Leider unterstützt ihre aktuelle Browser-Version nicht alle Technologien dieser Webseite.

Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser, um die Webseite korrekt darstellen und alle Funktionen nutzen zu können.

„Auf der Rennstrecke kenne ich keine Angst“

Mit verschränkten Armen lächelt Sophia Flörsch der Kamera entgegen; sie trägt ihren schwarzen Rennanzug.
Artikel teilen

Trotz eines schweren Unfalls hat die Motorsportlerin Sophia Flörsch nie ans Aufgeben gedacht.

Der Guia Circuit gilt als eine der gefährlichsten Rennstrecken der Welt. Er führt durch die Straßen der chinesischen Sonderverwaltungszone Macau, China, die Fahrbahn ist schmal – an der berühmten Biegung Melco Hairpin nur sieben Meter breit – und voller tückischer Kurven. Alljährlich wird der Macau Grand Prix auf dem Guia Circuit veranstaltet. Zu den bekanntesten Rennen dort zählt der FIA F3 World Cup – eine große Chance für Nachwuchstalente des Motorsports, sich unter Beweis zu stellen. Michael Schumacher siegte dort 1990, sein Bruder Ralf fünf Jahre später.

2018 war Sophia Flörsch unter knapp 30 Teilnehmern beim F3 World Cup die einzige Frau. Für sie wird dieses Rennen aus vielerlei Gründen immer ein außergewöhnliches bleiben: Die 18-Jährige erlitt einen schweren Unfall auf der Strecke und musste elf Stunden lang an der Halswirbelsäule operiert werden. Nicht eine Sekunde hat sie daran gedacht, ihre Motorsport-Karriere aufzugeben. Im Gegenteil: Wenn sie die Möglichkeit dazu erhält, dann wird Sophia Flörsch diesen November erneut beim Formel-3-Rennen in Macau, China, an den Start gehen.

Sophia Flörsch sitzt in ihrem schwarz-roten Rennwagen; ihr Kopf ist durch einen Helm geschützt.

Sie haben bereits knapp fünf Monate nach Ihrer Operation wieder mit dem Training begonnen. Wie hat es sich angefühlt, zum ersten Mal seit dem Unfall in ein Rennauto zu steigen?

Für mich waren diese fünf Monate eine sehr lange Zeit. Ich saß noch nie zuvor so lange nicht hinter dem Steuer und ich habe das Fahren unheimlich vermisst. In den Wochen, in denen ich im Bett liegen musste, wurde mir noch einmal mehr bewusst, dass der Motorsport einfach mein Leben ist. Ich habe wirklich alles dafür getan, so schnell wie möglich wieder in ein Auto steigen zu können. Und es war ein unglaubliches Gefühl, als ich es dann endlich durfte.

Hat Sie der Unfall verändert?

Nein, vielleicht ein wenig als Mensch, aber nicht als Rennfahrerin. Es ist nicht so, dass ich mir nun andere Gedanken mache, bevor ich mich in ein Auto setze. Durch den Unfall bin ich mental eher noch viel stärker geworden. Einerseits, weil ich mein Leben jetzt noch mehr schätzen gelernt habe, und andererseits, weil mir bewusst geworden ist, was es eigentlich für ein Glück ist, diesen Sport überhaupt ausüben zu können.

Sie hatten niemals Angst?

Auf der Rennstrecke kenne ich keine Angst. Ich habe Respekt vor dem, was ich tue, und weiß, dass man bei diesem Sport immer ein Risiko eingeht. Diesem Risiko bin ich mir auch in Macau, China, bewusst gewesen, vor allem, weil der Guia Circuit eine Herausforderung ist. Aber das macht ein Rennen ja auch gleichzeitig noch viel aufregender.

Trotzdem muss für Sie alles sehr schnell gegangen sein. Sie waren mit rund 270 km/h unterwegs, bevor sie nach einem unerwarteten Bremsmanöver eines Konkurrenten ins Schleudern gerieten. Ihr Wagen hob ab und flog in einen Fangzaun. Wie haben Sie das Geschehene verarbeitet?

Ich habe das Video vom Unfall erst ein paar Tage später gesehen. In dem Moment war ich schon geschockt, weil ich gar nicht verstanden habe, dass ich diejenige bin, die in diesem Auto saß. Mir hat es sehr geholfen, viel darüber zu sprechen. Als ich im Krankenhaus lag, haben mir eine Menge Leute Nachrichten geschrieben, über Social Media oder WhatsApp. Ich war eigentlich durchgängig damit beschäftigt, allen zu antworten. Als ich wieder zuhause war, habe ich zwei Wochen lang Interviews gegeben. Je öfter ich darüber redete, desto mehr konnte ich das Geschehene verarbeiten. Es war aber das Beste für mich, dass ich während des gesamten Unfalls bei Bewusstsein gewesen bin. Für mich hat sich alles gar nicht so schlimm angefühlt, wie es aussah.

Eine Nahaufnahme von Sophia Flörsch: Sie trägt einen Helm; das Visier ist offen, sodass ihre grünen Augen sichtbar sind.

Das klingt so, als hätten Sie nach dem Unfall nie gezweifelt, ob Sie vielleicht mit dem Motorsport aufhören sollten.

Der Gedanke, aufzuhören, kam mir wirklich nie. Als ich hörte, dass keine anderen Menschen schwerverletzt wurden und ich selbst keine Schuld am Unfall trug, war mir direkt klar: Ich steige wieder ins Auto.

Wurde Ihnen denn nicht auch davon abgeraten?

Alle, die mich näher und länger kennen, wussten, dass es keine Option für mich war, mit dem Sport aufzuhören. Aus diesem Grund hat mir auch niemand reingeredet. Und selbst wenn, ich höre immer auf mein Bauchgefühl. Wenn man sein Leben danach ausrichtet, was andere sagen, kommt man früher oder später an den Punkt, Entscheidungen zu bereuen, weil sie nicht die eigenen waren. Das macht unglücklich.

Was würden Sie Menschen raten, die selbst eine traumatische Erfahrung durchlebt haben? Wie gelingt es, weiterzumachen?

Ich kann natürlich nur für eine traumatische Erfahrung im Sport sprechen. Bevor man ans Aufhören denkt, sollte man meiner Meinung nach erst einmal abwägen, wie viel man schon in eine Sache investiert hat. Was hast du schon alles geopfert? Wie lange hat es gedauert, überhaupt an den Punkt zu gelangen, an dem du jetzt stehst? Was hat es dich gekostet und was hat es vielleicht auch andere Menschen gekostet, dich zu unterstützen? Aber viel wichtiger ist die Frage: Macht dir etwas so viel Spaß, dass du es vermissen würdest, wenn du es aufgäbest?

Sophia Flörsch sitzt in ihrem Rennwagen auf der Rennstrecke. Ein schwarzer Regenschirm schützt sie vor der Sonne. Mechaniker und Rennstreckenpersonal stehen um ihr Auto herum.

Wie geht es nun für Sie weiter?

Ich hoffe, dass ich im November wieder beim Formel-3-Rennen in Macau, China, starten kann. Diese Klasse steht für mich sicher auch noch im kommenden Jahr auf dem Plan. Danach dann die Formel 2, DTM oder Formel E, wer weiß. Mein großes Ziel ist die Formel 1. Und dort möchte ich als komplett ausgebildete Rennfahrerin einsteigen. Bis dahin muss ich noch mehr Kilometer und Erfahrung sammeln, sei es in puncto Renntaktik und Strategie oder beim Überholen. Aber in vier Jahren bin ich hoffentlich bereit.