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Auf der Überholspur

Ellen Lohr und Sophia Flörsch lächeln in einer Garage in die Kamera. Ellen sitzt zwischen zwei Oldtimern, während Sophia im Hintergrund in ihrem roten Rennwagen sitzt.
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Die Rennfahrerinnen Ellen Lohr und Sophia Flörsch reformieren den Motorsport.

Die eine ist Jahrgang 1965, hat sich als Frau vielfach in der Welt des Motorsports behauptet und denkt noch lange nicht daran, den Rennanzug abzulegen. Die andere ist 2000 geboren, gilt als talentierteste Nachwuchsrennfahrerin Deutschlands und hat sich zum Ziel gesetzt, in vier Jahren in der Königsklasse mitzufahren, der Formel 1. Ellen Lohr und Sophia Flörsch mögen zwar aus zwei verschiedenen Generationen stammen, doch beide verbinden ihr ungebrochener Ehrgeiz und die Leidenschaft für eine Sportart, in der Frauen noch immer in der Unterzahl sind. Während Ellen Lohr den Weg für Motorsportlerinnen mitgeebnet hat, knüpft Sophia Flörsch genau dort an, um mehr Mädchen für ihre Passion zu begeistern und die gesellschaftliche Wahrnehmung des Sports zu verändern.

Hatten Sie Vorbilder, als Sie mit dem Motorsport angefangen haben – vielleicht sogar weibliche?

Ellen Lohr: Nein, weibliche Vorbilder hatte ich keine. Erstens, weil der Motorsport für mich lange ein reines Hobby war und ich in jungen Jahren die höheren Klassen gar nicht so richtig im Blick hatte. Das Interesse am professionellen Motorsport kam bei mir erst deutlich später. Und zweitens, weil es gar keine weiblichen Vorbilder gab. Zu der Zeit, als ich anfing, fuhr keine Frau in der Formel 1 mit. Aber ich wusste schon von Desiré Wilson und kannte den Namen Lella Lombardi.

Sophia Flörsch: Ich hatte die ganz klassischen Vorbilder: Michael Schumacher und Sebastian Vettel. Je älter ich wurde, desto mehr befasste ich mich aber auch mit dem Thema Frauen im Motorsport. Ich war 13 oder 14, als ich Ellen kennenlernte. Ich habe versucht, mir einiges von ihr abzuschauen. Auch heute gibt sie mir noch Tipps. Mein klares Ziel ist aber immer gewesen, die Königsklasse zu erreichen. Aktuell ist das noch die Formel 1, vielleicht ist es in ein paar Jahren die Formel E. In der Formel 1 hat jedoch leider noch nie eine Frau einen wichtigen Titel geholt.

Ellen Lohr und Sophia Flörsch sitzen in ihrem klassischen Rennwagen, der auf der Straße geparkt ist. Die Flügeltür des Autos ist offen, beide schauen auf die Straße.

Mit welchen Vorurteilen und Schwierigkeiten wurden Sie im Laufe Ihrer Karriere konfrontiert? Und bestehen diese Klischees und Vorurteile bis heute?

Ellen Lohr: Ich war die Erste, die die Formel Ford gewann, die Erste, die in der Formel 3 ganz weit vorne dabei war, die Erste, die ein DTM-Rennen gewonnen hat. Und ich war eine der ersten Frauen, die Truck Racing gefahren ist. Aber zeitgleich hat auch die Rallye-Raid-Fahrerin Jutta Kleinschmidt als Erste die Dakar gewonnen. Es war unser motorsportlicher Alltag, die Einzige zu sein, insofern war das für uns selbst nichts Besonderes, aber immer wieder für die dann neuen Gegner.

Natürlich gab es da ab und zu Ressentiments von Teamchefs gegenüber mir, die ihre Fahrer zusammenfalteten, weil ich sie überholt hatte. Und egal, welchen Erfolg ich einfuhr – statt mich zu fördern, hieß es immer, dass ich den nächsten Schritt nicht schaffen würde. Irgendwann kam dann der Zeitpunkt, an dem ich mich oft genug bewiesen hatte, um ernst genommen zu werden. Bis dahin musste ich aber lernen, im Zweikampf auf der Rennstrecke auch zurückzuschlagen, wenn ich übertrieben hart angegangen wurde. Wenn ich konterte, hatte ich es im nächsten Rennen leichter. Aber ich denke, dass das heute anders ist. Für viele junge Männer macht es mittlerweile keinen Unterschied mehr, ob sie mit einer Frau oder einem Mann konkurrieren.

