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  • Weltmeisterin Daniela Ryf: „Triathlon ist ein Lebensstil.“
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    Weltmeisterin Daniela Ryf: „Triathlon ist ein Lebensstil.“ Sport

    Daniela Ryf hat in der Triathlon-Szene den Ruf der Kämpferin. Das Erfolgsrezept der Doppelweltmeisterin aus der Schweiz: „Ich akzeptiere den Schmerz.“

    Text: Marcel Schlegel | Fotos: Tobias Kuberski

Aufgeben – für Daniela Ryf keine Option.

Die Laufschuhe fliegen über den Asphalt. Bei jedem neuen Tritt kommt die V-Klasse, die am Ende des Feldwegs parkt, ein bisschen näher. Wie beim Zieleinlauf eines Wettkampfs kündigt die schwarze Großraumlimousine das Ende der harten Trainingseinheit an. Doch plötzlich werden die Schritte der Läuferin langsamer. Schweiß rinnt von ihrer Stirn, die Waden brennen, Aufgeben ist nur einen Schritt entfernt. In solchen Momenten den Lauf abzubrechen – für Daniela Ryf ist dies keine Option. Stattdessen schraubt sie die Geschwindigkeit nach oben und nimmt die letzten Meter zur V-Klasse im Sprint.

Die Beste im härtesten Rennen der Welt.

Daniela Ryf ist die weltbeste Triathletin. 2014 und 2015 war sie IRONMAN 70.3-Weltmeisterin, den IRONMAN Contest auf Hawaii, das härteste Rennen überhaupt, hat sie bei den Frauen zuletzt doppelt gewonnen – 2016 mit Streckenrekord. In der Triathlon-Gemeinde hat die 30-Jährige den Ruf der unerbittlichen Kämpferin. Manche sagen, sie sei draufgängerisch, ignoriere ihre Grenzen, brauche den Schmerz sogar. Das brachte ihr den Spitznamen „Angry Bird“ ein.

Ryf geht das zu weit. Zu Recht: Denn all dies beschreibt die Powerlady nicht adäquat. Gewiss, gesteht die IRONMAN-Weltmeisterin aus der Schweiz, sie quäle sich im Training, sei ehrgeizig – aber nicht mehr als andere. „Das gehört zum Ausdauersport“, sagt Daniela Ryf. Der Unterschied zu vielen anderen: „Ich versuche, den Schmerz nicht als etwas Negatives zu betrachten. Ich akzeptiere ihn.“

Erholung, Familie, Abwechslung und verlässliche Partner.

Vielmehr, und darauf legt sie Wert, betrachtet Ryf die Qualen einer harten Einheit nur als eine Seite der Medaille. Auf der anderen stehen: die Erholung, die Familie, die Freizeit, kurz – die Abwechslung. „Es braucht die richtige Balance. Das ist der Schlüssel zum Erfolg“, sagt die 1,75 Meter große Sportlerin, die damit einen Lernprozess dokumentiert, der von ihrem Trainer Brett Sutton angestoßen wurde. „Er hat mich gelehrt, dass es nicht immer besser ist, noch härter zu trainieren. Ich trainiere nun ausgeglichener.“

Triathlon als Balanceakt.

Wie aber gelangte sie zu dieser Ausgeglichenheit? Die Antwort der zweifachen IRONMAN-Weltmeisterin: „Es ist nicht leicht, die Mitte zu finden. Man muss ein Gespür dafür entwickeln.“ Jede Stärke wird zur Schwäche, wenn man sie nicht in der Waage hält. „Daher braucht es Ehrgeiz – und Lockerheit. Wer etwas zu verbissen will, wird scheitern oder unglücklich“, sagt Ryf. Ohne diese positive Stimmung, die nur mit Abwechslung zum Sport entsteht und aus einem gesunden Umfeld erwächst, geht es nicht.

Daniela Ryf beschreibt dies als die „mentale Balance“. „Man muss viele kleine Puzzleteile zusammensetzen“, lautet ihr Resümee, als sie im großzügigen Laderaum der V-Klasse ihr Schuhwerk wechselt. „Dem Körper Pausen zu gönnen – das ist ein Teil der körperlichen Balance.“ Ryf lacht.

Powerlady schätzt das Training in der Natur.

Die Laufeinheit vorhin war nur der erste Abschnitt des heutigen Trainings. Die Schweizerin entsichert erneut ihr Rennrad, hievt es leichthändig aus der V-Klasse, steigt gut gelaunt auf den Sattel und legt noch einige Dutzend Kilometer zurück – die Strecke von Zürich nach Bern, das Tagesprogramm. Die Beine drehen unnachgiebig ihre Kreise, ihren Blick richtet Ryf entschlossen auf den Asphalt.

