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Die tägliche Ideen-Inquisition.

Die Fail-Fast-Kur der Moonshot Fabric Google X.

Von heißen Ideen und faulen Eiern.

Kinder haben Fantasie. Sie nehmen ein Matchbox-Auto in die Hand und lassen es fliegen. Fertig ist das fliegende Auto – und natürlich fliegt es bis zum Mond. In der „Moonshot Fabric“ Google X arbeitet man nach dem gleichen Prinzip. Man findet radikal einfache Lösungen. Schließlich soll der konzerneigene Inkubator die Schlüsseltechnologien für übermorgen ausbrüten. Nur welche Ideen sind tatsächlich lohnenswert und keine faulen Eier?

Die Antwort darauf ist Google Xs hauseigene Ideen-Inquisition, genannt: Rapid Evaluation. Die Ideen werden hier getreten, geschlagen, zerlegt und zum Einsturz gebracht – bis die Ideen gestehen, dass sie noch nicht reif dafür sind, die Welt zu verändern. In der Regel überlebt von 100 Ideen meist keine. Und genau dieses Auswahlsystem ist die zentrale Strategie, die Google X so erfolgreich macht. Vom Namen Google X hat deshalb auch nur das X überlebt.

„We believe in dreams at the moonshot factory. And enthusiastic scepticism isn’t the enemy of boundless optimism. It’s optimism’s perfect partner. It unlocks the potential in every idea. It makes the seemingly impossible actually accomplishable. We can create the future that’s in our dreams.“ – Astro Teller, Ideenkapitän bei X

10X Thinking.

Die Grundlage für die radikale Ideen-Inquisition bildet die „10X Thinking“-Philosophie. Es reicht nicht, bestehende Techniken nur zu verbessern. Eine tatsächliche Innovation muss 10-mal besser sein als alles, was bis jetzt existierte. Es muss mindestens das Leben von einer Milliarde Menschen verändern. Man nehme erstens ein wirklich großes, gesellschaftlich relevantes Problem. Eines, das schon lange existiert oder das in Zukunft für die Menschheit bedeutsam wird. Man proklamiere zweitens eine wirklich radikale Lösung für dieses Problem. Eine so kompromisslose Lösung, die ein so perfektes Produkt oder eine so absolute Dienstleistung darstellt, als sei sie einem Science-Fiction-Film entsprungen. Man prüfe drittens, ob die Idee umsetzbar ist. Wenn ja, dann baue man einen Prototyp und sende diesen in die nächste Rapid Evaluation.

Bei X gibt es eine Rapid Evaluation nach mindestens jedem Entwicklungsschritt. Denn jeder Schritt vorwärts bedeutet auch, die totale Unmöglichkeit des Lösungsansatzes entdecken zu können. Wenn die Erforschung des Problems zu teuer ist, wenn das Problem nicht mit genügend Beharrlichkeit oder Kreativität überwunden werden kann, wenn die Umsetzung länger als 10 Jahre dauern würde, wenn für den Lösungsansatz keine konkreten wissenschaftlichen Beweise in Aussicht stehen, dann wird ein Projekt gestoppt – oder auf Eis gelegt. Wie gesagt, passiert das fast immer. Der Gesamtetat von X ist unbekannt. Es gibt aber bekannte monetäre Grenzen. Wenn beispielsweise eine Idee nur durch ein 200 Millionen Dollar teures Experiment auf seine Machbarkeit hin überprüft werden kann, dann ist es selbst für X zu teuer und wird gestoppt.

X, der Schnellbrüter.

Jährlich werden bei Google X über 100 Ideen auf ihre Machbarkeit hin geprüft. Sollte es eine Idee in die Prototyp-Phase oder sogar bis in die Entwicklungsphase geschafft haben, dann wird sie trotzdem weiter geprüft. Dann kommt jemand, der die Spinner wieder auf den Boden holt und fragt: „Wer soll das kaufen? Wer hat wirklich was davon? Ist das legal?“ Das Gute daran ist, dass man nie an zu vielen Ideen gleichzeitig arbeitet. X sagt zwar nicht, an welchen und wie vielen Ideen es zurzeit genau arbeitet, aber mehr als 10 werden es sicher nicht sein.

Die populärsten überlebenden X-Projekte sind Google Car, Google Loon, Google Glass, Google Watch. Die Liste der erfolgreichen Inkubationen ist lang und sie wird länger. Sie machen Google zum Vordenker-Unternehmen, sorgen für Kunden-Loyalität, weil man von den diversen Erfindungen einfach nicht genug haben kann und den Teilhabern die Dollarscheine entgegenwinken. Bling-Bling hoch 10. Grundsätzlich soll das gesamte Portfolio von X Profit machen – aber nicht unbedingt jedes Produkt. Einige Produkte werden bessere Geschäfte sein als andere, wenn man es in Dollar messen möchte. Andere könnten einen großen Einfluss auf der Welt haben, ohne eine große Vermarktung nach sich zu ziehen.

Erfolgreich, weil man immer weniger versteht.

Bei X arbeiten 250 Leute, die damit leben können, wenn Projekte scheitern. Sie werden von ihren Managern bestärkt und geschult, Lösungsansätze so lange zu testen, bis sie scheitern. Dann kriegen sie nicht nur ein High-Five vom Chef, sondern auch eine Prämie. Es sind Leute, die in der Lage sind, querzudenken und interdisziplinär zu arbeiten: Skulpturkünstler treffen auf ehemalige Militärangestellte, Modedesigner auf Flugzeugingenieure. Bei X arbeiten Koryphäen: Rich DeVaul, Astro Teller, Mitch Heinrich, Sebastian Thrun sind einige bekanntere unter ihnen. Im Gegensatz zu Wissenschaftlern, die immer mehr von immer weniger – einem ganz bestimmten Spezialgebiet eines bestimmten Forschungszweiges – verstehen, verstehen sie in gewisser Weise immer weniger über immer mehr.

Durch seine kompromisslose Fail-Fast-Kultur ist X tatsächlich eine Moonshot Fabric. Moonshot, weil Ideen groß gedacht und radikal gelöst werden dürfen. Fabrik, weil die Verwandlung von Visionen strategisch gesteuert ist. Mit dieser Moonshot Philosophy wird man auch eines Tages Autos fliegen lassen.

Dieser Artikel wurde von Business Innovation veröffentlicht, Daimlers Lab für innovative Geschäftsmodelle. Folge Business Innovation auf Facebook, Twitter und Instagram oder diskutiere mit uns im Business Innovation Forum.