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Julia Leeb: Im Zentrum des Krieges

Julia Leeb im Interview
© Samira Muhic
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Fotografin und VR-Journalistin Julia Leeb erzählt uns im Interview von ihrer nicht ungefährlichen Arbeit und ihrem Antrieb dahinter.

Julia Leeb ist VR-Journalistin, Filmemacherin und Fotokünstlerin. Der Fokus ihrer Arbeit liegt auf Staaten in politischen Umbruchsituationen – eine Umschreibung für Krieg, Rebellion, Diktatur, oft Terror. Wir haben sie auf ihrer Ausstellung im Gebäude des Süddeutschen Verlags in München besucht und mit ihr über ihre Arbeit, ihre Motivation und die Gefahren, denen sie sich aussetzt, gesprochen.

Julia, du reist als Journalistin und Fotokünstlerin durch Länder wie Nordkorea, Libyen, Syrien und Afghanistan, während dort Diktaturen, Bürgerkriege und Gewalt toben. Warum? Wie kam es dazu, dass du dich entschieden hast, in deinem Beruf dein Leben aufs Spiel zu setzen?

Mir ist es wichtig, dass wir die Welt, in der wir leben, sehen und verstehen lernen. Wir befinden uns im 21. Jahrhundert – wir fliegen ins All, aber von dem, was auf unserer eigenen Welt passiert, haben wir oft gar keine Ahnung. Das ist mir unverständlich. Die vielen Konflikte, die ich erlebe, sind jedes Mal wieder ein Schock. Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen, dass wir all diese Dinge tun können, hochkomplexe Krankheiten heilen, Menschen operieren, und uns dann trotzdem noch mit der Axt den Schädel einschlagen. Gleichzeitig werden diese Konflikte oder Kriege bei uns auch oft sehr vereinfacht dargestellt. Eine Partei wird dämonisiert und die andere Seite idealisiert. Damit möchte ich mich nicht zufriedengeben. Ich möchte den Konflikten auf den Grund gehen, beide Seiten befragen, denn man kann sie nur lösen, wenn man versteht, worum es wirklich geht. Deshalb gehe ich dorthin und gebe den Menschen eine Stimme, die sie sonst nicht hätten.

Es gibt gute Gründe dafür, dass sich kaum sonst jemand in diese Konfliktregionen wagt – das Risiko ist nicht absehbar. Gibt es Momente, in denen du bewusst darüber nachdenkst, dass dir jederzeit etwas passieren könnte?

Das ist das Schwere daran und vielleicht auch die größte Überwindung für mich: Ich kann oft nicht auf den Erfahrungsschatz von anderen zurückgreifen. Bei meiner letzten Reise – in die Nuba-Berge im Sudan – herrschte Alarmstufe 9 von 10. Ich konnte nur einen einzigen Journalisten fragen, der dort gewesen war und geschrieben hatte, dass womöglich chemische Waffen benutzt würden. Als ich dann vor Ort war, war die Situation aber in der Zwischenzeit anders als erwartet. Die Konflikte haben eine eigene Dynamik, die sich kaum einschätzen lässt. Die Angst hält viele davon ab, die Situation zu dokumentieren, aber gerade dann ist es besonders wichtig. Im Südsudan wird mit einem Genozid gerechnet und wir haben keine Bilder. Keine Beweise, im 21. Jahrhundert! Was dort passiert, muss belegt werden. Die Welt wird immer enger – es geht uns alle an. Ein Konflikt heute in Afrika kann morgen ein europäischer sein.

Julia Leeb und ihre Bilder.
© Samira Muhic

Du bist dadurch oft Situationen ausgesetzt, die das Potenzial haben, Menschen zu traumatisieren. In Libyen wurden dein Team und du während Filmarbeiten gezielt von Gaddafi angegriffen, eines der Teammitglieder starb. Wie schaffst du es, trotzdem weiterzumachen?

Die Arbeit gibt mir sehr viel, aber natürlich nimmt sie mir auch sehr viel. Ich bezahle einen hohen Preis dafür. Auf der anderen Seite habe ich das größte Geschenk bekommen, das es gibt: Ich durfte weiterleben. Auch deshalb möchte ich ein sinnvolles Leben führen. Für mich ist das, was ich tue, eine Aufgabe. Ich lebe meinen Beruf. Ich könnte gar nicht anders. Ohne meine Arbeit wüsste ich nicht, wer oder was ich bin.

Die Frauen sind die ersten Opfer eines Krieges, den sie nicht begonnen haben. Sie sind aber auch die, die als erstes vergeben. Julia Leeb

Deine Arbeit hat aber nicht nur eine journalistische, sondern auch eine künstlerische Seite, die du immer wieder in Ausstellungen wie in München zeigst. Worum geht es dir in deiner Kunst?