Die Straße wirkt endlos. Monotonie, stundenlanges Training, fast jeden Tag, dazu das Alleinsein – damit muss man als Weltklasse-Ausdauersportlerin umzugehen wissen. Doch auch dies, nur eine Seite: „Wir Triathleten sind sehr privilegiert“, findet Ryf. „Wir sind oft in der Natur, an traumhaften Orten.“ Dies hilft ebenfalls, die Pole in Balance zu halten.

Streikt der Körper, hilft der Geist aus.

Vom Rad geht es ans Lenkrad der V-Klasse. Während Ryf die Großraumlimousine durch Feldbrunnen-St. Niklaus steuert, spricht sie über den Wert von Familie. Hier in der Schweizer Gemeinde hat sie sich bei ihren Eltern einen Trainingsraum eingerichtet. Sie brauche die Nähe zu den Bergen und zu den ihr vertrauten Menschen. „Hier bekomme ich den Kopf frei.“ Zur richtigen Balance zählt Daniela Ryf auch die Ernährung – ein Thema, für das sich die Schweizerin begeistert. Ryf hat Food Science und Food Management studiert. „Es gibt beim Thema Ernährung kein gut oder schlecht“, sagt sie. „Man sollte sich nicht zu sehr einschränken.“ Der Körper zeige dem Menschen schon, was er brauche. „Ich zähle keine Kalorien, ich höre auf meinen Körper.“ Ryf ist sich sicher: „Es geht darum, ob es dir gut tut oder nicht. Daher verzichte ich nicht partout auf dies oder jenes, sondern muss mich mit dem, was ich esse, einfach gut fühlen.“ Deshalb greift die Schweizerin neben Gemüse, Fleisch, Fisch und dergleichen mehr auch schon mal zu Chips, Schokolade oder Fast Food, wenn sie Lust darauf hat. „Natürlich in Maßen.“ Zu viel von etwas ist niemals gut – das gilt fürs Leben wie für die Ernährung und für den Leistungssport allgemein. „Nur wenn der Kopf fit ist, kann er für den müden Körper in die Bresche springen.“ Nur dann sind die Schmerzen des Trainings Motivation – und keine Qual.

Daniela Ryf gewinnt ersten IRONMAN auf Anhieb.

Hier im Kanton Solothurn begann auch die Karriere der PowerLady. Der Vater Bergführer, die Mutter Marathonläuferin, der Stiefvater Triathlet, den ersten Familientriathlon mit vier – Sport war ihr in die Wiege gelegt. Schnell entwickelte sich Ryf zur Vorzeigeathletin, sammelte schon in jungen Jahren Titel nach Titel. Der „Angry Bird“ war auf dem Weg, den Triathlon-Zirkus im Flug zu erobern. Doch dann: die sportliche Krise – Verletzungen, Erschöpfung, Jahre des Zweifelns, ja sogar Rücktrittsgedanken plagten sie. „Es gibt diese Zeiten, in denen du auf der Stelle trittst“, erklärt Ryf. „In diesen Phasen muss man die Selbstzweifel von sich schieben.“ Ihr Umfeld glich aus, was sportlich fehlte. Mehr aus der Not heraus versuchte sich Ryf im Sommer 2014 an ihrem ersten IRONMAN. Die Langdistanz war eigentlich nie ihre Sache gewesen. Doch Daniela Ryf gewann das Rennen in Zürich auf Anhieb – erst 24 Stunden zuvor hatte sie sich den EM-Titel über die 5150-Distanz gesichert.

Seit 2014 nicht mehr bezwungen.

Die IRONMAN 70.3 World Championship gewann sie 2014 und 2015. Mehr als das: Seit 2014 hat Ryf quasi jedes Rennen gewonnen, bei dem sie startete. Sie ist doppelte Europa- und Weltmeisterin über die Mitteldistanz und Doppelweltmeisterin über die Langdistanz beim legendären Rennen auf Hawaii.

2015 gewann sie die Gesamtwertung der hochdatierten Triple Crown Series und verlor über die Mitteldistanz dabei nicht ein einziges Rennen.

Nah am Limit – auch im Training.

Nun parkt Daniela Ryf die V-Klasse vor einem Hallenbad. Die Schwimmeinheit steht an. Auch in diesem Training wird sie wieder an ihr Limit gehen. Sie kennt es nicht anders. „Der Schmerz in der Vorbereitung erinnert mich daran, dass ich das nächste Level erreicht habe – daraus schöpfe ich Sicherheit für den Wettkampf“, erklärt Ryf. „Das ist wie bei einem Theaterstück: Das Training ist die Probe für die Show und der Wettkampf die Aufführung.“ Die Kür, für die man den Applaus bekommt, der Lohn für die harte Arbeit. „Durch das Training weiß ich dann, dass ich für den Wettkampf bereit bin – und dass ich das Rennen gewinnen kann.“