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Tracy Chou: Ein Faible für Daten

Tracy Chou steht vor einer bunten Graffiti-Wand
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Die Software-Entwicklerin Tracy Chou spricht über Diversität in der Tech-Branche, die Bedeutung von Datenauswertung und erklärt, warum es sie nach New York gezogen hat.

Tracy Chou bewegt sich in einer Welt, die von Daten dominiert wird. Die 29-Jährige entwickelt Software, zuletzt im Silicon Valley für Google, Facebook und Pinterest, derzeit in einem New Yorker Start-up. Ob sie ein Programm schreibt, eine Anwendung verbessert oder ein Produkt testet: Immer geht es darum, Datenmengen zu sortieren, Kennzahlen zu erheben und Nutzerdaten auszuwerten. Umso perplexer ist Chou, als ihr klar wird, dass ein bestimmter Datensatz fehlt – der, der sich mit dem Frauenanteil in der Tech-Branche befasst.

Tracy Chou lachend auf den Straßen von New York

„Es war nicht einmal so, dass die Zahlen geheim gehalten wurden – sie existierten nicht“, erzählt Chou an einem kalten Wintermorgen in einem New Yorker Coworking-Space. „Es ist ein offenes Geheimnis, dass es kaum Frauen in der Tech-Branche gibt. Aber dass es keine Zahlen dazu geben sollte, kam mir scheinheilig vor. Wir erfassen und messen sonst schließlich auch alles.“

Die fehlenden Daten lassen sie nicht los. „Ohne Zahlen gibt es für Unternehmen keinen Anreiz, sich zu verbessern.“ Also fängt sie an zu zählen. Zunächst im eigenen Büro. Es ist 2013 und Tracy Chou arbeitet als Entwicklerin bei Pinterest. Sie brennt für den Job, der sie Dinge erschaffen lässt, „die Menschen auf der ganzen Welt erreichen“. Auch die Plattform, für die sie arbeitet, spricht Nutzer weltweit an – überwiegend Frauen. Die dahinterliegende Software aber entwickeln vor allem Männer: 78 von 89 Entwicklern sind männlich, knapp 88 Prozent.

Tracy Chou im Büro

Diese Zahlen veröffentlicht Tracy in einem viel beachteten Beitrag im Magazin Medium – und ruft andere dazu auf, es ihr gleichzutun. Zunächst kommen dem Aufruf nur Privatpersonen nach. Als es immer mehr werden, reagieren auch die großen Firmen. Und auf einmal diskutiert das ganze Land den Männerüberschuss in der Tech-Branche.

Sie habe keine Revolution starten wollen, erzählt Chou heute. Sie habe lediglich selbst erfahren, wie schwer es als Frau ist, sich in der Tech-Branche durchzusetzen. Nicht unbedingt, weil andere ihr Steine in den Weg gelegt hätten. Sie wäre fast an den eigenen Erwartungen gescheitert. „Meine Eltern sind Informatiker, ich bin im Silicon Valley aufgewachsen und in unmittelbarer Nähe von Google und Mozilla zur Schule gegangen. Ich habe in Stanford Elektrotechnik und Informatik studiert. Und trotzdem konnte ich mir nicht vorstellen, eine technische Karriere zu verfolgen. Ich dachte, ich würde vielleicht ins Marketing gehen – und das, obwohl ich viel lieber programmiere!“ Das sei bezeichnend, empört sie sich, zurückhaltend, aber bestimmt.

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Das Problem beginne bereits in der Schule, erzählt Chou. Mädchen begeisterten sich seltener für die Naturwissenschaften – und würden auch nicht ermuntert, dies zu tun. Genauso schwer wiege, dass Tech-Firmen sich nicht um den weiblichen Nachwuchs bemühten. Und dann wäre da noch das Arbeitsumfeld: „Die Branche würdigt Frauen nicht. Sie werden oft schlechter bezahlt und bei Beförderungen übergangen. Von den wenigen, die sich für eine technische Karriere entscheiden, steigen viele früh wieder aus – und zwar nicht, um eine Familie zu gründen. Sie wechseln in Branchen, in denen ihnen mehr Wertschätzung entgegengebracht wird.“

Um das zu ändern, hat Chou mit sieben Mitstreiterinnen Project Include gegründet. Das Netzwerk unterstützt Firmen darin, für mehr Diversität unter den Mitarbeitern zu sorgen. „Wir wollten nicht nur über das Problem reden, sondern etwas tun. Deshalb haben wir konkrete Richtlinien ausgearbeitet, an denen sich Unternehmen orientieren können. Nicht nur zum Thema Gleichstellung, es geht auch um ethnische Diversität oder darum, inwiefern Firmen unterschiedliche Lebensstile akzeptieren und fördern.“

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Tracy will für mehr Abwechslung sorgen – mit Project Include, in der Industrie und im eigenen Arbeitsalltag. Auch deshalb hat sie die Strände Kaliforniens gegen die grauen Straßenschluchten von New York eingetauscht. „Im Silicon Valley dreht sich alles darum, wie man Probleme mit Technologie lösen kann.“ Das helfe, wenn man ein Start-up auf die Beine stellen wolle, führe aber zu einem Tunnelblick. „In New York gibt es so viele verschiedene Ansätze, mit denen Menschen die Welt verbessern wollen. Das hat mich schon immer angezogen. Um sich weiterzuentwickeln, muss man sich mit Menschen umgeben, die anders denken als man selbst.“