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Warum Frauen keine Angst vor Macht haben dürfen

Ein Porträt von Simone Menne, die in einem Raum steht, der unscharf ist, und in die Kamera lächelt. Sie trägt eine weiße Bluse mit einem hellblauen Unterhemd.
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Simone Menne, die erste weibliche CFO eines DAX-30-Unternehmens, ermutigt Frauen, ihre Komfortzone zu verlassen.

Simone Menne war die erste Finanzchefin im Vorstand eines DAX-30-Unternehmens. Dort bewegte sie sich in einem Feld, in dem es nur Männer gab. Was sich anhört, als sei es längst Vergangenheit, ist leider immer noch Realität: Rund 200 Menschen sitzen in den Vorständen der 30 DAX-Konzerne, nur 25 davon sind Frauen. Und noch immer „reproduzieren“ die Vorstände vor allem sich selbst: Tatsächlich gibt es mehr Vorstandsmitglieder, die Thomas oder Michael heißen, als es insgesamt weibliche Mitglieder gibt. Und keine einzige Frau ist oder war in Deutschland je CEO eines DAX-30-Unternehmens. Wer sich genau diesen Posten zutraut, ist Simone Menne.

Als sie das in ihrer Position als CFO laut und öffentlich sagte, bekam sie Gegenwind. So etwas könne man nicht offen äußern, machte man ihr hinter vorgehaltener Hand klar. Als feststand, dass sie nicht zur CEO befördert wird, wechselte Simone Menne ihren Arbeitgeber. Diesen verließ sie dann kurze Zeit später, zu unterschiedlich waren die Vorstellungen. Seither ist Simone Menne Aufsichtsrätin in unterschiedlichen Unternehmen, Sprecherin, Mentorin. In einem persönlichen Gespräch erzählt sie mir von den Schlüsselmomenten in ihrem Leben, ihren Führungstipps und ihren Plänen.

Simone Menne sitzt an einem Holztisch, spricht und gestikuliert mit der rechten Hand und hält eine Tasse mit der anderen.

„Macht kann etwas sehr Positives sein, weil man mit Macht große Dinge bewegen kann.“ Simone Menne

Warum Frauen öfter sagen sollten, worin sie richtig gut sind.

In der einen Minute wirft die Sonne Schatten durch die bodentiefen Giebelfenster auf den Holzboden und den schmalen Esstisch aus Westafrika, in der nächsten wird es dunkel und regnet – Aprilwetter. Kein Wunder, ich bin hoch im Norden in Kiel, zu Besuch bei Simone Menne. Seitdem ich vor fünf Jahren zum ersten Mal ein Interview mit ihr las, verfolge ich gespannt ihren Weg. Für viele Frauen ist sie ein Vorbild.

Seit etwas mehr als einem Jahr ist Simone Menne zurück in ihrem Geburtsort, nah an der Familie und alten Freunden. In der Kieler Altstadt hat sie ihr Domizil gefunden: oben Wohnen, unten Galerie. Ihre große Leidenschaft ist die Kunst. Leider ist sie dafür gar nicht oft genug zu Hause, zwei, drei Nächte pro Woche vielleicht, erzählt sie. Simone Menne ist extrem umtriebig: Sie spricht auf Konferenzen, gibt Interviews und ist Mitglied in fünf Aufsichtsräten. Sie ist Mentorin, hat in ein Start-up investiert, berät das Finanzministerium in Kapitalmarktfragen. Dabei sah es erst einmal nicht so aus, als ob sie irgendwann dahin kommen würde, wo sie heute ist. In der Schule war sie nicht besonders gut, Abitur mit mittlerem Dreier-Durchschnitt, verrät sie. An Mathematik hatte sie kein Interesse. Der Lehrer fand ohnehin, dass Mädchen nicht für Mathe gemacht seien. Die Lust an Zahlen entdeckte sie erst in der Berufsschule für Steuerfachangestellte. Dann studierte sie BWL. 1987 begann sie in der Revisionsabteilung der ITT Corporation. Zwei Jahre später wechselte sie als Revisorin zu einer großen Fluggesellschaft. Ab 1992 leitete sie dort das Rechnungswesen für die Region Westafrika. Jahre später wurde Simone Menne die erste Finanzchefin eines DAX-30-Unternehmens.

„Frauen neigen dazu, zu betonen, was sie nicht können. Das muss aufhören. Wieso sagt ihr nicht, worin ihr richtig gut seid?“ Simone Menne

27 Jahre war Simone Menne in dem Unternehmen tätig, bis 2016. Fast alle drei bis fünf Jahre wechselte sie den Job innerhalb des Unternehmens, oft auch das Land. „Bei meiner ersten Auslandsstation sahen mich alle an: Wieso tust du dir das an?“

