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Mit Hobel und Bogen

Eva Lämmle arbeitet an einer Geige
Eva Lämmle arbeitet ca. 400 Stunden lang an einem Cello.
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Ein Gespräch mit der Geigenbauerin Eva Lämmle über ein Leben zwischen Werkbank und Musik.

Eva Lämmle wuchtet ein großes Stück Ahornholz auf die Werkbank. Gut zehn Zentimeter dick, ungefähr einen Meter breit und mindestens ebenso lang liegt es da - noch ist es schwer vorstellbar, dass durch die Handwerkskunst von Eva Lämmle daraus mal ein filigranes Instrument werden wird. 400 Arbeitsstunden und zahlreiche feinteilige Arbeitsschritte später wird Eva dem zukünftigen Cello die ersten Töne entlocken. Eva Lämmle ist Geigenbauerin. Nach Jahren als Angestellte hat sie den Schritt gewagt und sich selbstständig gemacht, heute betreibt sie ihre eigene Werkstatt in München. Neben zahlreichen Kunden aus der Umgebung kommen auch immer mehr internationale zu ihr, beispielsweise aus Pakistan, Südafrika oder den USA, da sie sich für eine Geige, ein Cello oder eine Bratsche aus deutscher Handarbeit interessieren. Bei einem Besuch in Eva Lämmles Werkstatt erzählte sie uns vom Spagat zwischen Kreativität und Handwerk und welche Herausforderungen die Zusammenarbeit mit Musikern mit sich bringt.

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    Die Werkstatt in der Münchner Innenstadt.
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    Die Hobel, die Eva Lämmle benutzt, sind fingernagel- bis handgroß.
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    Das Hobeln bedarf viel Kraft und Geduld.

Wie kamen Sie dazu, Geigenbauerin zu werden?

Ich komme aus einer Künstlerfamilien – mein Vater war Maler, meine Mutter Musikerin. Ich war also schon von klein auf von Kreativität umgeben und begann bereits mit acht Jahren, Cello zu spielen. Mit dem Älterwerden habe ich mehr und mehr über meinen Berufswunsch nachgedacht und sah mich in einer Zwickmühle. Einerseits wollte ich etwas Kreatives machen, mit den Händen arbeiten und etwas schaffen, andererseits wollte ich mich genauso gerne mit Musik beschäftigen. Geigenbauerin erschien mir daher als perfekter Beruf.

Welche Eigenschaften braucht man als Geigenbauerin?

Sehr viel Geduld und Feingefühl, sowohl für die Musiker als auch für die Materialien, mit denen man arbeitet. Natürlich hilft es, selbst Geige oder Cello zu spielen, ich persönlich empfinde das als unabdingbar. Schließlich baue ich nicht nur Instrumente, sondern repariere und restauriere sie auch. Wenn ein Musiker ein Problem mit dem Klang hat, muss ich in der Lage sein, das einerseits zu hören und andererseits natürlich auch die Ursache für das Problem zu erkennen.

Was lieben Sie an Ihrem Beruf?

Dass ich gleichermaßen etwas Bleibendes und Persönliches schaffe. Es ist eine schöne Vorstellung, dass in hundert, zweihundert Jahren vielleicht jemand auf einer Geige spielt, die ich gebaut habe. Zudem hat jeder Musiker eine ganz eigene, persönliche Beziehung zu seinem Instrument – es ist nicht irgendein austauschbarer Gegenstand, sondern etwas Einzigartiges. Ein ganz besonderer Moment ist deshalb der, zum ersten Mal seine Geige oder sein Cello zu hören: Man sieht nicht mehr nur, woran man gearbeitet hat, man hört es auch.

Eine Geige kurz vor ihrer Fertigstellung.

Was reizt sie an der Arbeit mit den Händen? Handwerkliche Berufe sind ja eigentlich männerdominiert.

Im Geigenbau stimmt das nicht ganz, auf der Geigenbauschule herrscht ein Geschlechterverhältnis von etwa 50 zu 50. Aber leider wagen es viel weniger Frauen in die Selbstständigkeit. Während Männer oft eine eigene Werkstatt eröffnen, entscheidet sich der Großteil der Frauen für ein Angestelltenverhältnis. Warum das so ist, weiß ich nicht, vielleicht aus Angst vor dem Ungewissen oder der Verantwortung, die eine eigene Werkstatt mit sich bringt. Womöglich fürchten sie, das Ganze nicht mit dem Familienleben in Einklang bringen zu können. Ich habe auch lange als Angestellte gearbeitet und dabei viel gelernt, dennoch war der Schritt in die Selbstständigkeit die beste Entscheidung überhaupt. Was mich an dem Handwerk reizt, ist die Arbeit mit lebendigen Materialien. Jedes Stück Holz ist anders, man muss sich jedes Mal in das Material neu reindenken, es neu entdecken. Ich benutze zum Lackieren nur Naturharze, auch die sind unvorhersehbar. Das Harz verhält sich jedes Mal anders und man muss immer neu reagieren. Dadurch wird es nie langweilig.

Ich schaffe etwas Bleibendes und Persönliches gleichermaßen. Eva Lämmle

Welche Herausforderungen birgt ein eigenes Geschäft in der Branche?

Die größte Herausforderung ist es, sich auf dem Markt zu behaupten. Alleine in München gibt es 40 Geigenbauer. Es ist unüblich in der Branche, Werbung für sich zu machen – das Geschäft funktioniert durch Empfehlungen, Kontakte und Mund-zu-Mund Propaganda. Da ich selber noch Cello spiele, habe ich glücklicherweise ein gutes Netzwerk in der Musikbranche und konnte langsam meinen Kundenkreis erweitern. Angefangen habe ich tatsächlich bei mir in der Wohnung und mich dann langsam vergrößert, hin zur eigenen Werkstatt. Leider hält sich auch bei vielen Musikern das Gerücht, alte Geigen wären besser als Neue. Auch wenn nichts dran ist, es führt es dazu, dass viele bevorzugt alte Instrumente kaufen.