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Warum Luxus heute nachhaltig sein muss

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Schmuckunternehmerin Guya Merkle über die Vereinbarkeit von Profit, Style und Ethik.

Guya Merkle hat nicht mit Barbies oder Lego gespielt, sondern mit Edelsteinen. Für sie kein Luxus, sondern Normalität: Seit 70 Jahren führt ihre Familie ein eigenes Schmuckunternehmen. Ihr Großvater hatte die Firma gegründet, die später Guyas Vater übernahm – Eduardo Vieri Merkle. Als er vor neun Jahren verstarb, wäre plötzlich sie an der Reihe gewesen, die Leitung zu übernehmen. Die damals 21-Jährige hatte eigentlich andere Zukunftspläne, doch kam bald dahinter, dass echter Luxus auch mit Verantwortung zu tun hat. Diese Erkenntnis sollte für die gesamte Industrie völlig neue Standards setzen.

Inzwischen steht Guya fest an der Spitze des Unternehmens, produziert als eines sehr weniger Juwelierfirmen ausschließlich mit ethisch korrekt gewonnenem Gold und investiert einen Teil des Erlöses ihrer Kollektionen in die Förderung von Goldminen in Peru. Wir trafen die hochschwangere Geschäftsführerin und Schmuckdesignerin in Berlin, ihrer zweiten Wahlheimat neben Zürich, und unternahmen von ihrem Büro auf der Potsdamer Straße aus eine Probefahrt in einer C-Klasse T-Modell. Wie sie uns im Vorfeld nämlich verraten hat, möchte die kleine Familie bald ein neues, geräumigeres Auto kaufen. Oder, wie Guya selbst sagen würde: ein neues „Wohnzimmer“.

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Guya, warum verbringen Sie so viel Zeit im Auto?

Alleine schon deshalb, weil es bei mir kaum einen klassischen Arbeitsalltag gibt. Ich bin mal auf Terminen mit Geschäftspartnern, Händlern oder Privatkunden, mal im Büro bei meinem tollen Team oder arbeite aus dem Homeoffice. Dafür brauche ich natürlich ein Auto – und jetzt mit dem dicken Bauch umso mehr. Da ich Flugangst habe, fahre ich auch oft größere Strecken, nicht nur innerhalb Deutschlands. Ich lebe sozusagen fast darin, Wechsel-Schuhe, -Outfits und Arbeitsunterlagen sind ein fester Bestandteil unseres Kofferraums. Und jetzt kommen bald auch noch Maxi-Cosi und Kinderwagen dazu.

Ihre Dependance in Berlin gibt es erst seit einigen Monaten. Wie hat die Stadt Vieri willkommen geheißen?

Berlin hat uns mit offenen Armen aufgenommen. In Zürich hält man etwas strenger an Modellen und Vorstellungen fest und ist weniger bereit, scheinbar bewährte Muster abzulegen.

Generell scheint vor Ihnen niemand den gewohnten Gang in der Schmuckindustrie, speziell die Art der Ressourcengewinnung, hinterfragt zu haben.

Meine Theorie ist, dass viele Menschen davon wussten, aber keine Lust hatten, sich damit zu beschäftigen und das Thema an die Öffentlichkeit zu bringen. Ich merke bis heute, dass viele immer noch wahnsinnig geschockt sind, wenn ich mit ihnen darüber spreche. Der Konsument hatte keine Ahnung und fragte entsprechend auch nicht nach. Somit gab es für die Industrie keinen Grund, etwas zu ändern.

Guya Merkle geht die Treppe hoch

Sie hatten offensichtlich einen. Wie sind Sie auf die Problematik der Goldgewinnung gestoßen?

Um herauszufinden, ob die Leitung des Unternehmens etwas für mich ist, und die Materie besser kennenzulernen, habe ich in London am Gemological Institute of America studiert. Dort lernt man alles über Steinkunde, Rohstoffe, deren Umsetzung in Schmuck – generell über Juwelierkunst. In den Lehrbüchern habe ich zum ersten Mal Goldminen gesehen, diese riesigen Krater in der Erde, und war schockiert. Daraufhin habe ich angefangen zu recherchieren, aber nur kleckerweise Informationen gefunden. Ich beschloss, nach Peru zu reisen und mir selbst ein Bild von der Situation dort zu machen.

Und wie war es dort?

