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Gemeinsame Zukunft für Kunst und Technologie

Julia Kaganskiy
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NEW INC Direktorin Julia Kaganskiy erzählt uns, wie der erste von einem Museum geführte Inkubator der Welt die Trennlinien zwischen Kunst, Technologie und Wirtschaft verwischt

In Manhattans historischem Bowery-Viertel, gleich neben dem stählernen Turm des „New Museum“, einer renommierten Institution für zeitgenössische Kunst, steht ein schlichtes Bürogebäude, das vor kreativer Energie nur so strotzt. Hier sitzt NEW INC – der erste von einem Museum geführte Inkubator der Welt, konzipiert von der Direktorin des New Museums Lisa Phillips und der stellvertretenden Direktorin Karen Wong, und geleitet von Kunst-/Technologie-Visionärin Julia Kaganskiy. NEW INC ist ein Ort des Austauschs mit einer rotierenden Liste von einhundert Personen, deren Spezialgebiete von der virtuellen Realität über Datenkunst bis zur Überwachungsabwehr-Kleidung reichen. Hier inspirieren sich die anwesenden Experten und Denker gegenseitig, und werden in Unternehmerschulungen und Mentoring-Programmen für die Realitäten zeitgenössischen Kulturschaffens gewappnet. Wir lassen uns von Kaganskiy durch das New Museum und NEW INC führen und erfahren von ihr aus erster Hand, wie sie vorhat, die Trennlinien zwischen Kunst und Technologie zu verwischen und so gleichzeitig beide Bereiche zu revolutionieren.

Wie wurde Ihr Interesse an Technologie geweckt?

Mein erster Job nach dem College war als Redakteurin eines Technologie-Start-Ups in New York City. Als junger Mensch empfand ich den Technologie-Bereich als unglaublich offen und anti-elitär. Es war aufregend sich vorzustellen an der vordersten Front einer neu entstehenden Industrie zu sein, wo es noch keine Normen, keine bewährten Praktiken – keine Barrieren gab. Die Vorstellung, die Zukunft von etwas Neuem mitgestalten zu können anstatt anderer Leute Regelwerke zu erben, war ausschlaggebend für meine Faszination.

Wie kamen Sie zur Welt der Kunst?

Die Technologie-Szene hat mich sehr schnell desillusioniert. Keiner schien sich wirklich Gedanken zu machen, ob wir eine weitere App brauchten oder wie diese Anwendungen Kultur beeinflussen, neue Verhaltensweisen und soziale Normen formen würden. Der einzige Bereich, in dem ich diese Unterhaltungen stattfinden sah, war in der Kunst. Künstler erforschten die unvorhergesehenen kreativen Möglichkeiten neuer Technologien und lieferten einige dringend notwendige Kommentare dazu, wie diese unsere Vorstellungen von Identität, Intimität, Privatsphäre gegenüber öffentlichem Raum, Autorität und mehr infrage stellten. Ich versuche seitdem diesen Diskurs zu verstärken, seine Reichweite zu erhöhen und mehr Ressourcen dafür zur Verfügung zu stellen.

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Was hat Sie dazu veranlasst, Begegnung zwischen Kunst und Technologie zu ermöglichen?

Ich hatte viel Zeit damit zugebracht, alles, was ich über Technologie erfahren konnte, zu konsumieren und ich denke, meine Seele war an der kreativen Front regelrecht ausgehungert. Ein Freund hat mich ermutigt, diese Begegnungen ins Leben zu rufen, um auf diesem Weg mein neu entdecktes Interesse an Technologie mit meiner Leidenschaft für die Künste zu verbinden. Ursprünglich habe ich gezögert. Ich hatte keinerlei Fachkenntnisse zu bieten. Darum habe ich mehrere Monate lang recherchiert. Eines Tages begann das Konzept Sinn zu machen. Es war sowohl ein Weg meine Recherche zu vertiefen, als auch ein Anlass, mich mit einer Gemeinschaft gleichgesinnter Kollegen zu umgeben, mit denen ich fortlaufende Unterhaltungen führen konnte, wie die sich rasant entwickelnde Welt der Technologie die Künste beeinflusste.

Wie entstand NEW INC?

Ich war schon jeher von einem Gemeinschaftsgedanken getrieben, entweder online oder in Form persönlicher Begegnung. Nachdem ich als freie Redakteurin beim „Creator's Project“ gearbeitet hatte, habe ich mich danach gesehnt, Teil einer kreativen Kohorte zu sein. Geträumt habe ich anfangs von einem kooperativ geführten Galerie-Event-Coworking-Raum. Wann immer ich in eine andere Stadt wie Mexiko City, London oder Berlin gereist bin, habe ich Beispiele ähnlicher Initiativen ausfindig gemacht und ein bisschen mehr darüber gelernt, wie sie funktionierten. In Anbetracht der Immobilienpreise in New York wurde mir klar, dass dieses Modell, so wie ich es mir vorgestellt hatte, hier nicht tragbar sein würde. Zur selben Zeit waren die Direktorin des New Museums Lisa Philips und die stellvertretende Direktorin Karen Wong dabei, sich einen Community-Katalysator auszumalen, der unter Berücksichtigung einer sich durch Technologie rapide verändernden Landschaft kreativer Praktiken genau diese kreativen Praktiken in das Bowery-Viertel zurückbringen würde.

Porträtaufnahme von Julia Kaganskiy im Fenster

Welche Probleme rund um das Kulturschaffen hat das Programm anfänglich gehofft zu beseitigen?

