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Der Traum vom Fliegen

Porträt von Steph Davis
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Steph Davis ist Kletterin und Fallschirmspringerin. Was sie antreibt, wenn sie ohne Sicherung einen Berg erklimmt, erzählt sie im Gespräch mit She’s Mercedes.

Muss man furchtlos sein, um von einem Berg zu springen? Wer Steph Davis trifft, merkt schnell: Nein, muss man nicht. Es ist nicht die Suche nach Nervenkitzel, die sie antreibt. Warum sie dennoch immer wieder die höchsten Gipfel im Alleingang erklimmt und sich von Hochplateaus in die Tiefe stürzt, hat sie She’s Mercedes in ihrer Heimat Utah erzählt.

Mittags, wenn die Sonne hoch über der Wüste im Südosten Utahs steht und jede Steinklippe scharfe Schatten wirft, bekommt man ein Gefühl dafür, wie rau die Gegend sein kann, in die es Steph Davis gezogen hat. Sie liebt die orange-goldene Landschaft mit ihren Türmen und elegant geschwungenen Bögen aus Sandstein. Aber Steph Davis ist nicht wegen des Naturschauspiels hier. Sie kann hier, in dieser schönen und doch so unwirtlichen Gegend rund um Moab, ihrer großen Leidenschaft nachgehen: Free-Solo-Klettern und BASE-Jumping.

Heute will Steph uns zum Castleton Tower führen, über steinige Schotterwege geht es mitten in die Wüste. Knorrige Büsche und Nadelbäume säumen das, was man als Wegesrand bezeichnen könnte, ansonsten ist es menschenleer. Steph Davis liebt die Abgeschiedenheit der Landschaft. „Einer meiner liebsten Orte ist ein kleines Häuschen in der Wüste, das ich mit Freunden entworfen und gebaut habe. Es gibt nicht viel dort, gerade das, was man zum Leben braucht: ein Bett, ein Bad, eine kleine Kochnische – und acht Fenster, durch die ich die Natur um mich herum beobachten kann. Mehr brauche ich nicht.“ Steph Davis liebt die einfachen Dinge. Sie hat ihren Platz im Leben gefunden.

Castleton Tower ist ein Heimspiel für Steph. Sie hat den ikonischen roten Turm aus hartem Sandstein schon viele Male erklommen. Der imposante 120-Meter-Hüne, der sich obeliskartig auf einem gut 300 Meter hohen Kegelberg in die Höhe streckt, ist unter Kletterern ebenso wie unter BASE-Jumpern beliebt. Weil er durch seine isolierte Position einen perfekten Ort zum Abspringen bietet und sich auch mit wenig Equipment leicht erklimmen lässt – zumindest für Steph Davis.

„Es wäre verrückt, furchtlos zu sein. Aber Angst lähmt mich nicht.“ Steph Davis

Wenn Steph klettert, verlässt sie sich auf ihre Hände und Füße, nicht auf Seile oder Haken. Sie liebt das Free Solo, den Verzicht auf technische Hilfsmittel. Sie zwängt ihre Hände in kleinste Risse im Stein, ihre Füße finden Halt auf winzigen Unebenheiten, wo andere nur glatten Felsen sehen. So hängt sie an Steilwänden, die mal 100, mitunter aber auch über 900 Meter hoch sind. Unter ihr ist nichts als Luft und dann, ganz unten, der steinharte Boden. Jede Unachtsamkeit kann tödlich sein.

Die Möglichkeit, zu fallen, begleitet Steph ständig. Ob sie deshalb Angst habe? „Natürlich, es wäre verrückt, furchtlos zu sein. Aber Angst lähmt mich nicht.“ Sie habe gelernt, sie umzuwandeln: in Kraft, Besonnenheit, Stärke. „Es liegt an uns, die Kontrolle zu bewahren.“

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„Man muss lernen, sich seinen Ängsten zu stellen und sie als das zu akzeptieren, was sie sind.“ Steph Davis

Das ist es, was das Free-Solo-Klettern und auch das BASE-Jumping für sie ausmacht: die Kontrolle über sich selbst. Die innere Ruhe zu finden, in der man sich und seinen Fähigkeiten vertrauen kann. „Es geht mir nicht darum, mir zu beweisen, wie mutig ich bin. Es geht darum, zu wissen, dass ich gut genug bin, nicht abzustürzen. Die mentale Stärke ist dafür ebenso wichtig wie die körperliche. Man muss lernen, sich seinen Ängsten zu stellen und sie als das zu akzeptieren, was sie sind.“

Steph Davis lacht gern und häufig. Ihre Worte wählt sie mit Bedacht und ohne Eile. Warum auch nicht? Eile würde sie an der Steilwand nur gefährden. Sie geht lieber bedachtsam und analytisch an die Dinge heran. Nur so sei sie überhaupt so weit gekommen. „Ich war schon 18 Jahre alt, als ich mit dem Klettern anfing, und ich bin wirklich kein Naturtalent“, gibt sie zu und schmunzelt. Aber sie könne hart arbeiten, vor allem an sich selbst. Wenn sie sich auf einen Aufstieg vorbereitet, übt sie ihn monatelang, an der Wand und in Gedanken, bis sie jeden Abschnitt verinnerlicht hat. Ihre Absprünge geht sie im Kopf durch, immer und immer wieder, bis sie weiß, dass sie keinen Fehler mehr machen wird.

Steph Davis mit einem Fallschirm

Ob sie mutig sei? Das könne sie so nicht beantworten, sagt sie, und um ihre Augen herum zeigen sich kleine Fältchen, die immer dann zu sehen sind, wenn sie lacht. Auf jeden Fall sei sie nicht außergewöhnlich. „Ich bin kein Superheld, nur weil ich von Bergen springe.“ Sie habe Schwächen, wie jeder andere auch. Aber vielleicht hat sie diese Schwächen etwas mehr unter Kontrolle, ebenso wie die Angst vor dem Fall. „Mut entsteht nicht durch die Abwesenheit von Angst. Mut bedeutet, Angst zu akzeptieren als einen ständigen Begleiter, auf den man in den richtigen Situationen hören sollte, ohne ihm ständig hörig zu sein.“

Sie bremst ab, wir haben den Castleton Tower erreicht. Majestätisch ragt er vor uns in die Höhe. Die Sonne hat ihren Zenit verlassen. Wenn Steph sich jetzt auf den Weg macht, hat sie den Gipfel erreicht, wenn die Sonne untergeht und die Landschaft um sie herum in goldenes Licht taucht. Sie schultert ihre Schuhe und den kleinen Fallschirm, mehr braucht sie heute nicht. Dann lächelt sie noch einmal, see you in a bit, und geht los. Nicht schnell, nicht hastig, aber ohne zu zögern.