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Wurzeln, um zu wachsen, Schlittschuhe, um zu gleiten

Sharon Cohen bringt einem Mädchen das Eislaufen bei. Sie hält ihre Hand und stabilisiert ihr Bein, das das Mädchen nach oben streckt.
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Sharon Cohen will Mädchen mit Eiskunstlaufen ermutigen und stärken.

Jedes Jahr nehmen über 200 Mädchen im Alter zwischen 6 und 18 Jahren an den verschiedenen Entwicklungsprogrammen teil, die Figure Skating in Harlem anbietet. Die Organisation ist einzigartig in der Art und Weise, wie sie Bildung mit diesem besonderen Sport zusammenbringt: Eines dieser Programme beinhaltet wöchentliche Termine für Nachhilfe in Fächern wie Mathematik und Rhetorik, gefolgt von einer Runde Eiskunstlaufen. Die Organisation bietet auch die Teilnahme an Sommerlagern mit einer Dauer von etwa acht Wochen an, bei denen die Teilnehmerinnen ihre Fähigkeiten im Klassenzimmer und auf dem Eis verbessern können.

Keine andere Organisation hat sich so dem Ziel verschrieben, afro-amerikanische Mädchen dabei zu unterstützen, Eiskunstläuferinnen zu werden. Bei Wettbewerben sind Figure Skating in Harlem und die verbundene Organisation Figure Skating in Detroit meist die einzigen Teams, die zum Großteil aus Athletinnen mit dunkler Hautfarbe bestehen.

Aus Mädchen, die Teilnehmerinnen bei Figure Skating in Harlem waren, wurden Rechtsanwältinnen, Sozialarbeiterinnen, Lehrerinnen, Designerinnen, Finanzexpertinnen und Fachkräfte in der Immobilienbranche. Das erfüllt die frühere Eiskunstläuferin Sharon Cohen mit Stolz. Sie hat die Organisation im Jahre 1997 gegründet. Laureus Sport for Good, eine von Mercedes-Benz mitgegründete Stiftung, hilft Kindern und Jugendlichen, Gewalt, Diskriminierung und Benachteiligung in ihren Leben zu überwinden, und unterstützt schon seit Jahren auch Cohen und ihre Organisation. In diesem Interview spricht sie darüber, wie man Mädchen helfen kann, selbstbewusste und unabhängige Frauen zu werden.

Mehrere Mädchen sitzen an einem Tisch und schreiben. Ein Mädchen hebt ihre Hand.

Figure Skating in Harlem folgt einem ganzheitlichen Ansatz in der Jugendentwicklung. Können Sie diesen Ansatz beschreiben?

Es geht darum, die einzigartige künstlerische Disziplin des Eiskunstlaufs als einen Aufhänger zu nehmen, um Mädchen auf ihrem Weg zu helfen, starke, selbstbewusste, selbstbeherrschte junge Führungspersönlichkeiten zu werden – auf und abseits der Eisfläche. Unsere Schülerinnen lassen sich mit Körper, Seele und Geist auf uns ein.

Wie entstand dieser Ansatz?

Ich war Profi-Eiskunstläuferin mit einem eng getakteten Terminplan. Dank meiner Eltern und meiner eigenen Neugierde war mir aber auch meine Schulbildung wichtig. Ich habe gelernt, dass einen nichts besser auf das Leben vorbereiten kann als ein solides intellektuelles Fundament: Es erlaubt, vernünftige persönliche Entscheidungen zu treffen und der eigenen Leidenschaft zu folgen. Aber ich habe auch festgestellt, dass ich von meinen physischen Aktivitäten in einem strukturierten Umfeld nicht nur im Allgemeinen profitierte, sondern ganz spezifisch von den unschätzbaren Fähigkeiten, die ich beim Eiskunstlauf lernte. Als man mich also vor fast 30 Jahren einlud, eine Gruppe Mädchen in Harlem zu treffen, die Eiskunstlauf machen wollten, musste ich nicht lange nachdenken. Diese Mädchen wandelten sich vor meinen Augen, sie wurden nach nur wenigen Wochen auf dem Eis selbstbewusster. Als die Organisation im Jahre 1997 offiziell gegründet wurde, war es uns wichtig, der akademischen Unterstützung den gleichen Stellenwert einzuräumen. Soziales und emotionales Wachstum und Eiskunstlaufen – das ist eine durchschlagende Dreierkombination, wenn es darum geht, die Stärke von Mädchen und jungen Frauen zu fördern.

Zwölf Mädchen in rosa-weißen Kleidern, die eine Synchron-Eiskunstlaufübung vorführen.

Apropos akademische Unterstützung: Auf Ihrer Webseite sagen Sie, dass 90 % Ihrer Schülerinnen Verbesserungen in den MINT-Fächern, die immer noch von Männern dominiert werden, erreicht haben. Wie wecken Sie das Interesse der Mädchen für diese Fächer?

