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Fair – von Anfang bis Ende

Sina Trinkwalder in ihrer Fabrik.

Sina Trinkwalder setzt mit ihrem Textilunternehmen ein Zeichen für die deutsche Wirtschaft.

Sina Trinkwalder ist eine deutsche Unternehmerin der besonderen Art. Ihr Konzept und ihre Unternehmensphilosophie sind in Deutschland beispiellos. Vor sechs Jahren gründete sie das Textilunternehmen manomama. Alleine und nur mit einer Nähmaschine bewaffnet. Heute sitzen über 100 Frauen und ein paar Männer in den großen Industriehallen in Augsburg. Überall rattern die Nähmaschinen, man hört freudiges Schwatzen und ab und zu lautes Lachen. Die Atmosphäre ist entspannt und fröhlich. Insbesondere wenn Sina durch die Gänge geht, strahlen die Gesichter der Frauen. Sina kennt jede von ihnen beim Namen, kennt ihre Geschichte und ihre Interessen.

Die Arbeitsplätze der Näherinnen.

Die meisten ihrer Mitarbeiter gelten auf dem Arbeitsmarkt als schwer vermittelbar. Es sind Langzeitarbeitslose, Menschen mit Migrationshintergrund, Alleinerziehende oder Analphabeten. Doch das ist bei manomama kein Problem. Angestellt wird jeder, der sich bewirbt und zwar nicht auf Zeit, sondern gleich fest. Sina ist der festen Überzeugung, dass, wenn man Menschen Vertrauen entgegenbringt, sie das zu schätzen wissen und die Chance wahrnehmen. Was für die meisten Unternehmer und Wirtschaftsspezialisten wahrscheinlich naiv klingt, bewährt sich bei Sina. Das Unternehmen schreibt schwarze Zahlen. Den Hauptumsatz macht manomama mit Stoffbeuteln, die es für Unternehmen wie DM oder Edeka produziert.

Die Stofftaschen sind das Hauptprodukt von manomama.

Seit einiger Zeit gehört auch ein Modelabel zu manomama. Sina macht die Entwürfe und ihre Mitarbeiterinnen setzen sie um. Statt in teure Werbung und Models zu investieren, modeln und fotografieren sich die Mitarbeiter selbst. Auch sonst bleibt alles Inhouse. Selbst den Versand übernimmt manomama. „Denn was bringt es, sauber und fair zu produzieren, wenn man dann ein Unternehmen wie Amazon beauftragt? Die Kette muss von Anfang bis Ende sauber sein,“ erklärt Sina.

Je nach Auftrag ist mal alles in der Fabrik lila, mal blau, mal grün.

Zu diesen hohen sozialen Ansprüchen zählen auch ökologische Maßnahmen. Sämtliche bei manomama verwendeten Materialien stammen aus Deutschland, bevorzugt aus der unmittelbaren Umgebung. Nur die Baumwolle wächst nicht in deutschen Breitengraden. Sie stammt aus Tansania. Damit auch in Tansania alles den hohen Maßstäben entspricht, fährt Sina einmal im Jahr dorthin, um bei der Ernte zu helfen. „Man muss das unterste Glied der Kette kennen, um die Arbeit wertschätzen zu können und den Produkten den Respekt entgegenzubringen, den sie verdienen,“ findet Sina. „Wenn ich weiß, dass jemand für ein T-Shirt zwei Stunden lang in der afrikanischen Hitze Baumwolle erntet, habe ich doch gleich eine ganz andere Einstellung dazu.“

Sina Trinkwalder vor den neuen Entwürfen.

Wir haben Sina in Augsburg getroffen und uns mit ihr über ihren radikalen Berufswechsel und die Idee hinter manomama unterhalten.

Zusammen mit deinem Mann hast du 13 Jahre eine Werbeagentur geleitet. Doch dann passierte etwas, das dich zum Umdenken und zu einem radikalen Neuanfang veranlasste. Was war das?

Es kam vieles zusammen. Ich war der Arbeit in der Werbebranche schon seit einer Weile überdrüssig. Auf dem Rückweg von einem Termin hatte ich ein Erlebnis, das mich sehr nachdenklich gemacht hat. Ich stand am Bahnhof und habe achtlos eine Zeitschrift weggeschmissen. Kurze Zeit später kam ein Obdachloser, durchsuchte den Müll und zog erfreut meine Zeitschrift heraus. Das machte mich stutzig, denn es war ein Frauen-Hochglanzmagazin und ich konnte mir nicht vorstellen, was er damit wollte. Ich hatte noch zwei andere Zeitschriften dabei, die ich ihm anbot und die er auch freudig entgegennahm. Als ich ihn fragte, was er damit vorhätte, erzählte er mir, dass er und seine Frau obdachlos wären. In der Zeit vor Weihnachten würde er Hochglanzcover sammeln, um aus ihnen Weihnachtsschmuck zu machen.

