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„We all have our own ways of being powerful.“ – Interview mit Beth Ditto

Beth Ditto singt auf der me convention
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Sängerin und Powerfrau Beth Ditto im Interview über Musik, Karriere und Auszeiten.

17 Jahre lang war Beth Ditto die Frontfrau der Indie-Rock-Band Gossip. Dann war Schluss. Für die stimmgewaltige Powerfrau noch lange kein Grund still zu sein. Mit „Fake Sugar” meldet sie sich zurück und beweist, dass sie auch als Solokünstlerin nichts von ihrer Aura eingebüßt hat. Im Rahmen der me Convention haben wir mit der 1,58 m kleinen Sängerin gesprochen, über das Musikmachen an sich und warum es für weibliche Künstlerinnen wichtig ist, sich in der Branche durchzusetzen. Außerdem verriet Beth Ditto uns, wie sie nach langen Tagen im Studio und auf Tour am besten entspannen kann.

Miss Ditto, mit Fake Sugar haben Sie Ihr erstes Soloalbum aufgenommen. Vorher waren Sie knapp 17 Jahre lang Mitglied der Band Gossip. Inwieweit hat sich die Arbeit alleine im Studio von der mit einer Band unterschieden?

Ich schreibe Lyrics und Melodien und habe auch schon mitproduziert. Bisher habe ich aber noch nie Gitarrenparts geschrieben. Ohne Nathan von Gossip musste ich mich also erst einmal nach neuen Co-Schreibern umschauen. Ein Prozess, der „laaaange“ gedauert hat. Gewöhnlich bereite ich mich auf die Treffen mit potenziellen Co-Schreibern immer gut vor und weiß schon nach den ersten 10 Minuten, ob die Zusammenarbeit klappt oder nicht. Zwar habe ich einige talentierte Leute kennengelernt, aber die Chemie stimmte oft nicht. Die Zusammenarbeit mit Jackknife Lee und Chris Braide war hingegen sehr anregend. Einige der Tracks landeten auch auf der Platte. Als ich dann aber Jenn DeCilveo traf, hat es sofort „Klick” gemacht und wir haben unzählige gemeinsame Songs rausgehauen. Während unserer Zeit im Studio haben wir mindestens so viel gelacht, wie wir miteinander diskutiert haben. Wir können beide ziemlich stur sein, hören uns aber auch gegenseitig genau zu. Die Verbindung war einfach eine ganz besondere. Wenn du diese Person erst einmal gefunden hast, ist es einfach wunderbar!

Meiner Ansicht nach hat ziemlich jede Branche Angst vor starken, unabhängigen Frauen. Beth Ditto

Ihre Songs sind dafür bekannt, eine Meinung zu vertreten. Hat Ihr Album „Fake Sugar” eine übergeordnete Message, die Sie mit Ihren Fans teilen möchten?

Die Songs handeln von ganz unterschiedlichen Themen. Viele drehen sich um meine Vergangenheit in Arkansas, ums Erwachsenwerden und das Weiterziehen. Einige erzählen auch von den Herausforderungen der Ehe, wenn Realität und Idealvorstellung aufeinandertreffen. Man glaubt ja gerne, dass man in Herzensangelegenheiten keine Kompromisse eingehen muss. Doch es gibt einige Punkte, die man vorher mit sich selbst aushandeln sollte, wenn man sich wirklich auf eine Beziehung einlassen will. Darauf bereitet einen niemand vor.

Beth Ditto live bei der me convention

„Mutig”, „frech”, „lebhaft”, „rebellisch”, „punkily positive” – das sind nur einige Attribute, wenn es darum geht, Beth Ditto zu beschreiben. Sie gelten gemeinhin als Powerfrau. Sehen Sie sich selbst so? Was denken Sie selbst über solche Beschreibungen?

Ich glaube, ich bin vor allem laut? Ich kenne viele starke Frauen, die eher ruhig sind. Wir tragen alle eine ganz eigene Art von Stärke in uns. Ich selbst habe aber auch gar keine andere Wahl. Ich war noch nie sehr gut darin, das zu machen, was andere von mir verlangen.

Man wird das Gefühl nicht los, dass die Musikwelt noch immer eine Männerdomäne ist. Glauben Sie, dass die Branche sich noch immer schwertut mit starken Frauen?