Unsere Schülerinnen verbringen genauso viel Zeit mit uns im Klassenzimmer wie bei ihrem Training auf dem Eis. Wir haben einen Kurs, in dem ihnen MINT-Themen anhand von Beispielen aus dem Eiskunstlauf vorgestellt werden. Unser Ziel ist es, das Interesse unserer Mädchen an Wissenschaft zu entfachen. Sie lernen zum Beispiel über die physikalischen Aspekte des Eiskunstlaufs, über Biologie, Ernährung, wie das Eis gemacht wird, und sogar über Themen wie Programmieren oder Umweltwissenschaften.

Warum eignet sich der Eiskunstlauf so besonders, um Mädchen zu stärken?

Eiskunstlaufen ist schwer und es ist besonders schwer, es gut zu machen. So einfach ist das. Man kann nicht einfach auf das Eis rennen und sofort einen Doppelaxel springen. Man muss die Schritte dahin nach und nach erlernen. Man fällt viel hin, es tut weh und man lernt oft, wieder aufzustehen. Das erfordert Durchhaltevermögen, lehrt einen, nie aufzugeben, und es verleiht Durchhaltevermögen, die wertvollste Eigenschaft überhaupt. Zudem ist es künstlerisch und erlaubt persönlichen Ausdruck, Musikalität und Anmut. Anmutig zu sein kann eine enorme Stärke in sich bergen. Aber natürlich bezieht sich das nicht nur auf Mädchen. Ich würde dies nicht auf ein Geschlecht beschränken. Wir schreiben fast das Jahr 2020 und jedes Individuum hat das Recht, physisch stark zu sein und sich Ausdruck zu verleihen.

Sie haben die Erfahrung des Hinfallens erwähnt. Wie wichtig sind Fehlschläge, wenn man Mädchen lehrt, stark zu werden?

Sie sind von entscheidender Bedeutung. Wir lernen gewöhnlich am meisten aus unseren Fehlern. Es ist wichtig zu wissen, dass wir uns von diesen erholen können. Das macht uns stark. Auch lehrt es uns, Risiken einzugehen. Wann immer eine meiner Studentinnen hinfällt, sage ich ihr: Du hast die Wahl und kannst hier auf dem Eis sitzen bleiben, aber es wird ziemlich schnell kalt. Irgendwann musst du aufstehen. Je früher du das tust, desto näher kommst du dem Ziel, Erfolg zu haben.

Sharon Cohen steht auf dem Eis, umgeben von Eiskunstläuferinnen, die in die Kamera lächeln.

Geht es um Sport, sind junge Leute meist sehr ehrgeizig in ihren Leistungen. Das kann auch die Form von Perfektionismus annehmen, der schaden kann. Wie bringen Sie den Mädchen bei Figure Skating in Harlem nahe, die richtige Balance beim Thema Ambition zu finden?

Wir glauben daran, hohe Erwartungen in unsere Schülerinnen zu setzen. Diese Schülerinnen sind meistens Minderheiten und haben gewöhnlich keinen Zugang zu einem Sport wie dem Eiskunstlaufen. Sie erhalten oft nicht die nötige Ermutigung, um erfolgreich sein zu können. Werden Schülerinnen auf oder abseits der Eisfläche zu perfektionistisch – und das Eiskunstlaufen erfordert einen gewissen Grad an Präzision – bitte ich sie, über dieses Zitat nachzudenken: „Lass das Gute nicht dem Perfekten im Wege stehen.“ Es geht uns rein um den Fortschritt!

Hat Ihre Organisation den Eiskunstlauf im Allgemeinen beeinflusst? Ist dieser Sport möglicherweise auf professioneller Ebene ein wenig diverser geworden?

Ich glaube schon. Wir wollen nicht Profi-Eiskunstläufer heranziehen, sondern die ganzheitliche Entwicklung von Mädchen fördern, damit sie in jedem Bereich erfolgreich sein und ihre Träume verwirklichen können. Figure Skating in Harlem und unsere Zweigorganisation Figure Skating in Detroit haben sicherlich dazu beigetragen, dass mehr Mädchen mit anderer als weißer Hautfarbe Zugang zu diesem wunderschönen Sport haben. Darauf bin ich am meisten stolz. Die Elite der Welt des Eiskunstlaufs hat Kenntnis genommen und bietet Unterstützung. Stars wie Michelle Kwan, Scott Hamilton, Meryl Davis und auch andere schätzen unsere Arbeit und unterstützen uns, damit eines Tages die Teilnahme am Eiskunstlaufen selbst vielleicht den Reichtum aller Gemeinschaften genauer widerspiegelt.