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Die leidenschaftliche Zuhörerin

Evelyn Glennie lehnt an einer Backsteinwand neben einem senkrecht stehenden Xylophon. Sie lacht.
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Solo-Percussionistin Evelyn Glennie konnte ihr Talent trotz starker Hörbeeinträchtigung zur Entfaltung bringen.

Evelyn Glennie musiziert meistens barfuß. Wenn sie auf der Bühne steht, nimmt sie die Klänge mit nahezu sämtlichen Sinnen auf: Sie fühlt die Schwingungen. Sie sieht die Vibrationen der Violinsaiten, wenn sie mit einem Orchester zusammenspielt. Sie sieht das Wummern der Schlagzeugfelle und das Zittern des Metalls der Becken, wenn sie sie anschlägt. Aber den Klang der Instrumente hört sie nicht. Denn diese außergewöhnliche Musikerin ist nahezu gehörlos. Aufgrund einer Erkrankung ihres Hörnervs in ihrer Kindheit geht ihr Vermögen, Geräusche, Stimmen und Musik zu hören, zunehmend zurück. Damals ist Evelyn Glennie acht Jahre alt. Mit 12 Jahren hat sie ihren Hörsinn praktisch vollkommen verloren. Doch ihr Traum von der Musik bleibt davon unberührt.

Evelyn Glennie lernt, Lippen zu lesen. Sie nimmt Schlagzeugunterricht und will Percussionistin werden. Als sie sich beim Royal College of Music und der Royal Academy of Music in London bewirbt, wird sie zunächst abgelehnt. An der letzteren Institution wird sie schließlich doch angenommen, denn ihr Talent macht ihr scheinbares Handicap mühelos wett.

Bis heute ist die Karriere der schottischen Schlagzeugerin einzigartig. Sie hat mit der isländischen Musikerin Björk zusammengearbeitet, ist bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele 2012 aufgetreten, hat zwei Grammys erhalten und wurde von der Queen zur „Dame“ geadelt. Sie besitzt über 2.000 Schlaginstrumente, die ihren Platz in der Evelyn Glennie Archive Collection finden sollen – einem Projekt, an dem sie und ihr Team derzeit arbeiten. Außerdem plant Glennie die Eröffnung eines Zentrums, das sich dem Thema Hören unter verschiedenen Gesichtspunkten wie Kunst, Erziehung und Medizin widmet. Sie ist bei Veranstaltungen als Sprecherin aufgetreten, hat zwei Bücher geschrieben und tourt auch nach über 30 Jahren im Musikgeschäft rund um die Welt von Konzert zu Konzert. In diesem Interview blickt sie zurück auf ihre musikalischen Anfänge, spricht über Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und erläutert die Bedeutung des echten Zuhörens.

Solo-Percussionistin Evelyn Glennie lehnt auf ihrem Xylophon.

Als erste Vollzeit-Solo-Percussionistin der Welt haben Sie im Grunde einen Beruf erfunden, der aus Ihrer Leidenschaft heraus geboren wurde. Wie und wann wussten Sie, dass dies die einzige Sache ist, der Sie sich widmen wollten?

Ich habe mit 15 Jahren beschlossen, Musik zu studieren und Berufsmusikerin zu werden. Nachdem ich diesen Entschluss einmal gefasst hatte, stand für mich fest, dass ich mich voll auf eine Tätigkeit als Solo-Percussionistin konzentrieren würde. In der Schule und bei Gemeinschaftskonzerten habe ich immer schon gerne Soli gespielt, daher war ich entschlossen, diesen Weg so weit wie möglich zu verfolgen. Damals hatte ich keine Ahnung, dass es keine anderen Vollzeit-Solo-Percussionisten auf der Welt gab. Ich war also zu einer einsamen Reise aufgebrochen, allerdings mit klarem Fokus und Entschlossenheit.

Wo fanden Sie die Stärke, um diese neue Position zu erschaffen?

Sie kam aus mir selbst heraus. Ich war so sehr damit beschäftigt, Handlungspläne zu entwickeln und umzusetzen – beispielsweise, ein eigenes Repertoire zu erstellen – dass ich gar keine Zeit hatte, an andere Dinge zu denken. Ich musste meine eigene Lehrerin, Logistikmanagerin und Geschäftsfrau sein und von buchstäblich jeder Person und jeder Situation, in der ich mich befand, lernen.

Was würden Sie raten, um die eigene Berufung und das eigene Talent zu entdecken und anschließend zu fördern?

