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  • Triathlet Sebastian Kienle läuft auf einem Waldweg im Hintergrund die V-Klasse von Mercedes-Benz
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    Triathlon-Spitzensport – Auf der Jagd nach dem „Runner’s High“.

    Das „Runner’s High“: Nicht nur die Weltklasse-Triathleten Sebastian Kienle, Daniela Ryf und Anja Beranek kennen diesen Zustand voller Euphorie und Glück genau. Aber was steckt dahinter?

    Fotos: Tobias KuberskiAutor: Marcel Schlegel
Triathlet Sebastian Kienle läuft auf einer Feldstraße

Sebastian Kienle – Spitzensportler mit Fokus.

Die letzten sind die schwersten Meter. Sebastian Kienle kennt jeden Streckenabschnitt, jedes Detail. So oft hat er den Rundkurs nahe seiner süddeutschen Heimatgemeinde Mühlacker schon auf sich genommen, in manchen Wochen mehrmals täglich. Eine erste Runde steckt ihm schon in den Beinen, als der Profi-Triathlet auf die lange Gerade einbiegt, der Abschluss seiner heimischen Trainingsstrecke. Am Ende der langen, von Wald umrahmten Straße erspäht der 34-Jährige schon die Umrisse seiner schwarzen V-Klasse. Wie durch einen Tunnel nimmt er seinen Trainingspartner auf vier Reifen in den Blick.


Schritt für Schritt zum Ziel.

Kienle wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht, der sich an diesem Vormittag mit einigen Regentropfen paart. Bei Regen trainiert er eigentlich am liebsten. Doch diesmal kommt ihm die Gerade endlos vor. Der IRONMAN-Weltmeister von 2014 atmet schwer. Vielleicht wird diese zweite Runde für heute auch die letzte sein, denkt er sich. Beinahe mechanisch donnern seine Laufschuhe auf den Asphalt. Kienle spürt das Vibrieren der Schritte in seinem Körper. Er beginnt sie zu zählen: 155, 156, 157 – auf andere Gedanken kommen, den stechenden Schmerz irgendwie ausblenden. Wie viele Schritte es bis zum Parkplatz sind, wo seine V-Klasse auf ihn wartet – das weiß er genau. Oft hat er sie gezählt.


Sebastian Kienle stützt sich an seiner schwarzen V-Klasse von Mercedes-Benz ab und schnürt sich die Schuhe
IRONMAN Sebastian Kienle hebt sein Rennrad in seine schwarze V-Klasse von Mercedes-Benz

V-Klasse als verlässlicher Trainingspartner.

Als der dreimalige IRONMAN European Champion nur noch wenige Meter von seiner V-Klasse entfernt ist, passiert etwas Unerwartetes: Anstatt langsam auszulaufen, startet Kienle noch einmal durch und biegt mit schnellem Schritt erneut in den Kurs ein. Soeben hatte er noch aufgeben wollen, nun geht er zielstrebig in die nächste Runde.

Später, als es sich Kienle dann in seinem Fahrzeug gemütlich gemacht hat, tief in dem bequemen Sitz versunken ist, die Beine auf die Ablage gelegt wie in einer Hängematte, erzählt er schier euphorisiert, dass der Schmerz der Belastung auf einen Schlag verflogen gewesen sei.


Erst der Schmerz, dann das High.

„Runner’s High“ nennen Ausdauersportler diesen Zustand. Daniela Ryf weiß, was ihr Triathlon-Kollege meint, wenn er diesen mit Begriffen wie „Trance“ oder „Flow“ erklärt. Letztlich, so sagt die beste Triathletin der Welt, sei dieses „Läuferhoch“ die einzige Möglichkeit, die Strapazen eines Wettkampfs wie dem IRONMAN durchzustehen – mit 3,8 Kilometern Schwimmen, 180 Kilometern Radfahren und 42,2 Kilometern Laufstrecke. Wie von einer Welle würden Körper und Geist dann von einem Glücksgefühl überschwemmt, sagt Ryf, als sie ihr Rennrad aus ihrem Marco Polo hebt. Auf einmal ergäben die Strapazen ein rauschendes Glücksgefühl, das süchtig machen kann.