Meiner Ansicht nach hat ziemlich jede Branche Angst vor starken, unabhängigen Frauen. Es ist das klassische Dilemma: Wenn du selbstbewusst bist und dich durchsetzt, giltst du als „bossy“ und zickig. Wenn du dich zurückhältst, bleibst du auf der Strecke. Auch in meiner Karriere haben sich viele Türen schwerer öffnen lassen, weil ich dick und lesbisch bin und eben kein dünner, weißer und heterosexueller Indie-Rock-Mann. Ich bin sehr glücklich, dass so viele wunderbare Frauen mit mir an meinem Projekt arbeiten – weibliche A&Rs, ein weibliches Management, Produzentinnen, Redakteurinnen und Marketing-Direktorinnen. Allerdings ist es bezeichnend, wie gering der Anteil an Frauen ist, die bei Plattenlabels im Bereich PR und Produktmarketing tatsächlich eine ausführende Entscheiderrolle innehaben. Mir fallen da tatsächlich nur sehr wenige ein. Wenn du am Ende also nur Männer hast, die entscheiden, wer gesignt wird und wohin das Geld geht, dann hast du automatisch eine Industrie, die männliche Werte und Neigungen vertritt.

Liveauftritt der Sängerin Beth Ditto im

Nervt es Sie, dass Ihr Körper immer wieder Thema in den Medien ist? Sollten wir 2017 nicht eigentlich längst über die Vorstellung vom idealen Körper hinweg sein?

Ja, das Thema kommt immer noch auf. Insgesamt geht es aber zunehmend weniger darum und scheint vor allem auch weniger ein Problem zu sein, als es das noch vor zehn oder 15 Jahren war. Damals war ich eine der einzigen dicken Frauen im Musikbusiness. Heute gibt es dagegen so viele füllige Musikerinnen, Schauspielerinnen, Models und Frauen im Designbereich. Es ist einfach keine Seltenheit mehr. Mich freut es, dass ich zu den ersten gehörte, die füllige Körper sichtbar gemacht haben. Ich bin jedenfalls begeistert über all die „Badass”-Girls, die mit Feuer für sich einstehen.

Googeln Sie sich selbst und lesen Sie, was in der Presse geschrieben wird oder nehmen Sie davon lieber Abstand?

Ich lese niemals irgendeine Art von Presse über mich – ganz gleich, ob positiv oder negativ. Es ist wichtig diese Dinge auszublenden, um nicht irgendwann durchzudrehen.

In ihrem Job sind Sie viel unterwegs. Wie sorgen Sie zuhause für Ausgleich? Haben Sie ein bestimmtes Ritual?

Es ist ein Kreislauf. Eine Zeit lang ist es sehr ruhig, nichts passiert und dann „boom“. Der Sturm tobt. Ich häkle und stricke sehr viel, nicht nur daheim. Das ist auch das typische Bild von mir, wenn ich auf Tour bin. Ich sitze in meiner Schlafkabine und häkle Mützen und Pullover für die Babys meiner Freunde. Glücklicherweise kann mich meine Frau auch hin und wieder begleiten. Man könnte sagen, ich versuche ein Gefühl von Zuhause mit auf Tour zu nehmen.

Beth Ditto auf der Bühne

2014 haben Sie und Ihre Frau Kristin (Ogata) ein zweites Mal in Oregon geheiratet. Kurz zuvor wurde dort die gleichgeschlechtliche Ehe rechtlich anerkannt. Als Person, die sich in besonderem Maße für die LGBT-Bewegung einsetzt, wie wichtig war es Ihnen ein Zeichen zu setzen?

Es war tatsächlich nicht nur symbolisch. Wir mussten vielmehr sogar noch einmal heiraten, damit unsere Ehe rechtlich überhaupt anerkannt wird. Ist das nicht absurd?! Wir hatten eine riesige Hochzeitsfeier in Hawaii mit all unseren Freunden und der Familie, eine große liebevoll gestaltete Zeremonie. Leider war sie aus rechtlicher Sicht in Oregon nicht gültig. Als das Gesetz geändert wurde, haben wir deshalb zum zweiten Mal geheiratet. Dieses Mal gab es aber nur eine kleine Feier daheim mit unseren besten Freunden, die auch Trauzeugen waren.

Man könnte sagen, ich versuche ein Gefühl von Zuhause mit auf Tour zu nehmen. Beth Ditto

Sie gaben anlässlich der me Convention ein Konzert in Frankfurt. Die Convention beschäftigt sich in besonderem Maße damit, wie Digitalität unser Alltagsleben verändert. Wie stehen Sie diesem Thema gegenüber?

Ich bin wahrscheinlich die schlechteste Person, die man dazu befragen kann. Ich liebe Instagram. Twitter verstehe ich dagegen weniger. Meine E-Mail-Adresse ist sogar noch von Yahoo. Eigentlich interessieren mich nur die Apps von Lieferdiensten und solche, mit denen ich „The Office“ streamen kann. Mich begeistert es aber unheimlich, wie das Internet neue Protest-Communitys und Stimmen generieren kann. Angesichts der aktuellen politischen Lage scheint das wichtiger denn je.

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Vielen Dank für das Interview.