Leider unterstützt ihre aktuelle Browser-Version nicht alle Technologien dieser Webseite.

Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser, um die Webseite korrekt darstellen und alle Funktionen nutzen zu können.

Bertha Benz – Die unerschütterliche Visionärin

Eine junge Bertha Ringer posiert für ein Foto gegen Ende der 1860er-Jahre. Auf diesem Foto trägt sie ein ausladendes, kariertes Kleid und eine elegante Hochsteckfrisur.
Artikel teilen

Bertha Benz half bei der Erfindung des Automobils und veränderte zusammen mit ihrem Mann die Welt.

„Leider wieder nur ein Mädchen.“ Diese Worte bleiben Cäcilie Bertha Ringer noch lange, nachdem sie sie zum ersten Mal im Alter von zehn Jahren gelesen hat, im Gedächtnis haften. Sie hatte mit aufgeschlagener Familienbibel im Salon ihres Elternhauses in Pforzheim gesessen; auf den letzten Seiten des Buches notierten ihre Eltern wichtige Ereignisse und dort erscheint dieser schmerzliche Eintrag vom 3. Mai 1849 – dem Tag ihrer Geburt. Zwei Töchter hatte die Familie damals bereits – Emilie Auguste Louise und Elise Mathilde – aber bislang noch keinen Sohn und Erben. Wer würde einst das väterliche Bauunternehmen übernehmen? Wer würde sich um die Familie kümmern?

Diese Einstellung ist zwar typisch für die damalige Zeit, hat jedoch tief greifende Auswirkungen auf Bertha Benz. Bertha, so erzählt später ihre Freundin Elisabeth Trippmacher, hat diese Worte nie vergessen, „und jedes Mal, wenn sie daran dachte, machte sie sich daran, zu beweisen, dass auch Mädchen außergewöhnliche Dinge erreichen können.“ Ehrgeizig, neugierig, mit einem lebhaften Geist und großem Interesse an technischen Erfindungen, so wird sie von ihrer Biographin Barbara Leisner beschrieben.

Am 27. Juni 1869, im Alter von 24 Jahren, lernt die junge Frau den Ingenieur Carl Benz bei einem Ausflug des Geselligkeitsvereins „Eintracht“ kennen. Benz hält sie für eine aufmerksame Gesprächspartnerin und bemerkenswert gebildet. „Bertha Ringer hieß das temperamentvolle Pforzheimer Kind, das fortan mitbestimmend und mitberatend in den Kreis meiner Ideen trat“, schrieb der 80-jährige Benz in seiner Autobiographie. Sie sollte seinem „schöpferischen Ringen und Schaffen wie eine zweite Triebfeder gegen hemmende Widerstände immer wieder Spannkraft verleihen.“ Es sind ihre Beharrlichkeit und ihr Talent, die ihm dabei helfen sollten, seine Vision einer motorgetriebenen, pferdelosen Kutsche zu verwirklichen.

Bertha hat solches Vertrauen in die Idee ihres Verlobten, dass sie ihn mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln unterstützt. Sie lässt sich von ihren Eltern vorzeitig ihre Mitgift in Höhe von 4.244 Gulden auszahlen, um sie in sein Unternehmen zu investieren. Bald gerät Carl Benz in finanzielle Schwierigkeiten: Zusammen mit seinem Geschäftspartner August Ritter hatte er ein Grundstück in der aufstrebenden Industriestadt Mannheim gekauft, wo er mit Bertha nach ihrer Hochzeit leben wollte. Er eröffnet eine „mechanische Werkstätte“ und arbeitet bereits an seinen ersten Aufträgen. Doch die hohen Zinsen auf das Darlehen drücken schwer, und nach einem Streit mit Ritter beschließt das junge Paar, dass es am besten wäre, den Geschäftspartner möglichst bald auszuzahlen. Dazu benötigt Carl Berthas Geld. Trotz ihrer Liebe zu Carl bleibt Bertha pragmatisch und besteht auf einen Ehevertrag, um ihr Vermögen abzusichern. Am 20. Juli 1872 werden Carl und Bertha Benz in der Schlosskirche in Pforzheim getraut.

Diese Schwarzweißfotografie von 1883 zeigt Bertha Benz mit ihren vier Kindern. Von links nach rechts: ihre jüngste Tochter Thilde, Clara, ihr ältester Sohn Eugen und Richard.