Junge kreative Menschen haben mehr unternehmerisch gedacht und gearbeitet, aber hatten nicht wirklich eine unterstützende Infrastruktur, die sie begleitete und die notwendigen Ressourcen zur Entwicklung von Ideen und Unternehmensgründungen zur Verfügung stellte. Es gab kein Mittelding zwischen einem traditionellen Künstleraufenthalt und einem herkömmlichen Technologie-Inkubator, der typischerweise Produkt-Start-ups mit hohem Wachstum und rascher Expansion bevorzugt. Das ist die Lücke, die NEW INC schließen wollte.

Die Landschaft kreativer Praktiken verändert sich rasant durch die Technologie, die neue Werkzeuge, neue Arbeitsweisen und neue Karrierewege aufgezeigt hat. Julia Kaganskiy

Was ist mit Ihrer Rolle als Programmdirektorin verbunden?

Was ist nicht damit verbunden? Alles vom Programmdesign und der Beschaffung von Finanzmitteln über das Community Management und der Beaufsichtigung des Tagesgeschäfts und der Räumlichkeiten bis hin zur Anwerbung neuer Mentoren, Berater, Kursleiter und strategischer Partner. Ich scherze oft, dass wir ein Start-up sind, das Start-ups ausbrütet, was bedeutet, dass wir schlank arbeiten und jeder von uns, mich mit eingeschlossen, viele Aufgaben hat.

Es ist interessant, dass das Büro von NEW INC innerhalb des New Museums angesiedelt ist, obwohl seine Mission eine Art der Befreiung von dem „Weiße-Box“-Modell des Kunstmäzenatentums verspricht. Wie sehen Sie die Entwicklung dieser Dynamik zwischen der alten und der neuen Kunstwelt?

Stimmt! Das ist unter anderem das, was an dem Projekt so genial ist. Es zeigt die Veränderungen der Perspektiven, Werte und Produktionsmethoden, die im Kreativsektor stattfinden, und erlaubt es uns außerdem, eine erweiterte Perspektive einzunehmen. Viele der Menschen bei NEW INC würden sich selbst nicht einmal als Künstler betrachten, und manche der Künstler arbeiten an Kunst, die nicht als Kunst im traditionellen Sinn gelten würde. Was passiert, wenn das „Medium“ eines Künstlers die Form einer Kreativagentur, einer Software oder eines Produkts annimmt? Diese Fragen werden nun seit Jahren erörtert, da viele junge zeitgenössische Künstler dazu tendieren, den Markt kritisch zu sehen, ihn zu untergraben, zu umgehen oder sich ihm auf irgendeine Art zu widersetzen. Für eine zukunftsorientierte Kunstinstitution wie das New Museum denke ich ist es unerlässlich, einen Draht zu diesem sich entfaltenden Diskurs zu haben. NEW INC ist keineswegs darauf ausgelegt, direkt in das Museum und seine Ausstellungprogramme einzufließen, aber ich hoffe, dass die Nähe es erlaubt, das Handeln der Kuratorien und Bildungsressorts zu beeinflussen und diese Institutionen entsprechend zu informieren.

Porträtaufnahme von Julia Kaganskiy von New Ink

Könnten Sie auf die Entwicklung des Schulungsprogramms bei NEW INC eingehen? Wie gehen Sie vor, wenn Sie über einen Lehrplan für eine Gruppe entscheiden müssen, die bereits zu den führenden kreativen Denkern gehört?

Der Lehrplan ist eines der Hauptelemente des Programms, das wir von Jahr zu Jahr verfeinert haben und wahrscheinlich weiterhin verfeinern werden. Der Inhalt wird jährlich stärker und wir versuchen, bessere Ressourcen zur Unterstützung der Community einzurichten. Obwohl unsere Mitglieder führende kreative Denker sind, haben sie nicht unbedingt viel Erfahrung oder Berührung mit der unternehmerischen Seite der Dinge, was in der heutigen Wirtschaft immer mehr zu einem entscheidenden Faktor wird. Unser Hauptschwerpunkt ist es, berufliche Weiterentwicklung und Führungstrainings anzubieten, die Teilnehmern dabei helfen können, die logistischen und strategischen Aspekte ihrer Projekte zu bewältigen.

Was ist die größte Herausforderung?

Die größte Herausforderung war ein Gleichgewicht zwischen Kreativität und Unternehmertum zu schaffen und den Kreativen bis zu einem gewissen Grad dabei zu helfen, sich selbst als Unternehmer zu sehen, ganz ohne das Stigma, das oft mit diesem Begriff verbunden ist. Wir alle werden gewissermaßen immer mehr zu Unternehmern. Jeder, der seiner Leidenschaft nachgehen möchte und nach einer einzigartigen Vision strebt statt für Andere zu arbeiten, ist im Grunde genommen ein Unternehmer. Einerseits haben wir heute mehr Möglichkeiten, aber all diese Möglichkeiten bringen große Verantwortung und Haftbarkeit als Unternehmensinhaber mit sich. Man muss legale, finanzielle, produktionsbezogene und Marketing-/PR-Aspekte und vieles mehr im Griff haben, die den langfristigen Erfolg des Vorhabens ermöglichen. Natürlich betreiben wir kein MBA-Programm, also kommt keiner als Unternehmensexperte aus NEW INC hervor, aber unser Ziel ist, den Leuten einen Überblick über die Sachlage zu vermitteln. Auch wenn sie mit externen Beratern zusammenarbeiten, sollten sie in der Lage sein, eine Vision zu formulieren und zu verfolgen.

Es scheint, dass NEW INC auf dem besten Weg zum Erfolg ist. Danke für unser Gespräch, Julia!