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Oneita, die Taxifahrerin aus Detroit

Oneita Jackson, Taxifahrerin
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Oneita Jackson, Autorin und Taxifahrerin aus Detroit, bietet internationalen Besuchern Auto-Touren durch die „Motor City“ an. She’s Mercedes hat Oneita gebeten, einen authentischen Einblick in ihre Stadt zu geben.

Ich bin auf dem Weg, Oneita Jackson in ihrem Apartment im West Village abzuholen, einem wunderschönen, historischen Stadtteil von Detroit.

Wie sich zeigt, lerne ich die erste Lektion des Tages sehr schnell, noch bevor ich die Powerfrau und „Detroit-Botschafterin“ persönlich treffe. Eine Stadtrundfahrt bei Oneita Jackson bedeutet, einer vollkommen Fremden die Kontrolle über den Tag zu überlassen.

Aber genau das wollen wir ja. Wir müssen nur lernen, die Dinge geschehen zu lassen. Und Oneita Jackson hat nicht vor, den Status einer Fremden lange zu behalten, tatsächlich überspringen wir den Schritt des Kennenlernens einfach. Auf einmal finde ich mich in ihrem Apartment wieder, voll mit Büchern und Magazinen – der kreative Raum einer Autorin, die gerade ihr zweites Buch herausgebracht hat und an einem dritten arbeitet. Das Wohnzimmer ist hell erleuchtet von den Sonnenstrahlen, die an diesem für Detroit ungewöhnlich warmen Wintertag durch die großen Fensterscheiben scheinen.

Zeitungen auf einem Tisch

An der Garderobe baumelt ein Schlüsselanhänger mit der Aufschrift „Weißt du eigentlich, mit wem du es zu tun hast?!“. Oneita lächelt und nimmt ihn mir aus der Hand. „Das ist mein Ersatz-Anhänger. Der andere hat eine abgenutzte Oberfläche, weil ich ihn immer an einer Stelle festhalte, um ihn Leuten unter die Nase zu halten.“

Ich war nun sicher: Mein Tag würde aufregend werden.

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Eine Stadttour mit Oneita Jackson bedeutet, die Kontrolle abzugeben.

Als wir das Apartment verlassen, greift Oneita zum Autoschlüssel. Der Schlüssel zu einem brillantblauen Mercedes-Benz GLC Coupé, den wir ihr für unsere Tour zur Verfügung gestellt haben. Kein typisches Taxi, Oneita rutscht dennoch ohne mit der Wimper zu zucken auf den Fahrersitz. Sie liebt deutsche Autos, seit sie selbst einmal eines gehabt hat. Wir müssen uns beeilen, um noch pünktlich in die Kirche zu kommen – ein fester Bestandteil in Oneitas Alltag und der erste Stop unserer Fahrt.

„Ich wollte schon immer Taxi fahren. In Washington DC habe ich damals einen sehr coolen Taxifahrer kennengelernt und dachte, das könnte ich auch eines Tages machen. Aber ich hatte nie den Mut dazu. Man sollte sich niemals Wünsche ausreden lassen!“ Oneita Jackson

Als Oneita Jackson 2002 nach Detroit gezogen ist, fing sie bei der Detroit Free Press an, der größten Tageszeitung der Stadt, erst als Volontärin, dann als Redakteurin und Kolumnistin. Jahre später kündigte sie ihren Job und begann, Taxi zu fahren. Um Menschen zu treffen, ihnen Detroit zu zeigen und vor allem zu erklären – eine Stadt, die sich nicht lesen lässt wie ein offenes Buch. Es lohnt sich jedoch, es zu versuchen.

Ihr persönlicher Blick auf Detroit und ihr starker Charakter kamen gut an. Producer, Journalisten und Schauspieler haben bereits in ihrem Taxi Platz genommen, um sich von Oneita fahren zu lassen. Ihre Mission ist klar: Die Fahrgäste sollen die Stadt „fühlen“. Detroit, einst blühende Autometropole, von der Finanzkrise gebeutelt und von Touristen kaum wahrgenommen, eine Stadt, die laut Statistiken zu den gefährlichsten der USA gehört. „Warum sollte ich hierher kommen?“, fragen sich die Menschen. Also zeigt Oneita ihren Fahrgästen alle Facetten von Detroit – auch die hässlichen – und stellt dabei sicher, dass sie gut ankommen. Und vor allem: auch die Schönheit der Stadt erfahren.

