hallenbad. „Triathlon ist mehr als fünf Stunden Training am Tag“, berichtet er. „Alles, was ich mache, beeinflusst meine Form: was ich esse, wie ich schlafe, meine Freizeitgestaltung – und vor allem auch mein Gemütszustand und damit auch mein Umfeld. Wenn ich glücklich bin, bin ich viel leistungsbereiter und damit auch leistungsstärker.“


All das unter einen Hut zu bekommen und sich trotzdem nicht verrückt zu machen – für Kienle ist das die größte Herausforderung überhaupt. Seinen Körper könne man noch so sehr trainieren, meint er, wenn aber der Kopf nicht mitmache, bringe all das Training nicht viel. Kienle hat dafür eine einfache Rechnung aufgestellt: Die körperliche Stärke muss mit der mentalen Stärke im Gleichschritt wachsen.


Frankfurt als gutes Omen für IRONMAN auf Hawaii.

Am Triathlon schätzt Sebastian Kienle, dass die Leistung einerseits von so vielen Faktoren abhängt, doch andererseits die Endabrechnung so schön simpel ist. „Wer als Erster im Ziel ist, der gewinnt. Mehr ist es nicht“, sagt er. „Kein Athlet ist unschlagbar. In der Spitze sind wir alle sehr eng beieinander. Jeder kann auf Hawaii am Ende gewinnen. Deshalb macht mir der Sport so viel Spaß.“ Als sich Kienle 2014 zum bisher einzigen Mal die IRONMAN Krone auf Hawaii aufsetzte, hatte er zuvor in Frankfurt seinen ersten von bisher drei EM-Titeln gewonnen, als erster Triathlet überhaupt, der im selben Jahr Europa- und Weltmeister wurde. Und jetzt hat er wieder in Frankfurt gesiegt. Wenn das kein gutes Omen für Hawaii ist.