Mich befiel gleichzeitig Freude und Scham. Scham, weil ich miterleben musste, wie Menschen in meinem eigenen Land, zu kämpfen haben. Und Freude, weil es der Denkanstoß war, auf den ich gewartet hatte. Die Frage nach dem Sinn meiner Arbeit. Bewegt von dieser Begegnung kam ich im Zug mit einem Mann ins Gespräch, dem ich von meinem Erlebnis erzählte und von den Fragen, die mich umtrieben, was den Sinn meiner Arbeit betraf. Woraufhin er mir die wunderbare Antwort gab: „Man darf nicht nur nach dem Sinn der eigenen Arbeit suchen, sondern vielmehr nach der Wirkung für unsere Gesellschaft.“

Bei manomama gelten höchste ökologische Ansprüche.

Gesagt getan. Du hast mit manomama ein Unternehmen gegründet, das beispiellos in Deutschland, wenn nicht sogar in Europa ist. Neben höchsten ökologischen Ansprüchen, zeigst du in deinem Unternehmen ein Maximum an sozialer und gesellschaftlicher Verantwortung, in dem du hauptsächlich Menschen beschäftigst, die auf dem regulären Arbeitsmarkt keine Chance haben. Wie schafft ihr es bei manomama, dass Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt als unvermittelbar gelten, bei euch wertvolle und leistungsfähige Mitarbeiter sind?

Die Idee hinter manomama ist nicht die Mode, sondern der Mensch. Ich schaffe einen Platz für Menschen, die es in unserer Gesellschaft schwer haben. Und dieser Platz wird dann frei, wenn man die Gier begräbt. Uns ist es wichtig, schwarze Zahlen zu schreiben, damit wir alle gemeinsam unseren Lebensunterhalt erwirtschaften. Es geht hier nicht darum, soviel Gewinn wie möglich zu erwirtschaften.

Wir machen einen Gewinn der anderen Art. Hier arbeiten ca. 100 Menschen, die, wären sie nicht bei manomama, wahrscheinlich von Hartz IV leben würden. Hartz IV kostet den Staat 1.300 € im Monat, das sind bei 100 Menschen 130.000 € die wir monatlich einsparen. Hinzu kommen Abgaben für Rente und Krankenkasse. Das Wichtigste aber ist, dass wir den Menschen ihre Würde zurückgeben.

Sina und Monika – bei manomama duzen sich alle.

Ich schaffe einen Platz für Menschen, die es in unserer Gesellschaft schwer haben. Und dieser Platz wird dann frei, wenn man die Gier begräbt.

Sina Trinkwalder

Warum hast du dich dafür entschieden, ein Textilunternehmen zu gründen?

Textilien haben in Augsburg eine lange Tradition. Wir waren lange Zeit ein Zentrum der europäischen Textilwirtschaft. Das begann schon in vorindustriellen Zeiten und endete leider mit der fortschreitenden Globalisierung in den 70er-Jahren, die zu einer immer stärkeren Auslagerung der Arbeit in sogenannte Billiglohnländer führte. Das hat zur Folge, dass es immer weniger Arbeitsplätze für gering qualifizierte Menschen gibt, Menschen, die aber arbeiten können und wollen, man muss ihnen nur die Möglichkeit geben.

Manomama hat die Textilwirtschaft zurück nach Augsburg geholt.

Nach welchen Kriterien suchst du deine Mitarbeiter aus?

Lebenslauf und so weiter interessiert mich nicht. Ich gehe nach dem postalischen Stempel. Wer sich zuerst bewirbt, bekommt auch zuerst einen Job angeboten. Ganz wenige können nähen, wenn sie hierher kommen. Die kommen hier an und dann schauen wir, was sie für Fähigkeiten und Talente haben. Den Rest bringen wir ihnen bei.

Kleine Stärkung für die Mitarbeiterinnen.

Du bezeichnest dich nicht als Arbeitgeberin, warum nicht?

Meine Mitarbeiterinnen arbeiten nicht für mich, sondern für sich selbst. Ich zahle auch niemandem einen Lohn, sondern wir erwirtschaften das, was wir zum Leben brauchen. Das finde ich einen ganz wichtigen Unterschied. Darum nenne ich mich nicht Arbeitgeberin, sondern Arbeitskraftnehmerin. Für mich hat der Begriff „Arbeitgeber“ nichts mit Wertschätzung der Beziehung zu tun.