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Keine Angst vor dem Absprung

Juliane Wurm klettert
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Die ehemalige Profi-Boulderin Juliane Wurm spricht über die Fähigkeit, sich selbst zu vertrauen, und über ihre Karriere nach der Karriere.

Juliane Wurm muss die Schwerkraft überlistet haben. Anders ist nicht zu erklären, wie sie sich so behände an einer Wand entlanghangeln kann. Kein Tritt scheint ihr zu klein, kein Sprung zu weit zu sein. Wurm ist eine der besten Boulderinnen der Welt, davon zeugen nicht zuletzt ihre Siege bei Welt-, Europa- und deutschen Meisterschaften. Uns erzählt sie, warum sie sich dennoch gegen ihre Profikarriere entschieden hat.

Juliane Wurm klettert in den Bergen auf Teneriffa
Lieber als in der Halle klettert Juliane Wurm in freier Natur. Hier auf Teneriffa, vor dem Vulkan Pico de Teide.

Es sind vor allem ihre Koordination und ihre Balance, die Juliane Wurm 2006 mit nur 16 Jahren zur jüngsten deutschen Meisterin im Klettern werden lassen. Mit 18 entscheidet sie, nur noch Bouldern zu wollen. Dort sind die Strecken komplizierter; sie fordern den Kopf. Wurm weiß, dass ihr das mehr liegt als das Seilklettern, wo die Kraft wichtiger ist. 2009 erringt sie auch im Bouldern ihre erste deutsche Meisterschaft, stellt Schule und Studium zurück, um sich auf den Sport zu konzentrieren. 2014 erreicht sie ihr Ziel: Sie gewinnt den Weltmeistertitel. Noch heute bekomme sie Gänsehaut, wenn sie daran denke, erzählt Wurm auf einer Dachterrasse in Köln, ihrer Wahlheimat.

Schon damals habe aber das Gefühl an ihr genagt, mehr von der Welt außerhalb der Kletterhallen sehen zu wollen. Und weil sie keine halben Sachen macht, trifft sie eine Entscheidung: Sie verabschiedet sich vom Profisport. Leicht gefallen sei ihr der Rücktritt nicht, sagt Wurm heute, bereut aber habe sie ihn nie. Sie habe auf ihr Bauchgefühl gehört und sich in ihrer Entscheidung, den Wettkampfsport gegen ein Studium einzutauschen, nicht beirren lassen. Wir haben Juliane Wurm einen Tag lang durch ihr Leben in Köln begleitet, um zu erfahren, was sie zu ihrer Entscheidung motiviert hat.

Juliane Wurm in der Natur mit Kletterseilen über den Schultern

Sie waren gerade bei der WM in Paris, die erste, die Sie als Zuschauerin erlebt haben und nicht als Teilnehmerin. Wie war das für Sie?

Ganz anders als sonst und anfangs sehr komisch. Ich musste mich nicht mehr fragen, ob ich gut genug trainiert oder das Richtige gegessen habe oder wann ich anfangen sollte, mich aufzuwärmen. Spannend war es trotzdem: Ich coache den Jugendnationalkader und gebe meine Erfahrungen an junge Kletterer weiter.

Was ist das Wichtigste, was Sie ihnen mitgeben können?

Dass man nur mit Spaß an der Sache weit kommt. Ich brenne für den Sport. Ich musste mich nie zum Training schleppen und kann stundenlang übers Klettern nachdenken, ohne dass mir langweilig wird. Das ist unbezahlbar.

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Sie haben früh mit dem Klettern angefangen. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie das professionell machen wollen?

Mit 18 bin ich vom Seilklettern aufs Bouldern umgestiegen, weil ich gemerkt habe, dass mir das mehr liegt. Ich habe die Schule gewechselt, um während des Schuljahres an Wettkämpfen teilnehmen zu können. 2012 habe ich angefangen, Medizin zu studieren. Geklettert bin ich nebenbei, aber das hat nicht gereicht. Ich habe gemerkt, dass ich nur besser werden kann, wenn ich mich voll aufs Klettern konzentriere. Das Studium musste ich auf Eis legen. Das hat sich gelohnt, in dem Jahr habe ich die WM gewonnen.

