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Der eigenen Vision folgen: Im Gespräch mit Aino Laberenz

Aino Laberenz sitzt auf einem rosafarbenen Sofa
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Aino Laberenz, Multitalent und Multitaskerin par excellence, gibt uns einen Einblick in ihr Herzensprojekt: das Operndorf Afrika in Burkina Faso.

An einem kalten Vormittag treffen wir uns mit Aino Laberenz im Büro des Operndorfs Afrika. Ihre MitarbeiterInnen haben uns bereits mit Tee versorgt, als Aino mit dicker Strickmütze auf dem Kopf, lässigen Boots an den Füßen und kuscheliger Kunstfelljacke um die Schultern nur wenige Minuten später das Ladenlokal betritt. Ihre Erscheinung begeistert sofort. Für ihren Stil ist sie in der Hauptstadt mindestens so bekannt wie bundesweit für ihre Arbeit am Theater und im Umfeld der Kunst. Vor allem für ein Projekt schlägt ihr Herz seit 2010 aber besonders stark: das Operndorf Afrika welches sie nach dem Tod ihres Mannes Christoph Schlingensief weiterentwickelt und grundlegend aufgebaut hat. Das global gedachte Kunstprojekt versteht sich nicht nur als Ort, der Perspektiven bietet; es will vor allem auch eine Sphäre des kreativen Austausches zwischen den Kulturen sein. Keine leichte Aufgabe, das zu stemmen. Aino Laberenz stellt sich ihr trotzdem täglich nur zu gerne aufs Neue. Gleiches gilt für ihre Arbeit als Bühnen- und Kostümbildnerin, der sie ebenfalls regelmäßig nachgeht. Nebenher ist die zierliche 36-Jährige fester Bestandteil des Berliner Kultur- und Szenelebens – egal ob Modeevent, Filmpremiere, Ausstellungseröffnung oder Kulturveranstaltung: Aino Laberenz scheint nirgendwo zu fehlen. Auch das gehört zu ihrem Job. Im Gespräch mit She’s Mercedes zeigt sich allerdings schnell, dass hinter all dem Trubel eine sehr geerdete Frau steht, die ihre Kraft vor allem aus der tiefen Leidenschaft für ihre Arbeit schöpft.

She’s Mercedes: Mit dem Operndorf Afrika führen Sie die Vision Ihres verstorbenen Mannes Christoph Schlingensief weiter. Stand für Sie von Anfang an fest, dass Sie sich diesem Projekt widmen wollen? Wie hoch war der Druck?

Aino Laberenz: Ich war bereits bei der Entstehung des Projektes dabei. Deshalb stellte sich mir gar nicht die Frage, ob ich weitermache, sondern eher wie. Die Menschen in Burkina Faso haben mich bei meiner ersten Reise nach dem Tod von Christoph Schlingensief gebeten, das Operndorf weiterzuführen. Christophs Vision war und ist dabei immer Ausgangs- und Bezugspunkt für die Umsetzung des Projekts gewesen. Ich habe versucht, seine Idee so gut es geht in die Realität umzusetzen.

Was ist denn die Idee hinter dem Operndorf? Wie hat sich das Projekt durch Ihre Arbeit entwickelt, möglicherweise sogar verändert?

Für mich sind das grundsätzlich sehr verschiedene Fragen. Sicherlich hat sich das Projekt mit mir verändert – so wie es auch mich verändert hat. Durch mich und ohne Christoph Schlingensief hat es eigene Wege eingeschlagen. Wobei es für mich komisch gewesen wäre, wenn diese Veränderung nicht stattgefunden hätte. Wichtig ist mir, dass nach außen hin zwar Christoph Schlingensiefs Idee hochgehalten wird, man sich aber vor allem auch auf die gesamte Umsetzung, auf die Menschen und auf den Ort einlässt und auf all das genauer eingeht. Das Operndorf soll eine Plattform für interkulturellen Austausch, relevante Diskurse und kreative Entfaltung sein, beziehungsweise ist es bereits. Künftig soll das noch viel stärker zum Tragen kommen: Wir wollen etwas schaffen, wo man sich mit Respekt begegnet, wo man sich künstlerisch und zwischenmenschlich austauscht und miteinander arbeitet. Das Ganze soll nicht nur an den konkreten Ort in Burkina Faso gekoppelt sein, es soll sich auch für uns hier in Deutschland eine entsprechende Sphäre öffnen.

