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Warum Frauen programmieren müssen, um die Welt zu verändern.

© Stocksy/Studio Firma
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Ein Interview mit „Rails Girls“-Gründerin Linda Liukas.

Linda Liukas liebt glitzernde Dinge und die Produkte der japanischen Design-Kette Muji, hat letztes Jahr mit einer zehntägigen Detoxkur experimentiert und ein Buch geschrieben. Das wäre alles nicht so erstaunlich, wäre da nicht noch etwas: Linda ist außerdem eine begnadete Programmiererin. Mit „Rails Girls' startete sie 2010 eine globale Bewegung, die heute in über 220 Städten auf der ganzen Welt jungen Frauen das Programmieren beibringt.

© Maija Tammi
Von Tallinn über Mozambique bis Beirut eröffnet „Rails Girls“ neue Perspektiven auf das Programmieren. Mittlerweile sind mehr als 10.000 Frauen in das Projekt involviert. „Programmieren ist kein Mittel zum Zweck, sondern eine Möglichkeit sich selbst auszudrücken. Etwas zu schaffen, wo davor nichts war und natürlich ist es in vielen Ländern auch eine Form der Emanzipation.“ Lindas Glaubenssatz ist einfach: Frauen sind begnadete Programmierinnen, sie wissen es nur noch nicht. Mit ihrem Buch „Hello Ruby: Adventures in Coding“, was 2016 auch in einer deutschen Übersetzung erscheinen wird, will sie bereits kleine Mädchen von ihrer Fähigkeit zu programmieren überzeugen. Im Interview berichtet Linda über die unglaublichen Gestaltungsmöglichkeiten des Programmierens und wie wichtig es ist, dass diese Kompetenz nicht nur in den Händen einer kleinen, homogenen Elite liegt.

Programmieren ist kein Mittel zum Zweck, sondern eine Möglichkeit sich selbst auszudrücken. Linda Liukas

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    Ein spielerischer Umgang mit komplexer Materie: Das Buch 'Hello Ruby' soll Mädchen ans Programmieren heranführen. © Otso Kaijaluoto
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    © Otso Kaijaluoto
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    © Otso Kaijaluoto

Hat Programmieren etwas von einer selbsterfüllenden Prophezeiung? Man denkt, es ist unglaublich schwer und lässt deswegen die Finger davon?

Du brauchst Ausdauer und Durchhaltevermögen, wie wenn du eine neue Sprache lernst. Noch entscheidender ist aber, dass dir suggeriert wird, dass du dich für Computer und gleichzeitig für z.B. Kunst interessieren kannst. Es macht mich traurig, wenn ich heute kleine Mädchen im Alter von zehn bis zwölf Jahren sehe, die über Technologie denken: „Das ist nichts für mich“.

Wie keine andere Technologie ermöglicht uns das Programmieren unsere Gegenwart und Zukunft zu formen. Was passiert, wenn diese Fähigkeit in der Hand einer homogenen Gruppe liegt?

Das führt dazu, dass wir nur eine sehr kleine Auswahl von Problemen lösen, die für diese Gruppe relevant sind. Programmierer sind diejenigen die auswählen, was weiter verfolgt wird und verbessert wird. Die Probleme die junge, weiße Männer haben sind natürlich sehr verschieden von den Problemen, die ein Großteil der Weltbevölkerung hat.

Bis in die sechziger Jahre wurde der Beruf des Programmierens vor allem als Karriereoption für Frauen gehandelt. Warum hat sich das so radikal geändert?

Damals war Programmieren noch eine mechanische und dadurch auch sehr repetitive Tätigkeit, ähnlich wie die einer Telefonistin und demnach nicht unbedingt hoch angesehen. In den siebziger und achtziger Jahren haben die existierenden Technologiefirmen dann angefangen, den Programmierberuf spannender und zugänglicher zu gestalten, weil ihnen Arbeitskräfte fehlten. Das Berufsbild wurde also aufgewertet, die Einstellungsinterviews auf eine männliche, mathematikaffine Zielgruppe zurechtgeschnitten. Und so wurde Programmieren nach und nach zu einer männlichen Domäne.

Und genau das versucht „Rails Girls“ heute aufzubrechen?

Uns ging es von Anfang an darum, dass Frauen und Männer zusammen an Problemen arbeiten. Es gibt einen enormen Bedarf an reinen Frauenumfeldern, aber wir sind der Überzeugung, dass wenn man wirklich einen großen Schritt tun will, dann darf man die andere Hälfte der Menschheit nicht ausschließen. Für mich ist das Projekt dann ein Erfolg, wenn es keinen Bedarf mehr für „Rails Girls“ gibt. Wenn wir endlich Programmierinnen und Programmierer mit den unterschiedlichsten Backgrounds haben.

Was sind die Länder, die momentan am meisten in diese Form von Bildung investieren?

Indien und die Ukraine haben ein ausgeglichenes Verhältnis von Frauen und Männern im Programmiersektor. Das ist unglaublich! Wenn es um Programmieren und Bildung geht, da sind Estland und England momentan sehr weit vorne, beide Länder haben Programmieren in ihren Lehrplan aufgenommen. Am spannendsten für mich sind die Entwicklungen in Ländern, die bisher noch nicht viel für die Stärkung von Frauen im Technologiebereich getan haben wie Tunesien, Ägypten oder die Türkei, wo momentan viel passiert. Das gleiche gilt für Kenia, wo es ebenfalls eine „Rails Girls“ Bewegung gibt.

Vielen Dank für das spannende Gespräch.