Was macht das Bouldern für Sie aus?

Beim Seilklettern kommt es auf die Kraft in den Unterarmen an. Bouldern erfordert Beweglichkeit, Koordination und Balance ebenso wie die richtige Technik. Im Wettkampf kommt es auf den Kopf an. Man hat vier Minuten Zeit, um einen Boulder zu erklimmen. Da darf man sich nicht vom Umfeld irritieren lassen oder davon, im ersten Anlauf zu scheitern.

Juliane Wurm sitzt auf dem Boden und trinkt aus einer Wasserflasche

Hat der Kopf auch bei der WM eine entscheidende Rolle gespielt?

Die Weltcup-Serie entscheidet sich nach acht Wettkämpfen, die WM findet an einem Wochenende statt. Alles muss stimmen. Ich habe mir vor anderen Weltmeisterschaften immer Druck gemacht. Man fiebert so lange darauf hin, es ist schwer, das nicht zu tun. Aber in München war es anders: Ich hatte eine gute Saison hinter mir und wollte die Heim-WM genießen. Der Wettkampf ist super gelaufen, nach dem Halbfinale habe ich geführt. Ich bin aber nicht davon ausgegangen, zu gewinnen – denn wer die Wertung vor dem Finale anführt, startet als Letzter – und hat statistisch gesehen schlechte Chancen auf den Sieg. Man kennt den Boulder nicht, weiß aber, wie viele Versuche die anderen gebraucht haben. Das strapaziert die Nerven. Mich hat es beruhigt. Ich wollte rausgehen und Spaß haben. Ich habe mir vertraut. Was dann passiert ist, ist unbeschreiblich. Die Kulisse im Olympiapark ist wahnsinnig schön. Man klettert unter dem Glasdach, die Zuschauer feuern einen an. Es war ein Moment puren Glücks, den letzten Griff in den Händen zu halten. Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke.

Juliane Wurm am Steuer eines Mercedes-Benz GLA 220 d

Trotzdem haben Sie Ihre Karriere bereits sehr jung beendet, mit 25 Jahren.

Nicht alle können die Entscheidung verstehen. Aber ich stehe dahinter. Es würde nichts bringen, sie ständig zu hinterfragen. Ich habe nach der WM mit dem Gedanken gespielt, aufzuhören, habe dann aber noch die Europameisterschaft gewonnen und an zwei Weltcups teilgenommen, war jedoch deutlich weniger motiviert als vorher.

Trotz Ihrer Siege? Warum?

Es ist toll, sich auf eine Saison vorzubereiten. Man klettert, reist, trifft tolle Menschen. Aber es zehrt auch an einem. Ich habe meine ganze Jugend in Kletterhallen und auf Wettkämpfen verbracht, jeder Sommer war durchgetaktet. Ich wollte Zeit für andere Dinge haben. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich aufhören soll. Aber der Zeitpunkt für den Absprung war einfach der richtige.

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Es ist sicher nicht leicht, wenn der Alltag auf einmal neu strukturiert werden muss, weil Dinge wie die Vorbereitung auf die großen Wettkämpfe wegfallen. Was wartet jetzt auf Sie?

Ich kann eine normale Studentin sein und trotzdem noch so viel reisen und klettern, wie ich will. Ich klettere wieder mehr draußen, in Fontainebleau, der Eifel oder dem Frankenjura. Außerdem kann ich mich voll und ganz aufs Studium konzentrieren. Im kommenden Jahr gehe ich für einen Forschungsaufenthalt in die USA. Ich habe keine Eile, mit dem Studium fertig zu werden – ich möchte etwas Neues finden, das mir Spaß macht. Ich bin mir aber sicher, dass das klappt.

Vielen Dank für das Interview!