Mit welchen Hindernissen sahen Sie sich anfangs konfrontiert? Welche Hürden gab es zu überwinden?

Es gibt eigentlich immer wieder Hindernisse – es sind nur schlicht und ergreifend immer andere. Alleine dass sich das Projekt über zwei Kontinente erstreckt, verschiedene Sprachen gesprochen werden und unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen, ist nicht immer leicht. Am Anfang waren die Hürden durchaus größerer Natur: Es war schwierig, das Operndorf nach Christoph Schlingensiefs Tod zu starten – im Bau und in anderen Bereichen – und dabei parallel mit der Lücke, die er hinterlassen hatte, umzugehen. Diese Leerstelle existiert bis heute und sie wird auch immer sichtbar bleiben. Insgesamt würde ich alle diese Hürden aber gar nicht als negativ ansehen, sondern als Teil des Prozesses und als etwas ganz Grundsätzliches, das einen beschäftigt und das im Projekt Operndorf Afrika komprimiert wird.

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Wie finanziert sich das Projekt?

Das Operndorf Afrika finanziert sich zu über 90 Prozent aus privaten Spenden. Wir haben uns in den letzten Jahren einen Kreis aus treuen Mitgliedern aufgebaut und sind dabei, diesen kontinuierlich zu vergrößern. Wir erhalten auch immer mal wieder Projektförderungen, etwa vom Auswärtigen Amt, vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung oder für Veranstaltungen auch mal von der Bundeszentrale für politische Bildung. Auch das Goethe-Institut ist ein fester Partner. Unseren Hauptteil bestreiten wir aber über das private Engagement vieler Einzelner – und das verstehen wir vor allem als Zuspruch zu unserer Arbeit.

Wir wollen etwas schaffen, wo man sich mit Respekt begegnet, wo man sich künstlerisch und zwischenmenschlich austauscht und miteinander arbeitet. Aino Laberenz

In regelmäßigen Abständen organisieren Sie auch immer wieder Kunstauktionen. Die letzte fand Ende September statt. Erzählen Sie uns darüber doch bitte etwas mehr.

In den letzten sieben Jahren haben wir drei sehr verschiedene Auktionen gemacht. Bei der letzten handelte es sich um eine T-Shirt-Auktion. Internationale KünstlerInnen haben T-Shirts ganz individuell gestaltet – dabei sind 37 Unikate entstanden, die wir in der KÖNIG GALERIE in Berlin versteigert haben. Die Auktion war eine Sache, bei der sich die KünstlerInnen frei entfalten konnten, etwas, wobei sie Spaß hatten. Mir ist es generell wichtig, eng mit der Kunstszene zusammenzuarbeiten: Ihre Wahrnehmung interessiert mich und ist mir persönlich sehr wichtig – auch im Austausch über das Operndorf. Schließlich handelt es sich hierbei um ein Kunstprojekt. Dass uns die KÖNIG GALERIE und das Auktionshaus Lempertz bei der T-Shirt-Auktion unterstützt haben, hat mich natürlich sehr gefreut – wir haben da einen guten Kreis aus Unterstützern. Ich wünsche mir, diesen noch zu erweitern.

Sie verwalten auch den Nachlass Ihres Mannes. Wie kann man sich diese Arbeit vorstellen?

