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„Ich habe immer das Gefühl, etwas machen zu müssen“ – Durch Hamburg mit Aminata Belli

Aminata Belli sitzt am Steuer
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She’s Mercedes begleitete die Moderatorin und Moderedakteurin Aminata Belli für einen Tag durch ihre Heimatstadt Hamburg.

Aminata Belli ist eigentlich studierte Moderedakteurin. Doch den Tag ausschließlich hinter dem Schreibtisch zu verbringen, wurde dem Multitalent aus Hamburg schnell zu langweilig. Wie gut, dass es noch ihren YouTube-Kanal gab. Heute steht Aminata hauptberuflich als Moderatorin für große Marken vor der Kamera. Ob sie als rasende Reporterin auf der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin unterwegs ist oder für ein Musikunternehmen Stars an ungewöhnlichen Orten interviewt: Sprachlos erlebt man die 26-Jährige selten. Und das ist gut so! Denn der gebürtigen Schleswig-Holsteinerin geht es um mehr als darum, schöne Eindrücke auf Instagram zu teilen. Selbstbewusst macht sie sich gegen Alltagsrassismus stark. Wir waren mit Aminata auf Tour in der Hansestadt, haben mit ihr zu ihrem Werdegang gesprochen und gefragt, warum es nicht nur als Person des öffentlichen Lebens wichtig ist, für die eigenen Belange einzustehen.

Wann stand für dich fest, dass du vor der Kamera stehen willst?

Ich war schon immer sehr kameraaffin. Schon vor dem Studium habe ich mehr aus Langeweile einen YouTube-Kanal gegründet. Das entsprach irgendwie dem Zeitgeist und ich habe selbst regelmäßig YouTube-Videos geschaut. Trotzdem war ich anfangs total schüchtern vor der Kamera. Es ist komisch, das heute zu sehen (lacht). Durch den YouTube-Kanal bin ich schließlich zu meinem ersten Moderationsjob für den NDR gekommen. Insgesamt war alles weniger geplant, es hat sich einfach entwickelt. Jetzt habe ich das Glück, beruflich vor der Kamera stehen zu können.

Du stammst aus einer Schaustellerfamilie. Hat dich das besonders geprägt?

In einer Schaustellerfamilie aufgewachsen zu sein, hat mich dahingehend geprägt, dass ich sehr anpassungsfähig bin. Wir sind viel gereist und ich musste mich oft auf neue Situationen einstellen. Entsprechend fällt mir das auch jetzt leicht. Ich bin sehr offen, habe generell wenig Angst vor unbekannten Dingen, auch wenn ich manchmal schon ein Angsthase sein kann (lacht). Ich kann mich gut beweisen. Das hat mich zu einer starken Frau gemacht.

Was macht für dich eine starke Frau aus?

Eine starke Frau lässt sich nicht davon beeinflussen, wer sie ist oder woher sie kommt. Sie kämpft für sich und ihre Interessen. Kurzum: Eine starke Frau macht, was sie will.

Du gehst offen mit Alltagsrassismus um. Inwiefern siehst du dich als öffentliche Person in der Verantwortung – besonders für Women und Girls of Colour? Wie versuchst du, ein Bewusstsein für Vorurteile im Kopf zu schaffen?

Mir ist es sehr wichtig, auf Alltagsrassismus und Rassismus im Allgemeinen hinzuweisen. Vielen, die damit nicht so häufig konfrontiert sind, fehlt der richtige Zugang. Deshalb versuche ich, eine Ebene zu schaffen, auf der offen diskutiert werden kann. Auf einer Party kam neulich ein Mädchen zu mir, ebenfalls Afrodeutsch. Sie umarmte mich und sagte, wie toll sie finde, was ich mache. Dass ich mich täglich starkmache und schwarze Mädchen und Frauen repräsentiere. Das sei so wichtig. Endlich fühle sie sich gesehen.

