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She started it: Frauen in der Start-up-Szene

Filmemacherin Nora Poggi. © Aaron Fagerstrom

Nora Poggi spricht mit uns über ihren Dokumentarfilm

Nur 3% der Start-ups in der Technologiebranche werden von Frauen gegründet, 96% der Venture-Capital-Geber sind Männer, lediglich 12% der Informatik-Absolventen sind Frauen und weniger als 13% der Venture-Capital-Fonds fließen Frauen zu. Bestärkt durch diese Statistik hat sich die französische Filmemacherin und Tech-Journalistin Nora Poggi vorgenommen, die Kultur dieser weltweit am schnellsten wachsenden Branche zu verändern. Während es auf die großen Festivals 2016 zugeht, bei denen sie ihr Dokumentarfilm-Debüt 'She Started It', vorstellen wird, nimmt sich Poggi Zeit für ein Interview mit uns. Sie spricht darüber, wie wichtig es ist, junge Mädchen und Frauen darin zu bestärken, in der Technologiebranche zu arbeiten und auch in der Branche um Unterstützung für dieses Thema zu werben. Die Crowdfunding-Kampagne zur Finanzierung der Post-Produktion finden Sie hier.

01 07

Worum geht es in 'She Started It'?

'She Started It' ist ein abendfüllender Dokumentarfilm über den Alltag von fünf Firmengründerinnen, deren Unternehmen sich in unterschiedlichen Entwicklungsphasen befinden. Der Film begleitet sie und ihre Start-ups auf dem Weg zum Erfolg. Während dieser Reise soll aufgezeigt werden, was zur Gründung eines Unternehmens erforderlich ist und welche Chancen diese außergewöhnlichen Frauen genutzt haben. Bemerkenswerte weibliche Vorbilder aus den Bereichen Technologie und Unternehmertum aus den USA und Europa werden näher beleuchtet.

Erzählen Sie uns mehr über Ihren Hintergrund im Bereich Film.

Vor viereinhalb Jahren zog ich von Paris nach San Francisco. Anfangs arbeitete ich für ein Technologieunternehmen. Danach entschied ich mich dazu, in San Francisco zu bleiben und mich dort auf den Journalismus zu konzentrieren. Die Idee für den Film kam durch meine Tätigkeit als Journalistin, durch Interviews und meine Berichterstattung über die Technologie im Silicon Valley. Und dadurch, dass ich bei allen Konferenzen, an denen ich teilnahm, so wenige weibliche Teilnehmer sah. Eines Tages berichtete ich bei einer Konferenz von Women 2.0 über Unternehmerinnen, und ich sah all diese Frauen auf der Bühne. Sie alle waren berühmte Unternehmerinnen, von denen noch nie jemand etwas gehört hatte. Das war in etwa der Wendepunkt, an dem ich merkte, dass wir uns auf Frauen in der Technologiebranche konzentrieren müssen, über die niemand spricht.

Nora Poggi interviewt Thuy Truong vor ihrer Wohnung mit Roberto Dazza. © Sheetal J. Patel

Wie reagierten die Frauen, die Sie für den Film interviewen wollten?

Unterschiedlich. Wir wollten auf keinen Fall einen Film über die Schwierigkeiten von Frauen in der Tech-Branche drehen oder Horrormärchen erzählen. Es ging mehr darum, die Erfolge zu feiern. Einige Frauen, an die wir uns wendeten, wollten nicht darüber reden, wie es als Frau im Technologiebereich ist, weil sie sich einfach nicht gerne in eine Schublade stecken lassen wollten. Es gibt Frauen, die das Gefühl haben, es geschafft zu haben und nicht darüber reden wollen, einer Minderheit anzugehören, da sie das einschränkt. Ich persönlich teile diese Ansicht nicht, aber ich kann sie sehr gut nachvollziehen. Ich denke, so lange wir noch keine Gleichstellung erreicht haben, ist es wichtig, die Rolle auszufüllen und anderen Frauen dieses Sprungbrett anzubieten, das sie nutzen können.

Frauen sollten ineinander investieren und sich gegenseitig fördern. Lasst euren Worten Taten folgen.

Nora Poggi

Wie sind die männlichen Reaktionen auf diesen Film?

Unsere größten Unterstützer sind Väter, die in der Technologiebranche tätig waren, Töchter haben und wissen, wie schwierig es ist. Die sagen sich jetzt: „Mensch, da müssen wir echt was tun“. Das war überraschend, ist aber eine gute Sache, denke ich. Ich weiß, dass viele Männer hinter verschlossenen Türen agieren, um beispielsweise Medien und neue Initiativen zu finanzieren. Aber sie sprechen nicht öffentlich darüber, und genau das würde meiner Meinung nach etwas bewirken. Kürzlich habe ich ein Interview mit Chris Sacca gelesen, einem der größten Business Angels. Er hat in Uber und Twitter investiert, und in dem Interview sagte er: „Wir müssen etwas daran ändern, wie wir unsere Mädchen erziehen und wie wir Frauen in dieser Branche behandeln.“ Dass er das öffentlich äußert, ist wirklich ein wichtiges Statement. So sehr ich Männer schätze, die sich dieser Thematik annehmen - wichtig ist es, öffentlich darüber zu sprechen. Insbesondere dann, wenn man eine Machtposition hat und tatsächlich etwas bewirken kann.

