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Eine Geschichte glücklicher Zufälle

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Modedesignerin Norya Ayron über Marokkos Rote Stadt – und warum sie Rapper Mos Def ein Stück Unabhängigkeit verdankt.

Vor etwa drei Jahren inspirierte die erste von mehreren ungeplanten Begegnungen Norya Ayron zu einem radikalen Neuanfang. So nahm die zufallsgeprägte Geschichte der Modedesignerin und Unternehmerin 2012 ihren Anfang. Nach mehr als einem Jahrzehnt im Nachtleben von Marrakesch hatte Norya Lust auf einen echten Neustart. Zufällig traf sie genau zu diesem Zeitpunkt den Besitzer des charmanten Le Jardin-Restaurants, das sich tief in den gewundenen Gassen der Altstadt versteckt. Mit den Worten „Mach etwas daraus!“ bot er ihr die Büroräume über seinem Restaurant an. „Er gab mir die Schlüssel zu diesem wunderbaren Ort. Einer echten Oase mitten in der Medina.“ Kurzentschlossen nahm sie die Herausforderung an. „Das konnte ich einfach nicht ablehnen – obwohl ich überhaupt keine Ahnung hatte, was jetzt folgen sollte.“

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    Knallige Farben treffen auf ursprüngliches Handwerk: Noryas Entwürfe kombinieren nordafrikanische Tradition und Moderne.
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    Norya vor ihrer Boutique in der Altstadt von Marrakesch.

Denn obwohl sich Norya seit ihrer Kindheit eigene Outfits zurechtschneiderte, hatte sie sich selbst nie als Designerin verstanden. „Es ist einfach unglaublich, was einem im Leben passieren kann, wenn man es am wenigsten erwartet“, ergänzt sie. Nach kaum zehn Tagen stand bereits ihre erste Kollektion, nicht zuletzt dank der tatkräftigen, versierten Unterstützung mehrerer älterer Frauen aus der Medina. Schon wenige Jahre später hatte sich die Marke Norya Ayron weltweit etabliert – und viele prominente Fans wie Monica Bellucci oder Juliette Binoche gewonnen –, doch ihre Wurzeln und ihre Boutique sieht Norya Ayron weiterhin klar in Marrakesch und in den alten Räumlichkeiten.

Meine erste Jeans habe ich mit 30 getragen! Norya Ayron

Noryas Kollektionen verbinden klassische arabische und nordafrikanische Schnitte und Details mit neuen, modernen Einflüssen. Besonders populär: ihre Neuinterpretationen langer, fast robenartiger Tuniken, die traditionellen Abaya- und Gandora-Silhouetten ganz neues Leben einhauchen. Als Französin mit algerischen Wurzeln liebt Norya diesen subtilen Spagat der Kulturen und verwandelt besonders gern traditionelle, schlichte Gewänder in raffinierte Outfits. „Meine Entwürfe basieren zwar auf traditionellen Schnitten, aber ich verwende für meine Abayas sehr gern knallige Farben oder transparente Elemente, die an Frauen ziemlich sexy wirken können.“ Das Ergebnis ihrer sorgfältigen Designarbeit verströmt eine angenehm eigene Eleganz und stellt die feinen Muster und Farbpaletten der Textilien, die fast ausschließlich aus Marokko stammen, in den Vordergrund. In Zukunft möchte Norya Ayron ihre eigenen Stoffe produzieren. Alle Kollektionen sind strikt limitiert, ergänzt durch exklusive Einzelstücke.

Doch wie kam sie eigentlich zum Modedesign? Wenn man sie fragt, erklärt Norya, dass es ihr früher sehr wichtig war, möglichst unkonventionell aufzutreten. „Meine erste Jeans habe ich mit 30 getragen!“ Später, als Türsteherin diverser Clubs in Cannes, konnte sie Tage mit der Suche nach den richtigen Stoffen und dem „Schneidern“ von Kleidern mit einem Tacker verbringen. „Die Clubszene schenkt einem unglaublich viel Entfaltungsmöglichkeiten“, so Norya. „Ich konnte mit meinen Looks spielen, aber diese Extravaganz war auch wichtig für meinen Job.“ Da sie eigentlich nie selbst in der Modebranche arbeiten wollte, lebte sie ihr ausgeprägtes Styling-Talent längere Zeit lieber privat aus. „Ich glaube, ich werde mit der Mentalität der Fashion-Welt einfach nicht warm. Mode ist von Natur aus etwas Flüchtiges, aber Designer können so riesige Egos haben, wenn es um ihre Kollektionen geht. Dabei machen wir doch nur Mode – wir retten keine Leben.“

Nur wenige Monate nach ihrer Boutique-Eröffnung traf sie in einem Marrakescher Nachtclub den weltbekannten Rapper Yasiin Bey, besser bekannt als Mos Def, der sie dort auf ihre interessante Abaya ansprach. Schnell befreundeten sich die beiden und er überzeugte sie, sich ernsthaft aufs Designen zu konzentrieren. „Mos Def ist mein Glücksbringer. Als er meinte, dass die ganze Welt bald meine Abayas tragen wird, habe ich zum ersten Mal wirklich daran geglaubt, dass es etwas werden kann“, erklärt Norya. „Ich konnte mir plötzlich wirklich vorstellen, dass alle Frauen Abayas tragen, kombiniert mit Sneakers oder Absätzen – also mit Details, die das Ganze stylisch aufbrechen.“

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In Sachen Kreativität macht Norya grundsätzlich keine Kompromisse. „Ich designe, was ich selbst gern tragen würde. Alles andere – ‚Farbe des Jahres‘, was gerade in ist – interessiert mich schlicht und einfach nicht.“ Glücklicherweise funktioniert dieser konsequente Ansatz gut: Aktuell bereitet die Designerin gerade ihren ersten Showroom und offenen Workshop vor. Kaum einen Monat nach ihrem Zufallstreffen mit Mos Def lief ihr übrigens – mit Schauspielerin Sharon Stone in einer Hotellobby – ein weiterer einflussreicher Fan über den Weg. Unternehmerisch gesehen können schnelle Erfolge allerdings auch mehr Fluch als Segen sein, denn anfangs war Norya noch für absolut alles in Eigenregie verantwortlich: Buchhaltung, Modeln, selbst das Putzen des eigenen Shops. „Irgendwann konnte ich keine neuen Bestellungen mehr annehmen“, weil der Druck einfach zu viel wurde. Mittlerweile kann sich Norya auf zwei Angestellte verlassen, die ihr einiges an Arbeit abnehmen. „Glücklicherweise wachsen wir mit und an den Menschen, die uns begegnen.“

Und ihre Stellung als unabhängige Frau in einer männerdominierten marokkanischen Gesellschaft? „Das ist nicht immer leicht“, gibt sie zu. „Natürlich gelten bestimmte kulturelle Regeln. Ich arbeite mit vielen konservativen Männern zusammen, aber wenn man sich an ihre Sitten hält, wird das extrem honoriert.“ Während ihre Karriere also zügig Fahrt aufnimmt, bleibt Norya dennoch ihren Wurzeln verhaftet. Die Stadt, in der für sie alles begann, würde sie nie verlassen. „Ich glaube, ich werde bis zum Ende meines Lebens hier bleiben. Es ist einfach märchenhaft.“