Mir schreiben Leute beider Geschlechter, wie dankbar sie sind, dass ich ein Sprachrohr bin und auch für ihre Anliegen Gehör schaffe. Es ist wichtig, für die eigenen Belange einzustehen – egal ob als öffentliche Person oder nicht. Aber gerade als jemand, die oder der in der Öffentlichkeit steht, wird man vielleicht eher gehört. Das sollte man nutzen.

„Es ist wichtig, für die eigenen Belange einzustehen – egal ob als öffentliche Person oder nicht.“ Aminata Belli

Auf Social Media teilst du viele persönliche Einblicke. Wie stehst du generell zum Thema Privatheit?

Auf YouTube kann man sehr schön meine Reise mit mir selbst verfolgen. Viele Follower begleiten mich seit Tag eins und haben meine Entwicklung miterlebt. Das ist spannend. Mittlerweile habe ich manche Inhalte aber gelöscht, weil sie für mein Empfinden zu privat sind. Das würde ich so heute nicht mehr machen. Ich persönlich habe auch eher das Gefühl, Privatsphäre großzuschreiben. Es ist sehr ausgewählt, was und vor allem wie ich die Inhalte zeige. Es gibt Themen, über die ich nicht gerne spreche, und das tue ich dann auch nicht. Mir ist bewusst, dass ich als Person des öffentlichen Lebens angreifbarer bin als andere. Man wird anders kritisiert und schneller angegangen, sobald man eine Meinung hat und Stellung bezieht. Vieles sieht auch viel spontaner aus, als es tatsächlich ist. Einiges passiert zeitversetzt und da ist vieles mitgedacht.

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Wie steht deine Familie zu deinem Job? Hilft es, dass sie nicht selbst aus der Branche kommen oder ist das manchmal eher anstrengend?

Für mich ist das sehr wichtig. Ich weiß zwar, dass ich superglücklich und dankbar sein kann für alles, was ich tue. Zuhause wird mir das aber immer noch einmal stärker bewusst. Da wird nichts als selbstverständlich angesehen. Bei uns wird Tradition wirklich großgeschrieben, außer mir macht in der Familie niemand etwas anderes. Die Medien- und Modewelt ist da natürlich eine spannende Alternative. Meine Familie ist stolz auf mich und findet es toll, was ich mache. Außerdem sind meine Mutter und meine Oma ziemlich gut in Sachen Instagram informiert. Sie kennen alle Influencer und wissen genau Bescheid über meinen Job (lacht). Hätte ich beschlossen, Metzgerin zu werden, wäre das vielleicht anders hinterfragt worden. Wobei: Wenn es wirklich mein Wunsch gewesen wäre, wäre das auch in Ordnung gewesen.

Wie verbringst du einen freien Tag? Wodurch schaffst du Ausgleich zum Job?

Mein Problem ist oft die Unterscheidung zwischen privat und nicht-privat. Ich weiß gar nicht genau, was für mich ein privater Tag ist. Vielleicht, wenn ich das Handy aus der Hand lege. Eigentlich ziemlich traurig. Ich habe immer das Gefühl, etwas machen zu müssen, und wenn es nur die Wäsche ist. Es gibt immer etwas zu tun. Wenn ich wirklich einmal nichts mache und nicht am Handy bin, dann liege ich wahrscheinlich im Bett. Ansonsten gehe ich in meiner Freizeit gerne mit Freunden essen. Aber auch da verschwimmen die Grenzen, viele von ihnen sind aus derselben Branche. Was ich mache, ist gewissermaßen mein Leben, kein reiner Beruf. Das ist völlig in Ordnung, nur ist es schwer zu sagen, was tatsächlich Freizeit ist. Außerdem bin ich leider absolut handysüchtig und kann mein Telefon nicht aus der Hand legen (lacht).

Aminata Belli vor dem Schaufenster des Pick & Weigh Kilo Store in Hamburg

Kannst du dir vorstellen, einen klassischen Nine-to-five-Bürojob auszuüben?