Oneita Jackson lächelt aus einem Mercedes-Benz heraus

In der Kirche werde ich empfangen wie eine alte Bekannte. Dieses magische Gefühl würde im Laufe des Tages immer wiederkehren: Mit Oneita unterwegs zu sein, bedeutet, sich mit vollkommen fremden Menschen binnen weniger Sekunden verbunden zu fühlen. Nach einer Weile wird mir klar, dass auch Oneita all diese Menschen gar nicht kennt, die wir begrüßen und umarmen. Und doch nimmt sie sie schnell für sich ein – stets bereit, über ihr gerade veröffentlichtes Buch „Letters from Mrs Grundy“ zu sprechen, ohne dafür das Auto verlassen zu müssen – und freundet sich wie beiläufig mit ihnen an.

Nach dem Bibelkurs geht es zurück ins Auto und zum nächsten Halt unserer Tour: der Bäckerei Sister Pie im West Village, die in einem wunderschönen Backsteingebäude aus den 1920er-Jahren untergebracht ist. Es ist eine gemütliche Pie-Bar, die neben köstlichen Kuchen auch Cookies, Frühstück und Mittagsgerichte anbietet. Die Karte passt sich regelmäßig den lokalen, aktuell verfügbaren Produkten aus Michigan an – ein toller Ort zum Verweilen.

Oneita Jackson im Sister Pie in Detroit

Eingedeckt mit Keksen holt Oneita ihre Freundin Paulette zu Hause ab und hält ihr die Beifahrertür auf, bis sie sich hingesetzt hat. Im Radio läuft „40s Junction“, ein werbefreier Sender, dem Oneita seit ihrem ersten Mal auf dem Fahrersitz treu ist und der unseren Tag mit dem Sound vergangener Zeiten untermalt.

Wenn Fremde zu Freunden werden.

Oneita drückt auf die Hupe, als ein junger Mann in einem Go-Kart uns überholt, mit ziemlichem Tempo auf den ruhigen Straßen des Stadtviertels. „Stop“, ruft Oneita, während sie sich aus dem Fenster lehnt, „lass mich mal fahren!“ Zu meiner großen Überraschung kehrt der Mann, Chuck, um und überlässt Oneita seinen Fahrersitz, um ein paar Runden zu drehen.

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Nachdem wir das Kart in einem Stück zurückgegeben haben, fahren wir zum Heidelberg Project, einem berühmten Outdoor-Kunstprojekt, das über Jahrzehnte vom Künstler Tyree Guyton und seinem Großvater aufgebaut wurde. Die beiden haben ein Areal, in dem die Leute Angst hatten, spazieren zu gehen, in eines verwandelt, in dem man herzlich empfangen wird und gerne etwas Zeit verbringt. Tyree hat auch Oneita einen Teil zum Projekt beitragen lassen – eine Ehre, die nicht jedem zuteil wird.

„Das da hinten ist mein Punkt. Den habe ich auf das Haus gemalt!“, lacht Oneita, die sich selbst nicht allzu ernst nimmt.

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Detroit – nicht leicht zu verstehen, aber den Versuch wert.

Unser letzter Halt bringt uns zum Eastern Market. Diese Ecke im Herzen der Stadt ist voll mit Cafés, Restaurants, kleinen Läden und Streetart. Samstagmorgens vibriert hier das Leben und Detroit zeigt, dass es viel mehr ist als Ruinen und leere Straßen, sondern ein fantastischer Mix aus Kulturen, frischen, lokalen Produkten und einer intensiven Geschichte. Und auch an Abenden, an denen hier alles geschlossen ist, lohnt sich der Bummel, da man ungestört die vielen Kunstwerke bewundern kann, die überall im Eastern Market verstreut sind.

Unser Tag neigt sich dem Ende zu, aber nicht, ohne vorher eine Kleinigkeit gegessen zu haben. Oneita parkt vor „City Wings“ ein, einem Restaurant, das 17 verschiedene Marinaden für Hähnchenflügel anbietet. Auf die Frage, warum sie ausgerechnet diesen Laden ausgesucht hat, bekomme ich eine simple Antwort: „Um zu essen.“

Oneita vor der Skyline von Detroit

Manchmal ist Detroit genau so – einfach zu verstehen – und an anderen Tagen eben schwieriger. Aber zum Glück gibt es da diese Frau namens Oneita Jackson, die gerne dabei hilft, das Beste aus der leicht verwirrenden, aber wundervollen Stadt herauszuholen.