Die Arbeit mit dem Nachlass beinhaltet, auf Anfragen aus verschiedenen Ausstellungsbereichen einzugehen, Ausstellungen zu planen, Werke und Texte zu sichern, zu archivieren und zu restaurieren. Aber auch über Publikationen zu sprechen und Bilder freizugeben. Dazu arbeite ich mit der Galerie Hauser & Wirth zusammen, die Christoph Schlingensief vertritt, und zusätzlich mit der Filmgalerie 451, die den filmischen Nachlass betreut. Ein Teil des Nachlasses liegt auch in der Akademie der Künste. Dort sorge ich dafür, dass die Arbeit für die akademische Auseinandersetzung zugänglich gemacht wird. Grundsätzlich geht es darum, einen Weg zu finden, mit dem Werk von Christoph Schlingensief nach seinem Tod umzugehen.

Sie sind gelernte Bühnen- und Kostümbildnerin. Kommen Sie bei all der Arbeit denn überhaupt noch dazu, dieser Tätigkeit nachzugehen?

Ich würde schon sagen, dass das ein Bereich ist, den ich brauche und aus dem ich neuen Input für mich ziehe. Generell ist es mir wichtig, dass man sich in verschiedenen Bereichen bewegt und offen für Neues bleibt. Das Theater eröffnet mir noch einmal einen Zugang zu anderen Kontexten und natürlich lebe ich auch finanziell davon. Die Arbeit für das Operndorf ist eine ehrenamtliche. Das wiederum erfordert in Verbindung mit dem Projekt und der Nachlassverwaltung Christoph Schlingensiefs gute Planung. Dennoch läuft auch vieles parallel – das lässt sich nicht immer vermeiden, kann aber auch befruchten.

Generell ist es mir wichtig, dass man sich in verschiedenen Bereichen bewegt und offen für Neues bleibt. Aino Laberenz

Wer sich nur ein wenig durch Bildergalerien oder Ihren Instagram-Account klickt, dem fällt sofort Ihr wunderbarer Kleidungsstil auf. Ist Mode eine private Leidenschaft von Ihnen?

Dadurch, dass ich Kostümbildnerin bin, habe ich eine Nähe zu Mode – auch wenn Mode und Kostüm sehr unterschiedlich sind. Ich habe ein generelles Interesse an Ausdrucksformen, und das ist Mode natürlich auch.

In einem Interview haben Sie gesagt, dass Sie eigentlich nicht zufrieden sein möchten, sondern viel lieber auf der Suche sind. Haben Sie Angst vor Stillstand?

Ich würde es nicht mit Angst bezeichnen, aber mir ist es lieber, wenn man in Bewegung bleibt. Das ist für jeden, der künstlerisch oder frei arbeitet, glaube ich, gut nachzuvollziehen. Man ist da ja generell immer in Bewegung.

Gibt es bei all den unterschiedlichen Aufgaben überhaupt so etwas wie Routine in Ihrem Leben?

Ich liebe es, im Alltag kleinere Routinen zu haben, zum Beispiel den morgendlichen Kaffee oder Tee. Auch auf Reisen folge ich gerne bestimmten Ritualen.

Wie finden Sie Ausgleich und Entspannung?

Grundsätzlich mag ich meine Arbeit und empfinde sie nicht als etwas, zu dem ich einen Ausgleich brauche. Ich habe auch nicht das Gefühl, dadurch permanent angespannt zu sein. Durchaus gibt es aber Phasen, in denen sich viel ballt, und dann hilft es mir, bestimmte Dinge zum Ausgleich zu haben: Sport zu machen oder mal in die Sauna zu gehen.

Und ein ganz besonderer Wunsch für 2018?

Ich bin kein Mensch, der sich große Vorsätze fürs neue Jahr macht. Alleine mit dem Operndorf haben wir 2018 ein volles Programm und ich wünsche mir, dass die Projekte alle toll werden. Ich plane meinen Kalender nicht strikt durch, aber dennoch brauche ich Struktur. Und ich verspüre zunehmend den Wunsch, mich auf etwas Neues einzulassen, mich weiterzuentwickeln und auch mal alte Bereiche zu verlassen, um neue zu entdecken. Vor allem geht es mir aber erst einmal darum, alles umzusetzen, was wir uns für dieses Jahr vorgenommen haben, und sowohl das Projekt als auch mich dabei natürlich ständig zu verbessern.

Vielen Dank für das Interview!