Man sollte in verschiedene Bereichen hineinschnuppern und möglichst viele Erfahrungen sammeln, auch wenn das mal unbequem ist. Man weiß ja nie, welches Samenkorn gelegt werden, auf wen man treffen oder welches Gespräch Dinge zur Entfaltung bringen könnte. Ist erst einmal ein Interesse geweckt, sollte man es so weit wie möglich weiterverfolgen, und zwar auf positive und produktive Weise. Dann sollte man darauf achten, wie diese guten Gefühle sich auf andere Bereiche des Lebens übertragen lassen. Dinge brauchen Zeit, um sich zu entwickeln. Sich in Geduld zu üben ist daher von enormer Bedeutung, um einer Berufung zu folgen.

Sie haben zwei Grammys gewonnen und die Bühne mit den besten Musikern und Orchestern der Welt geteilt. Haben Sie trotzdem manchmal Selbstzweifel?

Selten. Wenn ich glaube, dass ich nicht die richtige Person für ein Projekt bin, dann sage ich das. Es ist wichtig für mich, meine Grenzen zu verschieben und meine Komfortzone zu verlassen, aber das führt nicht zu Selbstzweifeln. Es treibt mich eher an, mehr erreichen zu wollen. Manchmal bin ich unmotiviert – das kann zum Beispiel nach der Arbeit an einem wirklich aktiven oder intensiven Projekt vorkommen. In so einem Fall folge ich einfach meinen Gefühlen, ohne etwas zu erzwingen. Ich weiß ja, dass die Inspiration sich zu gegebener Zeit wieder einstellen wird.

Evelyn Glennie spielt ein riesiges, senkrechtes Xylophon an einem sonnigen Tag im Freien.

Im Allgemeinen scheinen Sie eine Person zu sein, die auf ihr Bauchgefühl hört. Sie haben zum Beispiel nie aufgehört, mit Instrumenten auf der Bühne zu experimentieren, auch wenn Kritiker von Ihrer Herangehensweise an klassische Musik nicht begeistert waren.

Ganz gleich, was wir tun, es wird immer Menschen geben, die unsere Bemühungen würdigen, und andere, die das nicht tun. So ist das Leben nun einmal, und ich habe keinen Einfluss darauf. Darum verschwende ich auch keine Energie darauf, zu versuchen, es allen recht zu machen. Ich kann nur das machen, was sich in dem Moment richtig anfühlt, und immer versuchen, mein Bestes zu geben.

Glauben Sie, dass die Menschen sich heute noch genau zuhören? Oder anders gesagt: Worum geht es eigentlich beim wirklichen Zuhören?

Zuhören bedeutet nicht, auf Geräusche zu reagieren oder etwas Bestimmtes zu hören, sondern vielmehr, präsent zu sein und die Situation zu beobachten, in der man sich befindet. Ich meine das nicht im religiösen Sinne oder im Sinne von Zen-Buddhismus; ich meine damit unsere eigene Entscheidung, uns entweder dem Akt des Hörens zu widmen oder eben nicht. Ich bin taub und ich kann trotzdem zuhören. Hören ist ein physiologisches Phänomen, während Zuhören eine Handlung ist, die wir bewusst ausführen. Wenn man sich selbst zuhört, ist man zudem besser in der Lage, anderen zuzuhören; so wie man sich im Flugzeug zuerst selbst die Sauerstoffmaske aufsetzt, bevor man anderen hilft. Das Beunruhigende ist die Geschwindigkeit des heutigen Lebens und wie so viele Dinge Minute für Minute unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Das hat Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Menschen, und zwar nicht nur auf ihre Fähigkeit zuzuhören, sondern auch auf ihr Vermögen und ihre Energie, dies zu tun.

Woher nehmen Sie selbst die Energie, zuzuhören? Zumal Sie ja mit Ihrem gesamten Körper zuhören.

Ich brauche eine ganze Weile, um einen Klang zu verarbeiten und zu verstehen. Die Geduld, die das erfordert, hat mir dabei geholfen, Zeit und Raum zu würdigen und zu akzeptieren, dass alles seinen eigenen, natürlichen Rhythmus hat. Ich betrachte Klänge wie Lebensmittel: Ich esse nicht rund um die Uhr und ich füttere meinem Körper auch nicht rund um die Uhr mit Klängen. Ich höre mir keine Musik zum Vergnügen an, wenn ich den ganzen Tag lang musiziert habe – das wäre eine Übersättigung, die den Appetit löscht, sich langfristig weiterzuentwickeln. Es ist tatsächlich so, dass ich bei mir zu Hause, in meinem Büro und meiner unmittelbare Umgebung einen „Klangfrühjahrsputz“ mache, um die Schwingungen, die mich durchdringen, im Gleichgewicht zu halten.