Ohne das Geld und den Zuspruch seiner tatkräftigen Frau hätte der junge Erfinder zweifellos aufgegeben und eine Anstellung gesucht. Hinzu kommt die Börsenkrise von 1873, die ganz Europa erschüttert und auch die deutsche Wirtschaft erfasst. Carl Benz hat zahlreiche Ideen für den Bau von Maschinen für die unterschiedlichsten Branchen, aber die Aufträge bleiben aus. Im Juli 1877, während Bertha ihr drittes Kind erwartet, wird die Werkstatt vom Gerichtsvollzieher beschlagnahmt und Carl Benz muss sich noch tiefer verschulden, um weiterarbeiten zu können. Trotz allem glaubt Bertha Benz nach wie vor an seine Vision eines Automobils – eine Idee, die seit langem zu ihrem gemeinsamen Traum geworden war. „Wir haben dauernd über seine Pläne gesprochen“, erzählt Bertha Benz im Alter. „So wurde ich dann sehr vertraut mit aller Technik.“ Nach Auffassung ihrer Biographin Barbara Leisner war Bertha in der Lage, technische Entwicklungen beim Bau der Maschine beizusteuern, versteht seine Pläne und schlägt eigene Ideen vor.

Von den Beschäftigten wird Bertha Benz später einmal „Werkmeister“ genannt, eine Bezeichnung, die damals normalerweise Betriebsleitern vorbehalten ist. Aber fürs Erste kann Carl Benz es sich noch nicht leisten, Mitarbeiter einzustellen; zunächst muss er den Zweitakter, an dem er jahrelang herumgetüftelt hat, zum Laufen bringen. Silvester 1879 ist es so weit. „Wir müssen doch noch einmal hinüber in die Werkstätte und unser Glück versuchen“, verkündet Bertha Benz ihrem Ehemann aus einem inneren Drang heraus. Später erzählt er: „Und wieder stehen wir vor dem Motor wie vor einem großen schwer enträtselbaren Geheimnis. Mit starken Schlägen pocht das Herz. Ich drehe an. Die Maschine erwacht zum Leben. In schönem regelmäßigen Rhythmus lösen die Takte der Zukunftsmusik einander ab. Über eine Stunde lauschen wir tief ergriffen dem einförmigen Gesang.“

Eine Schwarzweißfotografie vom Ende des 19. Jahrhunderts zeigt Bertha Benz und ihren Ehemann Carl sitzend im Patent-Motorwagen. Im Hintergrund sind Schaulustige.

Obwohl die Mannheimer Geschäftswelt die neumodische Maschine interessant findet, ist niemand bereit, sein Geld darin zu investieren: zu teuer und nicht erprobt. Als es mit zwei weiteren Geschäftspartnern zum Streit kommt, steht Bertha weiter fest an der Seite ihres Mannes. „Nur ein Mensch harrte in diesen Tagen, wo es dem Untergange entgegenging, neben mir im Lebensschifflein aus. Das war meine Frau“, so Carl Benz. „Sie zitterte nicht vor dem Ansturm des Lebens. Tapfer und mutig hisste sie neue Segel der Hoffnung auf. Wer weiß, was ohne sie geschehen wäre.“

Angesichts seiner zahlreichen Rückschläge muss Carl Benz sich oft gefragt haben, ob er das Richtige tat. Bertha Benz dagegen lebt ganz nach dem Wahlspruch: „Arbeiten und nicht verzweifeln.“ Ihre Haltung macht sich bezahlt. Am 29. Januar 1886 beantragt Carl Benz das Patent für seinen Motorwagen „mit Gasmotorenbetrieb“. Um Aufmerksamkeit auf die Erfindung zu lenken, unternimmt Bertha mit ihren Söhnen im August 1888 die erste Fernfahrt mit dem Serienmodell des Patent-Motorwagens. Zu den ersten Interessenten für das Fahrzeug zählt eine Frau – eine Lehrerin aus Ungarn. „Leider“, schreibt der Ingenieur, „waren ihre finanziellen Mittel nicht so groß wie ihr Enthusiasmus. Allerdings finden begeisterte Frauen stets einen Weg, und es gelang ihr, einen ihrer Kollegen dafür zu begeistern, all sein verfügbares Geld für das Fahrzeug zu opfern.“ Es ist nicht bekannt, was Bertha Benz über diese Frau dachte. Aber wir können uns vorstellen, wie stolz sie war.