Sophia Flörsch: Das kann ich so bestätigen. Durchsetzen muss man sich als Rennfahrer immer, egal ob männlich oder weiblich. Auch die Jungs müssen sich behaupten. Das Miteinander wird unkomplizierter und professioneller, je höher die Klasse, in der man fährt. Vielleicht hat das damit zu tun, dass „equality“ mittlerweile so ein wichtiges Stichwort ist, sei es im Sport oder auch in ganz klassischen Berufsfeldern. Ich persönlich kenne es eher vom Kartfahren, dass man sich als Mädchen manchmal blöde Sprüche anhören musste.

Sie sind beide über den Kartsport zum Automobilsport gekommen. Sind Sie denn von Beginn an als Frauen immer in der Unterzahl gewesen?

Ellen Lohr: Meine Eltern hatten einen Karosseriebetrieb. Überall standen Gokarts, an denen herumgebastelt und -geschraubt wurde. So führte mich mehr oder weniger meine Familie an diesen Sport heran. Auch, weil mein Bruder keinerlei Interesse daran hatte – das war letztendlich mein Glück. Damals hat man generell noch sehr viel später mit dem Sport angefangen. Heute sitzen die jungen Talente mit 15 Jahren im Rennauto. Wir durften damit überhaupt erst fahren, sobald wir den Führerschein hatten, also mit 18. Mitte der 80er-Jahre trat ich in einer der Einsteigerklassen des Formel-Rennsports, der Formel Ford, an. Von insgesamt 35 Teilnehmern waren wir sechs junge Frauen. Das war für die Zeit gar nicht mal schlecht.

Sophia Flörsch: Ich habe 2004, also im Alter von vier Jahren, mit dem Kartfahren begonnen. Man konnte uns Mädels immer an einer Hand abzählen. Ganz im Gegensatz zu den vielen Jungs.

Ellen Lohr und Sophia Flörsch sitzen im roten Rennwagen, während Sophia dabei ist, die Flügeltür des Autos zu schließen. Ellen sitzt neben ihr, lächelt und schaut auf die Straße.

Woran liegt es, dass sich da so wenig verändert hat? Ist es heute denn nicht leichter, als Frau mit dem Motorsport in Berührung zu kommen und speziell als Rennfahrerin auch höhere Klassen anzuvisieren?

Ellen Lohr: Ja und nein. Einerseits hat der Sport heutzutage eine ganz andere Sichtbarkeit, wodurch auch mehr Mädchen auf ihn aufmerksam werden. Andererseits benötigt man sehr viel Budget, um überhaupt mit diesem Sport anfangen zu können. Selbst wenn man in niedrigeren Klassen fährt, sitzt man viele Stunden im Simulator, absolviert das entsprechende Fitnesstraining und hat Coaches. Das gab es bei uns alles nicht. Deshalb war es zu meiner Zeit generell einfacher, in den Motorsport reinzukommen, ganz unabhängig vom Geschlecht. Alles war einigermaßen finanzierbar.

Sophia Flörsch: Diese Entwicklung sehe ich auch. Der Sport war schon immer teuer, aber in den vergangenen Jahren sind die Kosten noch einmal extrem gestiegen. Ich glaube sogar, dass es für Frauen aus diesem Grund heute fast etwas schwieriger ist, in den Motorsport zu gelangen. Viele weibliche Talente bekommen einfach nicht dieselben Chancen wie ihre männlichen Kollegen. Ich habe das Gefühl, Sponsoren sehen es als größeres Risiko, in eine Frau zu investieren. Einfach, weil eben noch nie eine bewiesen hat, dass man auch als Rennfahrerin in der Königsklasse langfristig erfolgreich sein kann. Das Einzige, was es Frauen heute etwas leichter macht, ist der Wandel des Frauenbilds. Als Frau wird man mehr respektiert und weniger belächelt, wenn man diesen Sport ausübt. Da ist natürlich noch viel Luft nach oben, aber im Vergleich zu Ellens Zeit hat sich schon einiges zum Positiven verändert.

Was passiert denn in Bezug auf die Nachwuchsförderung von jungen Mädchen? Und was müsste sich ändern, damit der Motorsport noch diverser wird?

Ellen Lohr: Es gibt einige Clubs und Initiativen, etwa Dare to be Different, die sich bemühen, den Sport und die damit zusammenhängenden Berufsfelder für junge Frauen interessanter zu machen. Zu meiner Zeit kannte ich keine einzige weibliche Mechanikerin. Mittlerweile gibt es Ingenieurinnen, Teamkoordinatorinnen oder Teamchefinnen. Da ist unheimlich viel passiert. Im Laufe der Jahre hat sich außerdem eine Art Stolz bei Frauen im Motorsport entwickelt. Social Media hat einen großen Beitrag dazu geleistet. Darin sehe ich generell für die heutige Generation einen enormen Vorteil, weil solche digitalen Plattformen Motorsportlerinnen weltweit einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machen. Nichtsdestotrotz bleibt die Geldfrage.