„Genau auf das Unbequeme, den Umweg, haben viele keine Lust.“ Auch als ihr in der Firma einmal ein Fehler unterlief und sie daraufhin degradiert wurde, blieb sie und biss sich durch. Es ist genau dieses Durchhaltevermögen, das Menne den Weg ganz nach oben ebnete. Und sie mag Macht: „Macht ist etwas, das einen Beigeschmack hat, so denken vor allem Frauen. Aber: Macht kann etwas sehr Positives sein, weil man mit Macht große Dinge bewegen kann.“
Still ist sie auf ihrem Weg nach oben nie gewesen. Sie ist bekannt dafür, anzuecken, sagt sie. Und sie erzählt mir von den „klassischen Spielchen“, die ich persönlich nicht kenne. Ganz oben sei es beispielsweise normal, auch mal die Klappe zu halten, wenn man eine Entscheidung nicht mittrage – das Gegenüber werde dafür an anderer Stelle einlenken und hintenanstehen. So bringe man sich gegenseitig zum Glänzen. Dabei ging sie auch immer wieder unkonventionelle Schritte. „Viel zu oft ordnete ich bei öffentlichen Terminen strategische Themen ein. Das ist eigentlich dem CEO vorbehalten. Dass ich selbst einmal CEO werden will, merkte ich dadurch, dass ich große Lust auf Strategie habe.“

Simone Menne sitzt an einem Holztisch, hält ihre Brille in der Hand und lächelt, während sie auf die rechte Seite des Bildes schaut. Die rote Vase im rechten Vordergrund ist unscharf.

Die anderen auf Simone Mennes Ebene sind fast immer Männer. „Und die sind noch viel zu oft in alten Stereotypen gefangen. Dabei zeigen alle Studien, dass gemischte Teams bessere Ergebnisse erzielen“, sagt sie. Doch sie kommen wirklich vor, die sogenannten „Strippenziehertaktiken“, von denen man immer hört. Damit gemeint sind Taktiken, um Frauen subtil kleinzuhalten. Zumindest werde es immer wieder versucht, sagt Menne. Beispielsweise in Meetings: Da hat man als Frau eine gute Idee und niemand beachtet sie. „Zehn Minuten später hat ein Mann die gleiche und alle jubeln.“ Auch gelästert wurde über Menne. Hinter vorgehaltener Hand habe man gesagt, „die Buchhalterin hat es mal wieder nicht verstanden.“ Ihren Weg ging sie meistens alleine. Ihren ersten Coach, eine Frau, hatte sie tatsächlich erst, als sie Finanzvorständin wurde. Sie habe sich immer mit schlauen Leuten umgeben und offen um kritisches Feedback gebeten. Das habe sie unglaublich geschult. „Viele Dinge kann ein Coach dir nicht sagen, das kann ein Team viel besser, weil es dich täglich erlebt.“ Offenheit war für Menne auf ihrem Weg immer entscheidend. Spielchen sind ihr egal: „Das Alphamännchen-Gehabe, diese Ringkämpfe, da habe ich keine Lust drauf.“ Grundsätzlich sei es großer Quatsch, dass es keine qualifizierten Frauen gebe. Ob eine Quote dabei helfen würde? Menne ist unschlüssig.

„Die Ausrede, es gäbe nicht genug Frauen, lässt sich leicht widerlegen. Man muss nur besser suchen – auch international. Und Frauen sollten sich zeigen. Wir müssen uns gegenseitig fördern: Wenn ich eine Anfrage ablehne, versuche ich, eine andere Frau vorzuschlagen. Das machen Männer nicht anders.“
Vor allem fehle es an der Selbstverständlichkeit, dass bei Veranstaltungen ein gemischtes Publikum teilnehme. Auf vielen Konferenzen sprechen nur Männer – und wenn man über die Frauenquote diskutiere, kämen ausschließlich Frauen zu den Diskussionsrunden. Das mache wenig Sinn, sagt Menne. Der fachliche Austausch auf Augenhöhe werde einen Unterschied machen, alle bräuchten dieses gemischte Netzwerk.
Neues entdecken, das ist ihr wichtig. Sie twittert, bloggt und steht auf Bühnen. Man trifft sie auf der Start-up-Konferenz „Noah“ in Berlin, auf dem „South by Southwest“-Festival in Texas oder in ihrer Galerie in Kiel. Dort arbeitet sie mit unterschiedlichen Künstlerinnen und Künstlern aus Norddeutschland. Die erste Ausstellung steht an, der Termin schiebt sich seit Monaten immer weiter nach hinten – aus guten Gründen. Denn da ist noch verdammt viel zu tun. „Pläne und Ideen habe ich unendlich viele, das ist derzeit eine luxuriöse Situation“, sagt sie. Es scheint für sie ein Credo zu sein: „Mit 60 wollte ich nicht sagen müssen, ich habe Angst, etwas Neues zu machen“, sagte sie einmal in einem Interview.

Doch als ich Simone Menne beobachte und ihr zuhöre, beschleicht mich das Gefühl, dass sie möglicherweise denkt, nicht mehr CEO eines DAX-30-Unternehmens werden zu können. Galerie, Familie, Aufsichtsrat, ehrliche Interviews – das klingt ein bisschen nach Abschluss, Vorruhestand vielleicht. Ich frage Simone Menne ganz direkt danach, sie hält kurz inne, dann sagt sie: „Die richtigen Leute wissen, dass ich noch brenne. Vielleicht bin ich schon zu alt – ich finde ja, neue Vorstände sollten viel öfter erst 40 sein. Aber: Wenn sie stattdessen einen Mann Ende 50 nehmen, sollten sie sich für mich entscheiden. Ich bin überzeugt, ich würde es gut machen.“

Dieses Interviewporträt erschien ursprünglich im She’s Mercedes Newsletter. Im monatlichen Newsletter porträtieren Autorinnen aus dem She’s Mercedes Netzwerk starke Frauen, die Dinge anders denken. Abonnieren Sie hier den Newsletter und lassen Sie sich inspirieren.