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Keine Angst vor digitalem Wandel

Verena Pausder im Gespräch
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She’s Mercedes sprach mit App-Unternehmerin Verena Pausder über die Wichtigkeit digitaler Bildung für Kinder und lebendiger Netzwerke für Frauen.

Hört man Verena Pausder zu, würde man zu gerne an einem ihrer Networking-Events teilnehmen, bei denen sie Frauen zur Selbstständigkeit ermutigt. Sie weiß, wovon sie spricht. Pausder steht an der Spitze ihres eigenen Unternehmens, das sie vor vier Jahren ins Leben gerufen hat: Fox and Sheep, eine Firma für Kinder-Apps.

In Deutschland sind viele Eltern dieser Idee gegenüber skeptisch – „die haben sich aber noch nie eine App von uns angeguckt“, weiß Pausder. Das sollten sie aber, besser noch: der 37-Jährigen dabei zusehen, wie sie mit Stolz und leuchtenden Augen durch ihre liebevoll gestalteten digitalen Tierwelten führt. Ein solches „Kunstwerk“, wie sie es nennt, entsteht in Zusammenarbeit mit preisgekrönten Kinderbuch-Autoren, Oscar-nominierten Grafikern und Branchenriesen wie zuletzt dem US-Animationsstudio Dreamworks; die Entwicklung kann bis zu 150.000 Euro kosten und neun Monate dauern. Dafür vermitteln „7 kleine Tiere warten auf den Tierarzt“, „Schlaf gut Zirkus“ und Co. dem Nachwuchs mehr Empathie und Bildung als so manche Stunde mit dem Sandmännchen.

Pausder will wachrütteln und das Thema digitale Bildung in Deutschland platzieren, dem andere Länder bereits aufgeschlossener begegnen – das belegen über 15 Millionen Downloads ihrer Apps weltweit. Ihre Leidenschaft für Inhalte, technische Kompetenz und ihr unternehmerisches Handeln wurden vor Kurzem erst mit dem scoop Award für Medien-Entrepreneure ausgezeichnet. Sie selbst sieht sich nicht als Gallionsfigur, „zu viele andere“ erfolgreiche Selfmade-Geschäftsfrauen gebe es bereits. Aber: Noch längst nicht genug.

She’s Mercedes besuchte Verena Pausder in ihrem Berliner Zuhause zu einem Gespräch über digitale Herausforderungen an moderne Eltern und ihren Alltag zwischen Business und Familie.

Frau Pausder, wie erklären Sie sich, dass man Ihren Apps in Deutschland bislang eher ablehnend begegnet ist?

Es ist weniger Ablehnung als Unwissenheit, die ein bisschen in Angst resultiert. Das gilt für Digitalisierung generell. Menschen mögen Veränderung nicht so sehr wie den Status Quo, weil sie den schon kennen. Es ist also kein Thema, mit dem man Everybody’s Darling sein kann, das fände ich aber auch langweilig. Ich glaube, dass Innovation oft dann entsteht, wenn Leute unsicher oder kritisch sind. Wenn alle einem gleich Recht geben, handelt es sich meistens um etwas, das es schon gibt.

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Haben Sie gemerkt, dass das Interesse Ihrer Kinder an digitalen Geräten von ganz alleine kam?

Klar, weil es total intuitiv ist. In dem Sinne, dass, wenn sie da und da hin tippen, irgendetwas passiert. Das ist das Tolle am Tablet: seine Barrierefreiheit. Ob ein Kind dicke kleine Patschhändchen hat oder total versiert ist, es kann auf jeden Fall damit spielen, sich ein Hörbuch anhören oder ein Video ansehen. Eltern haben trotzdem viel mehr gefühlte Sicherheit, weil sich unsere Apps „freezen“ lassen. Dadurch kann das Kind sie nicht einfach verlassen, wenn es den Home-Button betätigt. Das Kind ist also in der App oder legt das Gerät beiseite, landet aber niemals auf fragwürdigen Seiten oder Werbung.

Ich glaube, dass Innovation oft dann entsteht, wenn Leute unsicher oder kritisch sind. Verena Pausder

An Schulen gilt es als neues Lernziel, dass Kinder schneller am Handy tippen und Computer bedienen können. Was halten Sie davon, dass – so war es beispielsweise in Finnland geplant – die Handschrift abgeschafft werden soll?

Mir ist das zu radikal. Man muss nicht alles, was war, auf den Prüfstand stellen, verteufeln oder abschaffen, weil jetzt die Digitalisierung angebrochen ist. Ich würde auch nie sagen, dass wir keine Bücher mehr brauchen, weil wir jetzt iPads haben. Es ist eher eine neue Dimension des Lebens und die Herausforderung besteht darin, dass wir nicht auf unsere eigene Kindheit referenzieren können. Wir können nicht fragen, „Wie hat deine Mutter das denn mit dir gemacht, wie oft durftest du ihr Tablet haben?“, sondern müssen es einfach so verantwortungsvoll wie möglich mit unseren Kindern versuchen.

