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Nao Tamura sitzt auf einem Stuhl, der senkrecht zur Kamera steht. Ihr Gesicht ist der Kameralinse zugewandt, sodass Sie den Betrachter anschaut.
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Für die Industriedesignerin Nao Tamura ist nicht nur die Ästhetik wichtig, sondern auch die Verantwortung.

Nao Tamuras Loft in New York enthält wenig, das sie von ihrer Arbeit ablenkt. Das Mobiliar ist minimalistisch und die hohen weißen Wände sind nackt. Aber wer braucht Blumen und Bilder, wenn man eine Dachterrasse mit Blick über den East River hat?

Die in Japan geborene Designerin lebt schon seit einigen Jahren in New York und ist erst vor ein paar Monaten in ein Loft in Midtown umgezogen, das ihr nun auch als Studio dient. Hier designt Tamura, eine Absolventin der Parsons School of Design, Messbecher für einen bekannten Hersteller von Küchenutensilien, aufwendige Lichtinstallationen für eine berühmte Glasmanufaktur, Parfümflaschen für ein japanisches Modehaus und handgewobene Teppiche für eine bekannte spanische Marke. Tamura hat sich selbst nie auf nur ein Medium oder eine Designform eingeengt und die Palette ihrer Kunden reicht von Technologieriesen bis hin zu traditionsreichen italienischen Designunternehmen.

Frau Tamura, Sie designen viele verschiedene Objekte. Machen Sie sich manchmal Gedanken über die Auswirkungen Ihrer Arbeit auf den Konsum und die Umwelt?

Alle Designer sollten Verantwortung übernehmen und darüber nachdenken, wie sich ihre Arbeit auf die Umwelt auswirkt. Ich glaube, die meisten tun das. Aber wir leben in einer schnelllebigen Welt. Wenn man wie ich für große Unternehmen arbeitet, geben diese einem einen Auftrag und eine Frist und erwarten, dass man sein Design innerhalb eines engen Zeitrahmens liefert. Man kreiert zuerst ein digitales Design und nur manchmal kommt man dazu, ein Modell zu entwickeln. Deshalb hat man leider nur wenig Zeit, um über Nachhaltigkeit nachzudenken.

Wie gehen Sie damit um?

Will man bei seiner Arbeit stets den Aspekt der Nachhaltigkeit berücksichtigen, ist dies eine beachtliche Herausforderung. Man sollte sich selbst, die Welt und den Kunden kritisch hinterfragen, ganz besonders, wenn man kreativ arbeitet. Ich designe gelegentlich elektronische Geräte für die Massenproduktion wie Smartphones und Kameras. Nach einer Weile sage ich zu mir selbst: „Stopp, was machst du?“ Und dann mache ich ein Projekt ausfindig, das mich und die Öffentlichkeit daran erinnert, wie wichtig es ist, das Tempo gelegentlich zu verlangsamen. Wenn ich etwas designe, denke ich weniger über Formen und Farben nach, sondern eher über die Storys und Botschaften, die ich vermitteln will. Deshalb inspiriert mich die Natur so sehr: Sie erinnert mich an meine Verantwortung.

Sie wurden in Tokio geboren und wuchsen dort auf. Hat Ihre Liebe zur Natur überhaupt einen Bezug zu diesem Hintergrund?

Aber sicher. Japan ist eine kleine Insel, die beständig mit den Naturgewalten zu kämpfen hat. Erdbeben, Vulkanausbrüche, Tsunamis – die Menschen in Japan erleben diese Katastrophen aus unmittelbarer Nähe. Deshalb sind sie so auf die Natur eingestimmt. In Japan isst man saisonal. Ich konnte an den Gerichten meiner Mutter erkennen, ob es Herbst oder Frühjahr war.

Nao Tamura sitzt auf einem Stuhl und lächelt einen schwarzen Hund an, der zwischen ihren Beinen steht.

Trotz des technologischen Fortschritts ist die Natur immer noch eine wichtige Inspiration für Designer. Warum?

Jeder Mensch ist mit der Natur verbunden. Jeder Mensch weiß, was ein Baum ist, jeder muss mit dem Wetter leben. Ich glaube, dass die Natur der perfekte Botschafter für meine Arbeit ist. Im Jahr 2010 designte ich die Produktlinie „Seasons“ für einen italienischen Geschirrhersteller. Die Linie enthält Teller in Blätterform, die aus recyclingfähigem Silikon hergestellt werden. Die Jahreszeiten erinnern Menschen daran, dass alles Teil eines Kreislaufs ist wie die Jahreszeiten selbst. Leider wissen die Menschen heute den Wert von etwas Altem nicht mehr zu schätzen.

„Seasons“ ist ein gutes Beispiel dafür, Technologie und Natur zusammenzuführen.

Ich versuche, bei der Art der Arbeit, die ich annehme, ein ausgewogenes Verhältnis zu finden. Manchmal designe ich elektronische Geräte für große Unternehmen. Diese Arbeit ist wichtig, weil sie mir ein regelmäßiges Einkommen beschert. Auch designe ich damit Produkte, die die Menschen brauchen, und als Designer wünscht man sich, dass die eigenen Designs genutzt werden. Ansonsten designe ich aber gerne schöne, wertvolle Objekte, die mir Sichtbarkeit verleihen.

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Ändern technologische Fortschritte die Möglichkeiten des Designs?

Ja, im Design von Beleuchtungen. Manche Entwicklungen in der LED-Technologie haben Designern neue Möglichkeiten eröffnet. Wir arbeiten nun mit winzigen Lämpchen anstatt mit großen Glühbirnen. Das gibt uns einen viel größeren kreativen und experimentellen Spielraum als früher.

Wecken solche Entwicklungen in Ihnen den Wunsch, mehr an technisch einfachen Jobs und handwerklichen Objekten zu arbeiten?

Natürlich. Besonders weil manche in Handarbeit hergestellten Produkte wie Möbel länger halten, und ich möchte Dinge designen, die bleiben. Ich liebe die Arbeit mit Glas. Glas ist ein störrisches Material. Eigentlich kann man es fast als lebenden Organismus sehen und in diesem Sinne ist es das Gegenteil von Kunststoff. Zwingen Sie Glas in eine bestimmte Form, stirbt es. Geben Sie ihm aber Raum, belohnt es Sie mit dem schönsten Licht. Im Industriedesign freut man sich über den Luxus, nahezu jedes Detail im Voraus planen zu können. Wenn ich ein Glasobjekt designe, habe ich in vielerlei Hinsicht keinen Einfluss auf das Endergebnis. Bisher wurden alle meine Glasdesigns in Murano bei Venedig hergestellt. Dort wird die Tradition der Glasbläserei seit Jahrhunderten gepflegt. Ich werde die Möglichkeiten dieser Art von Zusammenarbeit mit lokalen Handwerksleuten sicherlich weiterhin erkunden.