In meiner journalistischen Arbeit geht es natürlich darum, ganz konkret zu sein und so viel zu dokumentieren wie möglich. In meiner Kunst arbeite ich dagegen mit Überblendungen, um den politischen Bezug aus den Bildern zu nehmen. Die Ausstellung ist eine Reise durch Tausende von Jahren und ist doch gleichzeitig hochaktuell. Große Ereignisse wie Revolutionen sind hier nur ein Wimpernschlag im Fluss der Zeit. Gesellschaftsformen entstehen und schaffen sich selbst wieder ab, Dekadenz breitet sich aus und die nächste Phase des Verfassungskreislaufs tritt ein. Überall treten die sich immer wiederholenden menschlichen Muster hervor. An den unterschiedlichsten Orten der Welt entdecke ich ähnliche Situationen und setze diese Szenen in meinen Arbeiten zusammen. Die meiste Zeit investiere ich in die farbliche Harmonie und in Proportionen. Es geht darum, in dem ganzen kriegerischen Alltagstreiben den einen entlarvenden Moment festzuhalten und künstlerisch umzusetzen. Darum, einen menschlichen Moment im Lauf der Zeitgeschichte festzuhalten und in einem Bild zu verewigen.

Mein großes Ziel ist es, dass die Menschen anfangen, aus der Geschichte zu lernen. Ich glaube sehr an das Potenzial von Virtual Reality und versuche, damit eine Wissensbasis aufzubauen. Stell dir vor, man integriert Virtual Reality in die Geschichtsbücher: Jemand liest über die ägyptische Revolution, zieht die Brille auf und ist plötzlich selbst Teil der Situation, sieht die Gesichter und spürt, was es bedeutet, Teil eines historischen Moments zu sein. Das ist etwas ganz anderes, als nur von etwas zu lesen. Ich möchte mit dieser Technologie ein kollektives Gedächtnis schaffen. Ich möchte aus einfachen Momenten gemeinsame Erinnerung kreieren.

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  • Ausstellung von Julia Leeb.
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Du hast inzwischen in mehr als 80 Ländern recherchiert und gearbeitet. Kannst du uns etwas über dein nächstes Projekt verraten?

Über zukünftige Projekte rede ich ganz wenig. Das hört sich vielleicht seltsam an, aber ich suche mir meine Ziele ja nicht aus. Ich fahre nicht den Bomben hinterher. Es ist eine besondere Phase, in der ein Thema auf mich zukommt und sich dann immer mehr konkretisiert. Wenn ich das Ziel vor Augen habe, gibt es auch einen Weg. Zum Beispiel ergibt sich durch einen Medikamententransport in einem afrikanischen Land, in dem es schon lange keine Passagierflugzeuge mehr gibt, ein kurzes Zeitfenster, das ich dann nutze. Das ist wie ein Zeichen, und natürlich kann man das nicht Monate im Voraus planen. Die Entscheidung fällt instinktiv und spontan, anders als das Leben hier.

Ein Langzeitprojekt ist der Kongo (DRK). Dorthin fährst du immer wieder, auch viele deiner Bilder in dieser Ausstellung stammen von dort. Was interessiert dich an diesem Konflikt so sehr?

Ganz klar: Die Frauen. Ich habe noch nie so starke Frauen gesehen. Es passiert so viel Schlimmes dort, aber es gibt auch so viele positive Geschichten. Es sind inspirierende Frauen, mit unglaublicher Kraft. Das gibt mir Hoffnung. Wenn sie nicht aufgeben und weiter glauben, dass sie das Land verändern können, dann werde auch ich nicht aufgeben. Immer wieder erkenne ich das gleiche Muster. In den Kriegsgebieten sehe ich die Frauen in einer geschwächten Position. Sie sind die ersten Opfer eines Krieges, den sie nicht begonnen haben, aber auch die, die als Erstes vergeben. Ohne sie wäre kein Wiederaufbau, kein Weiterleben möglich. Aber am Verhandlungstisch sucht man sie vergeblich.

Bilder aus Julia Leebs Ausstellung.
© Samira Muhic

Welche Lehren ziehst du für dich selbst aus dem, was du dort siehst und erlebst?

Die Not teilt die Menschen in Gut und Böse. Sie lassen ihre Masken fallen, weil sie sich ihrer Endlichkeit bewusst sind. Hier kann man dreißig Jahre mit jemandem verheiratet sein und weiß eigentlich gar nicht, wer er oder sie ist, denn hier müssen wir uns nicht beweisen. Dort ist es anders. Es sind Extremsituationen. In solchen Situationen erfährt man viel über die Menschen, und auch über sich selbst.

Was dort passiert, geht uns alle an. Die Welt wird immer enger. Ein Konflikt heute in Afrika kann morgen ein europäischer sein. Julia Leeb

Und diese Erfahrung sollen durch Virtual Reality bald noch viele andere Menschen machen können.

Das ist meine große Vision. Den Film „Blended Isolations“, den ich jetzt gerade produziere, möchte ich international vertreiben und auch an Institutionen wie die UN weitergeben. Ich hoffe wirklich, dass Virtual Reality, jetzt, wo wir am Anfang dieser Technologie stehen, den Journalismus revolutionieren und die Welt besser machen kann – und zwar, indem man Geld in die Hand nimmt und in wichtige Inhalte steckt. Nicht nur in Games und Unterhaltung, sondern in Inhalte, die die Menschen und das Verständnis zwischen den Völkern verändern können. Nur wenn wir jetzt in den richtigen Content investieren, können wir diese Technik zu einem einmaligen Instrument für echte Völkerverständigung machen. Worauf warten wir? Es ist unsere Zukunft. Es ist unsere Welt.

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  • Bilder aus Julia Leebs Ausstellung.
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  • Julia Leeb fotografiert Frauen in Afrika.
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Vielen Dank für das Interview.