Sind Ihnen Unterschiede im Feedback amerikanischer, europäischer oder asiatischer Unternehmer aufgefallen?

Das Feedback war eigentlich einheitlich, insofern als die meisten Unternehmer, egal ob Mann oder Frau, ähnlich denken. Unternehmer zeichnen sich durch Ausdauer, Beharrlichkeit und Leidenschaft aus, und das ist durch die Bank gleich. In Europa gibt es noch weniger Start-up-Gründerinnen in der Technologiebranche, sind eine noch kleinere Minderheit und stehen noch ganz am Anfang. Insbesondere, da die Tech-Branche noch nicht so weit entwickelt ist. Es ist schwieriger, an Kapital zu kommen. Europäische Frauen, mit denen ich gesprochen habe, haben sich nie wirklich beschwert. Sie sind äußerst begeistert davon, Vorreiterinnen einer neuen Unternehmerinnen-Revolution in Europa zu sein.

Welche Veränderungen in der Realität der Technologiebranche erhoffen Sie sich von dem Film?

Das ist eine gute Frage, weil wir uns vor allem hier, wo es überall um messbare Ziele und Daten geht, ständig behaupten müssen und zeigen müssen, warum ein Film unsere Zeit wert ist, dass dadurch Veränderungen im Status quo erreicht werden können. Ich glaube, dass es extrem wichtig ist, sich auf die Medien zu konzentrieren, denn einige, mit denen ich gesprochen hatte, meinten „Hey, warum konzentrieren wir uns nicht darauf, Programmierkurse für Frauen einzurichten, um dieses Nachwuchsproblem in den Griff zu kriegen?“ Nun, das reicht nicht aus. Es wird niemals nur einen Aspekt des Problems geben und nur eine Lösung. Man kann nicht einfach Programmierkurse anbieten und hoffen, dass Frauen sich reihenweise für diese Kurse anmelden und lernen, wie man programmiert. Man muss die Wahrnehmung der Mädchen ändern, die tatsächlich an diesen Bereichen interessiert sind. Wir wollen eine Million, wenn nicht sogar fünf Millionen Mädchen erreichen mit Hilfe von Auswahlverfahren in der Mittelstufe, Oberstufe, an Colleges und auch in Städten und Kommunen, hoffentlich auch über das Fernsehen, wenn wir es so weit schaffen. Für die Technologiebranche selbst planen wir schon einige Vorstellungen bei Technologieunternehmen in der San Francisco Bay Area und hoffentlich auch an anderen Orten. Ich möchte definitiv eine Diskussion unter Tech-Mitarbeitern entfachen, um zu zeigen, wie es ist, als Frau Fundraising zu betreiben. Nur weil man bei einem Technologieunternehmen arbeitet, bedeutet das nicht, dass man dafür völlig unempfänglich ist. Man ist Teil dieser Branche. Es ist wichtig zu wissen, dass man Veränderungen bewirken kann, und auch wie wir unsere Töchter erziehen ist von großer Bedeutung, wenn es darum geht, Teil der Lösung zu sein.

Brienne Ghafourifar, Mitgründerin der Firma Entefy, im Interview für She Started It. © Sheetal J. Patel

Was halten Sie von der Frauenquote bei der Besetzung von Stellen?

Nun ja, das ist eine etwas kontroverse Lösung, aber ich persönlich bin dafür. Wenn wir Gleichstellung erreicht haben, wenn wir genügend Frauen in leitenden Funktionen, Führungspositionen und Positionen mit Personalverantwortung bei Technologieunternehmen und in Venture Capital-Gesellschaften haben, dann sollten wir meiner Meinung nach die Person einstellen, die am besten für eine Position geeignet ist, ohne sich mit anderen Formen der Rekrutierung zu befassen. Aber ich denke, dass wir so weit noch nicht sind. 96% der Venture Capital-Geber sind Männer, und sie verwalten den größten Teil des Geldes. Die meisten Venture Capital-Geber investieren in Personen, die ihnen ähnlich sind, denn so funktioniert die menschliche Mustererkennung. Bis wir die Verwaltung des Kapitals gerechter gestalten und tatsächlich Mechanismen einsetzen, um mehr Frauen und Minderheiten in diese Positionen zu bringen, liegt noch viel Arbeit vor uns. Vor kurzem war ich bei einer Konferenz, bei der jemand davon sprach, die Rooney-Regel bei Einstellungsverfahren anzuwenden. Das bedeutet, dass man im Personalwesen keine Quote vorgegeben bekommt. Man kann einstellen, wen man möchte, aber man muss mindestens einen Kandidaten zum Bewerbungsgespräch einladen, der sich von den anderen unterscheidet. Man muss diese Person nicht einstellen, aber man muss ihr zuhören und ihr die Möglichkeit zu einem Gespräch bieten. Anscheinend hat man in manchen Technologieunternehmen damit Erfolge erzielt.

Was können Ihrer Meinung nach Frauen tun, die bereits in der Technologiebranche beschäftigt sind, um die Situation für andere Frauen zu verbessern?

Ich denke, Frauen haben enorm viel Möglichkeiten, die Situation für andere Frauen besser zu gestalten. Frauen in der Branche halten immer mehr zusammen und helfen sich gegenseitig, aber davon brauchen wir noch mehr. Frauen sollten ineinander investieren und sich gegenseitig fördern. Lasst euren Worten Taten folgen.

Official trailer „She Started It“