Erzählen Sie mir von Ihren „Ladies“-Networking-Events.

Die „Ladies Dinners“ machen wir seit vier Jahren. Da treffe ich mich mit etwa 40 Gründerinnen in neuen Restaurants, wir tauschen uns aus und es gibt Impulsvorträge. Mir war von Anfang an wichtig, dass es cool wird, also nicht so ein feministisches Zusammentreffen, sondern eins, von dem die Frauen nach Hause gehen und danach sagen: „Das hat mir richtig was gebracht!“ Mein Ziel ist aber nicht nur, dass die, die es schon gibt, sich vernetzen, sondern auch, dass es mehr werden. Deswegen haben wir die „Ladies Drinks“ ins Leben gerufen. Sie sind vom Format größer, es kommen 100 bis 120 Frauen, und sie sollen denjenigen Mut machen, die sich das mit der Selbstständigkeit auch vorstellen können.

Sie spenden als Expertin Rat und Motivation, welchen Mehrwert haben die Veranstaltungen für Sie?

Dass ich jede einzelne Frau kenne, die hier in Berlin ein Unternehmen gründet. Man kann sich sehr oft die Bälle zuspielen und einander helfen. Es ist ein richtiges Netzwerk, das aber lebt – also nicht eins, bei dem man eine Mitgliedsgebühr zahlt und sich am Ende des Jahres fragt, was man eigentlich davon hat. Wenn ich eine Anfrage für eine Podiumsdiskussion bekomme und weiß, dass ich es nicht schaffe oder will, kann ich eine andere vorschlagen und glücklich machen. Und ich selbst bin auch glücklich, weil ich weiß, dass jetzt nicht nur Männer bei der Podiumsdiskussion dabei sind.

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Deshalb auch explizit männerfreie Events? Haben Sie die Erfahrung gemacht, dass Frauen an die Hand genommen werden müssen?

Ich bin sehr unfeministisch und wenig weiblich geprägt aufgewachsen. Ich habe Fußball gespielt und ein sehr enges Verhältnis zu meinem Vater, der ein Familienunternehmen führt, mich immer ernst genommen und mit mir Dinge besprochen hat. Ich hatte also nie das Gefühl, mich mit Frauen treffen zu müssen, um gehört zu werden, und differenziere da eigentlich nicht. Dann sagte mal mein Opa zu mir, als wir über die Frauenquote diskutierten: „Wenn du gegen etwas bist, musst du für etwas anderes sein. Von selbst passiert es ja offenbar nicht.“ Und nun gibt es zwar unzählige Netzwerke mit Frauen und Männern, aber trotzdem sind es meist 90 Männer auf zehn Frauen. Vielleicht brauchen Frauen auch mal einen geschützten Raum, in dem sie Themen anders diskutieren – und damit will ich nicht sagen, dass es immer nur um Kinder, Karriere und die Vereinbarkeit der beiden geht. Aber vielleicht hat man eine andere Nähe zu Frauen, wenn nicht noch 15 spannende Männer im Raum stehen, die auch etwas Tolles machen.

Man muss nicht alles, was war, auf den Prüfstand stellen, verteufeln oder abschaffen, weil jetzt die Digitalisierung angebrochen ist. Verena Pausder

Wie stark beflügeln Sie Ihr privater Background und Ihre Familie in Ihrer Arbeit?

Total! Es gibt so anstrengende Tage und oft wünschte ich mir einen Nine-to-Five-Job, bei dem meine Gedanken nach der Arbeit nicht noch fünf Stunden weiterrattern würden. Aber immer, wenn ich irgendwo entlanghetze, denke ich: Zum Glück habe ich so einen tollen Mann! Durch die Kinder und ihn habe ich den Schutz vor jeglicher Sinnkrise. Ich muss mich zu Hause nie streiten oder andere energiesaugende Dinge machen. Dadurch habe ich so viel Energie für den restlichen Tag!

Das klingt alles perfekt. Haben Sie überhaupt noch Wünsche oder sind Sie schon satt?

Ich habe überhaupt nicht das Gefühl, ich sei angekommen, hätte alles erlebt und müsste das nur konservieren die nächsten 20 Jahre. Da sind noch viele Wünsche! Beispielsweise würde ich so gerne eine Weltreise mit den Kindern machen. Und ein großer Wunsch ist es auch, irgendwann mittwochs frei zu haben. Dann hätte ich Montag und Dienstag volle Power, wäre allen schon mal gerecht geworden, dann am Mittwoch frei, könnte die Kinder in Ruhe in die Schule bringen, Sport treiben, lesen, einkaufen. Dann power ich Donnerstag, Freitag noch mal durch und dann ist Wochenende. Das wäre es! Ich hätte das Gefühl, mein Leben wäre Urlaub.

Danke für unser Gespräch und viel Erfolg bei der Eroberung der deutschen Kinderzimmer!