Noch viel schlimmer als auf den Bildern. Da war ich plötzlich mitten im Nirgendwo, stand auf dreitausend Metern Höhe in den Anden und blickte auf ganze Slums in den Bergen, Kinderarbeit, Schwangerenarbeit, Arbeitsunfälle bis hin zu Todesfällen in den Goldgräberstätten, es gab kein Wasser und stank schrecklich nach Quecksilber. Zunächst wollte ich mit dem ganzen Business nichts mehr zu tun haben. Dann fing ich aber an, mit den Menschen dort zu sprechen und hörte mir ihre Ideen an, um die Situation zu verbessern. Weil dem Thema damals international so wenig Aufmerksamkeit zukam, haben sie mich auch gebeten, davon zu erzählen, wenn ich zurück bin. So wurde mir klar, dass das der Weg ist, den ich gehen muss.

Sie zahlen mehr für ethisch korrekt gewonnenes Gold, schlagen aber keine höheren Preise an. Stehen Nachhaltigkeit und Gewinn im Widerspruch?

Nachhaltigkeit und maximaler Gewinn bestimmt. Ich glaube aber, dass das Prinzip der Gewinnmaximierung grundsätzlich veraltet ist. Natürlich muss ein Unternehmen auch wirtschaftlich erfolgreich sein, um zu bestehen. Unsere Welt kann aber nicht mehr funktionieren, wenn die Rechnung auf Kosten der Umwelt, anderer Menschen, anderer Länder, Regionen und Rohstoffe geht. Was wir mit Vieri anstreben, ist daher eine Impact-Maximierung.

Schließen sich Luxus und Nachhaltigkeit aus?

Nein, im Gegenteil. Ich glaube, dass etwas nur dann Luxus ist, wenn es auf bestmöglichem Wege gemacht wurde. Das ist ja die eigentliche Definition von Luxus. Ich muss aber sagen, dass nach wie vor Nachhaltigkeit und Style, speziell in der Mode, schwer zusammengehen. Das stört mich persönlich, da es mir schon wichtig ist, was ich trage, und ist auch etwas, was ich mit Vieri verändern möchte.

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Neben einigen deutschen und Schweizer Promis tragen auch Sängerin Rihanna und die britische Schauspielerin Emma Watson Ihren Schmuck. Und speziell Watson wurde schon mehrfach für ihren Style ausgezeichnet.

Ja, Emma Watson statten wir seit einer Weile aus. Sie hat sich für einen sehr bewussten Lebenswandel entschieden und achtet darauf, dass alles, was sie trägt oder unterstützt, aus nachhaltigen Quellen kommt. Bei meinem ersten Treffen mit ihrer Stylistin hatte ich also ein gutes Entree. Bei Rihanna war es tatsächlich Zufall. Ich bin morgens aufgewacht und wurde von den News überrascht, dass Rihanna meinen Schmuck auf den MTV Movie Awards getragen hat. Und zwar genauso, wie ich es mir vorstelle, aus jeder Kollektion etwas. Es sah toll aus!

Sie haben in Ihrem Produktportfolio limitierte Kollektionen internationaler Künstler, den Großteil gestalten Sie aber selbst. Was inspiriert Sie?

Menschen und ihre Geschichten. Allen voran die Menschen, denen ich auf unseren Reisen für unsere Projekte begegne. Wir leben hier in Deutschland und ganz Europa ja in einer sehr komfortablen Situation. Klar ist es wichtig, von hier aus ein Bewusstsein zu schaffen, aber dort gibt es welche, die mit ihren bloßen Händen so wahnsinnig viel vor Ort verändern. In meinem Design inspiriert mich vor allem die Natur.

Beeinflusst Ihr persönlicher Geschmack Ihr Design?

Ja, auch. Die Kette, die ich anhabe, aus der „Respect the Beautiful“-Kollektion, habe ich für mich selbst gemacht. Die liebe ich heiß und innig und habe sie immer, immer, immer an. Es gibt auch ein paar Ringe, die ich für mich selbst gemacht habe und trage. Im Moment ist das mit meinen geschwollenen Fingern aber leider etwas schwierig.

Das Bedienen des Navis hat ja trotzdem wunderbar funktioniert. Wie hat Ihnen die Probefahrt gefallen?

Sehr gut! Ich mag ja schnelle Autos… Und ich finde die Funktion mit dem Warnsignal, das im Seitenspiegel erscheint, wenn ich jemanden im toten Winkel habe, richtig super. Nachher werde ich auf jeden Fall weiter am Fahrzeug-Konfigurator herumspielen und gucken, ob ich mir mein Traummodell zusammenbasteln kann.

Viel Spaß! Und vielen Dank für das Interview.