Bis letztes Jahr habe ich einen solchen Job gemacht, prinzipiell kann ich mir das also vorstellen. Mich schreckt die Vorstellung insgesamt aber eher ab. Als ich noch in der Moderedaktion war, kam es vor, dass ich vor dem Computer saß und dachte: Wow, ich bin ein junger Mensch mit ganz viel Energie und Ideen und jetzt sitze ich hier den ganzen Tag am Schreibtisch. Das ist irgendwie nicht natürlich und es geht ein bisschen gegen meine Natur, nicht zu machen, was ich will. Für mich ist Freiheit das Wichtigste. Eine eingeschränkte Freiheit in dem Sinne, dass der Chef sagt: „Du hast keine Urlaubstage mehr, du kannst nicht gehen“, das finde ich schwierig. Ich glaube, je länger ich frei arbeite, desto schwerer wird es mir fallen.

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Du hast schon viele Stars und Prominente vor der Kamera interviewt. Welche Begegnung war für dich besonders aufregend?

Das wichtigste, schönste und prägendste Interview war für mich auf jeden Fall das mit Joy Denalane. Eigentlich waren zwanzig Minuten für das Gespräch eingeplant, daraus wurden knapp fünfundvierzig. Ich war schon immer ein großer Fan von ihr. Sie ist wahnsinnig toll, sehr inspirierend und für mich persönlich superwichtig. Stichwort: Repräsentation. Für mich gab es nur Mel B und Joy Denalane. Das waren die Heldinnen meiner Kindheit und Jugend. Joy zu interviewen, hat mich sehr glücklich gemacht, und das Gespräch hatte für mich persönlich sehr großen Mehrwert.

„Für mich ist Freiheit das Wichtigste.“ Aminata Belli

Ist Offenheit eine Eigenschaft, die es in deinem Job besonders braucht?

Ich bin oft als rasende Reporterin unterwegs und muss fremde Leute ansprechen. Viele Kunden, Redakteure und das Team sind dann begeistert, dass ich das einfach so durchziehe. Ich denke dann immer: Das ist doch mein Job! Ich erwarte das von jemandem, der in diesem Bereich arbeitet. Wenn ich ein Interview mache oder eine Reportage, dann erwarte ich von mir, dass ich furchtlos auf jede Person zugehe, die involviert ist. Das ist für mich eine Selbstverständlichkeit.

Aminata Belli steht vor einer Ziegelwand

Was macht Hamburg für dich als Heimat besonders?

Hier habe ich meine Familie in der Nähe und ich bin hier aufgewachsen. Ich glaube, das ist tatsächlich das Einzige. An sich habe ich wenig Bezug zu Orten. Ich bin viel unterwegs und fühle mich eigentlich schnell überall heimisch. Das kommt wahrscheinlich vom Schaustellerdasein. Egal ob Hamburg, Berlin oder Köln: Jede Stadt macht für mich etwas anderes aus. Bei Hamburg ist es das Gefühl von Heimat, das war’s aber auch.

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Gibt es jemanden, den oder die du gerne einmal interviewen würdest?

Aktuell definitiv Yara Shahidi! Sie ist eine tolle, junge Schauspielerin aus Amerika, die sehr inspirierend und einfach super ist. Ich glaube, sie wird eines Tages Präsidentin der Vereinigten Staaten. Darauf freue ich mich jetzt schon. Ich würde sie sehr gerne einmal treffen.

Und gibt es konkrete Ziele und Vorhaben, die du dir selbst für die nähere Zukunft gesetzt hast?

Ich habe mir vorgenommen, es ab sofort immer anzusprechen, wenn ich mich unwohl fühle. Auch wenn ich vielleicht als übersensibel, überemotional oder als „Angry Black Woman“ gelte. Ab sofort werde ich es nicht mehr hinnehmen, wenn ich diskriminiert oder schlecht behandelt werde. Früher habe ich oft nichts gesagt, weil ich mich nicht getraut habe oder nicht wusste, wie ich mich wehren sollte. Das lasse ich nicht mehr zu. Egal welche Position die Person hat oder welches Geschlecht. Ich sage, was ich denke, und ich stehe dafür ein. Ich stehe meine Frau ohne Angst.

Danke für das tolle Gespräch!

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