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Marie Wieck.
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Blockchain-Ikone Marie Wieck ist die neue Aufsichtsrätin der Daimler AG – ein Interview.

Marie Wieck zählt zu den besten Tech-Expertinnen weltweit. Ihr Ziel ist es, die Karriere junger Frauen im IT-Sektor zu fördern. Was ist ihre Botschaft an ambitionierte Nachwuchskräfte?

Frau Wieck, in der Welt der Ingenieure und Computerspezialisten sind Sie immer noch eine Ausnahmeerscheinung. Haben Sie diese Karriere eigentlich geplant?

Mich haben einfach schon immer Naturwissenschaften interessiert. Ich habe mich an sieben Colleges beworben und wurde schließlich von der Cooper Union aufgenommen. Das College kostete nichts und so sah ich es als Zeichen, dass ich die Zulassung für Ingenieurwissenschaften erhielt. Ich machte meinen Abschluss in Electrical Engineering und Computer Science. Anschließend absolvierte ich ein Praktikum bei IBM, der Rest ist Geschichte: Ich habe meinen Master abgeschlossen, einen kurzen Abstecher zu Bell Labs gemacht und bin dann zurück zu IBM. Dort habe ich seitdem in den Bereichen Hardware, Software, Cloud, Mobile Services und Blockchain-Technologie gearbeitet.

Mathe oder Physik zählten schon als Kind zu ihren Lieblingsfächern?

Ja, besonders mochte ich die Science Fair, den Schulwettbewerb, bei dem man eigene wissenschaftliche Projekte vorstellen kann. Ich bin sehr neugierig, mich interessiert, wie Dinge funktionieren.

Welche Vorbilder hatten Sie, als Sie jünger waren?

Meinen Vater. Er wuchs in Deutschland nahe Stuttgart auf. Eigentlich wollte er Ingenieur werden, doch der Zweite Weltkrieg machte seinen Traum zunichte. Er begann eine Lehre als Buchbinder und kam dann in die USA. Er gründete seine eigene Firma, baute sein eigenes Haus, gemeinsam bastelten wir an unseren Autos ... Seine Philosophie war, dass man alles tun kann, wenn man des Lesens mächtig ist.

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Und wie sieht es mit weiblichen Vorbildern aus?

Ich ging auf eine reine Mädchenschule. Dort wurde alles, was getan werden musste, von einer Frau getan. Das hat mich gelehrt, keine Angst davor zu haben, die Führung zu übernehmen. Außerdem bin ich zur Blütezeit der amerikanischen Frauenrechtsbewegung aufgewachsen. Ich habe immer noch ein T-Shirt aus Kindertagen, auf dem steht „Women Run the World“.

Frauen sind in der Informatik und Softwareentwicklung immer noch in der Minderheit: Wie wird Programmieren zu einem attraktiven Berufsziel für Frauen?

Das stimmt, heute arbeiten weniger Frauen im Bereich Informatik als zu der Zeit, als ich anfing. Doch die Situation wird besser. Schaut man sich den MINT-Bereich insgesamt an, entscheiden sich heute mehr Frauen als Männer für ein Medizinstudium. Dies liegt vor allem an den in dem Bereich sichtbaren Vorbildern für Frauen – Frauen, die man bewundert, etwa im Fernsehen oder im Kino. Als ich jung war, fand ich die TV-Serie MacGyver toll.

MacGyver, dieser verschrobene Detektiv? Wirklich?

Oh ja! MacGyver hat immer ungewöhnliche Lösungen gefunden – mithilfe der Natur- und Ingenieurwissenschaften. Wir haben im Tech-Bereich nicht genug Leute wie ihn. Wenn man sich einen Job und den damit verbundenen Karriereweg nicht genau vorstellen kann, wird man diese Richtung auch nicht einschlagen. Es ist wichtig, mehr sichtbare Vorbilder zu schaffen. Filme wie „Unerkannte Heldinnen“ oder die Dokumentation über Hedy Lamarr, die nicht nur eine fantastische Schauspielerin, sondern auch Erfinderin und Wissenschaftlerin war, sind gute Inspirationsquellen.

Haben Sie keine Angst, Dinge abzugeben. Sie müssen nicht alles alleine machen. Marie Wieck

Sie sind General Manager bei IBM Blockchain: Würden Sie uns bitte erklären, wie die Blockchain-Technologie funktioniert und in welchen Bereichen neben Kryptowährung sie in Zukunft nützlich sein wird?