Sebastian Kienle, einer der besten deutschen Triathleten, fährt auf dem Rennrad eine Straße entlang

Daniela Ryf – staunende Konkurrenz.

Was für Laien beinahe etwas Spirituelles oder Meditatives hat, kann die Wissenschaft nüchtern erklären: Der Körper stößt in Phasen stringent hoher Belastung vermehrt das Glückshormon Endorphin aus, das nicht nur zu einem seelischen Hochgefühl führt, sondern tatsächlich schmerzlindernd und sogar betäubend wirkt. Eine Grenzerfahrung, die vor allem Langstrecken-Sportler wie Ryf, Kienle oder die deutsche Ausnahme-Triathletin Anja Beranek erreichen. Daniela Ryf jedenfalls läuft, schwimmt und radelt sich regelmäßig in diesen „sportlichen Rausch“.


Zuletzt bei der IRONMAN-Europameisterschaft in Frankfurt, die die Schweizerin Ende Juni 2018 zum zweiten Mal nach 2015 gewann. Und wie! Vom anfänglichen Schwimmen bis zum finalen Lauf war die 31-Jährige in ihrer eigenen Liga unterwegs, triumphierte in 8:38 Stunden. Streckenrekord, eine Machtdemonstration, nur sechs Männer waren schneller. Ryf hinterließ eine staunende Konkurrenz. Wieder mal.


Anja Beranek (rechts) und Daniela Ryf stehen neben einem Marco Polo, der als Wechselzone dient

Marco Polo als Wechselzone.

Obwohl die Athletin aus Feldbrunnen seit Jahren praktisch jedes Rennen gewinnt, ist Ryf von ihrer eigenen Performance in Frankfurt noch immer selbst überrascht. Um fast fünf Minuten verbesserte sie bei der IRONMAN-EM den Radrekord, obwohl die Radstrecke ausnahmsweise fünf Kilometer länger war. Und als sie ihr Rad in der Wechselzone abstellte, hatte die dreifache Hawaii-Gewinnerin fast 28 Minuten Vorsprung auf Konkurrentin Sarah True. Im Ziel angekommen, wartete Ryf über eine halbe Stunde auf die US-Amerikanerin. Kienle und Beranek schauten sich Ryfs unglaubliche Performance im Fernsehen an; sie setzten in Frankfurt aus.


In einer Liga mit den Männern.

Nun sitzt Daniela Ryf in ihrer persönlichen mobilen Wechselzone, auf der Ladefläche ihres Trainingsmobils Marco Polo. Sie schnürt ihre Radschuhe und sucht die Gründe für diese Ausnahmevorstellung. Wahrscheinlich, so vermutet der „Angry Bird“, habe sie zunächst der Wille getragen, ihre körperlichen Grenzen auszuloten. Als die Gegnerin aus den USA dann abgeschüttelt war, orientierte sich Ryf an den Männern. Und den Rest erledigte das „Runner’s High“.


Daniela Ryf, dreifache IRONMAN-Weltmeisterin, rast auf dem Rennrad eine Straße hinab

Anja Beranek: offene Rechnung mit Hawaii.

Wenn Mitte Oktober der IRONMAN in Kona auf Hawaii ansteht, kann die Schweizerin zum vierten Mal in Folge Weltmeisterin werden. Man könnte darauf wetten. Sebastian Kienle erfuhr 2014, wie sich ein Triumph beim härtesten Rennen der Welt anfühlt. Zu gern würde er ihn wiederholen. Mit Kona hat auch Anja Beranek noch eine offene Rechnung. 2016 belegte die Deutsche dort sensationell den vierten Platz, 2017 gab sie auf, einige hatten sie abgeschrieben – aufgeben, ein No-Go in der Szene.


Hinter der Weltklasse-Triathletin lag ein verkorkstes Jahr 2017. Beranek motivierte dies. Auf der Langdistanz komme man immer an einen Punkt, an dem man denke, „heute komme ich auf keinen Fall durch“, sagt die 33-Jährige. Doch sobald sie die Ziellinie eines IRONMANs passiert, ist sie jedesmal völlig euphorisiert. Ihr Fazit: „Nichts denken und einfach nur genießen.“ Das war dann wohl das „Runner’s High“.