Sophia Flörsch: Es muss noch viel besser und deutlicher kommuniziert werden, dass das auch ein Sport für Frauen ist. Und dementsprechend sollten Frauen, je weiter sie kommen und je teurer es wird, auch dieselben Möglichkeiten wie Männer erhalten. Alle schauen bei einem Rennen nur auf das Ergebnis, ohne zu wissen, wie viel und welche Art von Training einzelnen Fahrern überhaupt ermöglicht wurde.

Sie meinen, der Motorsport müsste also auch transparenter werden?

Sophia Flörsch: Ja. Ein Beispiel: Würde eine Frau bei einem Rennen etwa Platz zwölf belegen, würde das von Medien und Gesellschaft direkt kommentiert und prinzipiell schlechter bewertet werden, als wenn ein Mann Platz zwölf belegt. Nach dem Motto: War ja klar, dass die nicht ganz vorne mitfährt. Dabei kennt niemand die Hintergründe, unter welchen Voraussetzungen die Pilotin oder der Pilot diesen Platz belegt hat, welche finanziellen Mittel ihr oder ihm zur Verfügung standen. Ich finde, das sollte sich ändern. Außerdem muss man jungen Mädchen deutlich zeigen, dass man sich nicht entscheiden muss: Nur weil man Rennen fährt, bedeutet das nicht, dass man nicht auch Nagellack tragen oder lange Haare haben kann. Ich sage immer, ich habe drei Persönlichkeiten: eine private, eine für das Fahrerlager und eine, wenn ich im Rennauto sitze. Letztere ist die schlimmste (lacht). Da habe ich nämlich nur ein Ziel: so weit wie möglich nach vorne zu kommen. No matter what.

Sophia Flörsch sitzt im Auto, das bei geöffneten Flügeltüren von hinten fotografiert wird. Auf der Heckscheibe stehen ihr und Ellen Lohrs Name.

Dieses Jahr ist die W Series gestartet, eine internationale Rennserie nur für Frauen. Wie stehen Sie dazu?

Ellen Lohr: Anfangs war ich davon überhaupt nicht begeistert. Als Frauen sind wir immer froh gewesen, keine eigenen Meisterschaften im Motorsport zu haben. Denn ein Blick auf viele andere Sportarten wie zum Beispiel Fußball zeigt: Frauen werden schlechter bezahlt und oft werden ihre Meisterschaften in der jeweiligen Sportart als zweitrangig angesehen. Natürlich nicht, was die sportliche Leistung betrifft, sondern was die mediale Wahrnehmung angeht. Doch ich habe inzwischen meine Meinung zur W Series geändert.

Wie kam es dazu?

Ellen Lohr: Ich habe lange mit dem Initiator der Serie, David Coulthard, gesprochen und mir ein Rennen angeschaut. 18 junge, talentierte Frauen erhalten wichtige Kontakte und eine Chance, sich im Motorsport zu beweisen – eine Möglichkeit, die sie ohne diese Serie finanziell sonst nie gehabt hätten. Diesen Ansatz finde ich toll, denn so werden weibliche Talente in den Motorsport gebracht.

Wie begegnen Sie eigentlich anderen Frauen auf der Rennstrecke? Geht man solidarischer miteinander um als mit Männern?

Ellen Lohr: Grundsätzlich ist jeder Konkurrent ein Konkurrent, egal, ob weiblich oder männlich. Doch immer, wenn eine andere Frau bei einem Rennen dabei war, habe ich versucht, es so hinzubiegen, dass wir vielleicht am Ende gemeinsam noch stärker sein können. 2016 bin ich beispielsweise mit meiner Kollegin Steffi Halm ein Rennen im Truck Racing gefahren. Ich wurde Zweite, sie Erste. Das ist der bislang einzige Doppelsieg von zwei Frauen in einer FIA-Serie, einer der großen Serien, die von der Fédération Internationale de l’Automobile anerkannt ist. Und das ist uns nur gelungen, weil wir uns beim Fahren sehr respektiert haben und solidarisch miteinander umgegangen sind. Das kann einen schon stärker machen.

Sophia Flörsch: Das stimmt sicherlich. Trotzdem unterscheide ich bei einem Rennen nie zwischen Mann und Frau, sondern bin völlig neutral. Ich will einfach an meinen Mitstreitern vorbeiziehen, egal, ob weiblich oder männlich. Abseits der Rennstrecke verstehe ich mich mit den anderen Frauen im Fahrerlager aber sehr gut, man hält dann doch zusammen.

Dieser Artikel entstand mit Unterstützung des Mercedes-Benz Museums und des Mille-Miglia-Teams.