Bei der Blockchain geht es um sichere Daten. Sie ist ein elektronisches Speichersystem, ein neuer Weg, Daten über ein Business-Netzwerk zu teilen und zu sichern. Diese Daten können sich auf Dinge beziehen wie ein Auto oder auf Transaktionen wie den Umtausch von Fremdwährungen. Dabei wird nicht nur der derzeitige Wert der Daten, sondern – mit Zustimmung der beteiligten Parteien – auch der Verlauf der Updates bzw. Transfers geteilt und aufgezeichnet. Die Fähigkeit, dies in Echtzeit zu tun und den Zugang sowie die Kontrolle über viele unterschiedliche Parteien ohne Mittelsmann zu ermöglichen, macht die Blockchain zu einer solch transformativen Technologie. Das Ergebnis sind einige spannende Geschäftsmodelle in Bereichen wie Herkunft, Lieferkette und Finanzen.

Das klingt sehr abstrakt, können Sie Beispiele dafür nennen, wie die Blockchain die Welt verändern könnte?

Wir setzen die Technologie bei der Lebensmittelsicherheit oder für den Austausch von Daten bei klinischen Arzneimittelprüfungen ein. Sogar für die Aufdeckung von Klickbetrug im Internet kommt die Blockchain zum Einsatz. Und wir werden sie nutzen, um den Kobaltabbau sicherer und ethischer zu gestalten. Ein weiterer Bereich ist das Management digitaler Rechte. Hier kann die Blockchain genutzt werden, um sicherzustellen, dass der Künstler, der einen Song aufgenommen hat, auch tatsächlich dafür bezahlt wird oder dass Ihre Spende an eine gemeinnützige Organisation auch am richtigen Ort ankommt. Wir glauben, dass die Blockchain die Abwicklung von Transaktionen von Grund auf verändern wird, so wie das Internet die Kommunikation verändert hat.

Neben Ihrer Position bei IBM sitzen Sie jetzt auch im Aufsichtsrat der Daimler AG. Was bringt diese Position mit sich?

Ich bin seit April 2018 im Aufsichtsrat und bisher war es eine faszinierende Reise, speziell vor dem Hintergrund, dass sich der digitale Wechsel jetzt auch in der Autoindustrie vollzieht. Die Entwicklung der Aussage „Ich bin der Hersteller eines Pkws“ hin zu „Ich bin ein innovativer Anbieter von Mobility-Services“ ist ein wesentlicher Teil meiner Aufgabe. Ich kommuniziere den Investoren gegenüber, wie sich das Wachstum und der Wert der Daimler AG entwickeln. Die Schnittstelle zwischen den verschiedenen Branchen zu sehen und zu verstehen, wie der Benutzer von der Technologie profitieren kann, sind wichtige Aspekte.

Oft genug fühlen sich Frauen entmutigt, wenn es darum geht, Kind und Karriere unter einen Hut zu kriegen. Wie ist Ihnen das gelungen?

Mein Mann und ich teilen uns die Verantwortung. Ich habe mich erst beurlauben lassen, dann einige Zeit in Teilzeit gearbeitet. Mein Mann hat sich irgendwann ganz zur Ruhe gesetzt, um mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen. Wir haben eine große Familie und auch IBM hat mich durch flexible Arbeitszeitmodelle unterstützt. Haben Sie keine Angst, Dinge abzugeben. Sie müssen nicht alles alleine machen und können andere um Hilfe bitten.

Man muss neue Dinge ausprobieren. Marie Wieck

Ihre Töchter sind 20 und 22 Jahre alt. Wie ermutigen Sie sie, ihren Weg zu finden?

Mein Mann und ich denken, das Wichtigste ist, das zu tun, was man liebt. Wir ermöglichen ihnen, verschiedene Bereiche zu entdecken, in der Kunst, in der Wissenschaft, sie sollen neue Kulturen kennenlernen können. Ich denke, so werden sie ihren Weg finden.

Was möchten Sie persönlich noch erreichen?

Ich konzentriere mich gerne auf die Dinge, die mir gerade wichtig sind. Deutsch Lernen zählt in diesem Jahr dazu. Und ich möchte ein sichtbareres Vorbild für noch mehr Frauen sein.

Was ist der beste Rat, den Sie jemals erhalten haben und den Sie weitergeben würden?

Die eigene Fitness steigert man nicht, indem man darüber liest. Man muss neue Dinge ausprobieren. Ich habe gelesen, dass ein Kind von heute in seinem Leben sieben Berufe haben wird und dass drei dieser Berufe noch gar nicht existieren. Wenn ich da an meine Karriere denke: Die Blockchain gab es damals auch nicht und doch arbeite ich damit. Man sollte keine Angst haben, immer wieder Neues zu lernen: Seien Sie neugierig und wagen Sie den Sprung ins kalte Wasser. Seien Sie mutig!