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Sara Cwynar: Die Philosophie des Bildes

Sara Cwynar in ihrem Atelier. © Jody Rogac

Egal, ob Sara Cwynar komplizierte chromatische Ensembles aus Fundstücken zusammenstellt oder alte Bilder zu Collagen mischt – ihre Arbeit ist eine konsequent markante Mischung aus Lebendigkeit und Überalterung, aus mühsamem Kuratieren und spielerischer Zufälligkeit.

Sie schließt gerade ihr Studium in Yale ab (mit dem Ziel „Master of Fine Arts“), bereitet sich auf zahlreiche Ausstellungen vor und dreht 16-mm-Filme. Für uns fand Sara Cwynar trotzdem Zeit, über ihre persönlichen Philosophien und Prozesse beim bildnerischen Schöpfungsprozess zu sprechen.

Wie wirkt sich Ihr Literaturstudium auf Ihre kreative Praxis aus?

Mein literarischer Hintergrund spielt immer eine Rolle. Ich lese und lese und schreibe. Erst dann mache ich Bilder als letzten Schritt. Selbst wenn man die Literatur nicht direkt sehen kann – sie ist da. Aber in letzter Zeit habe ich mit 16-mm-Film gearbeitet und Voice-over-Texte geschrieben, die mit Anthropologie zu tun haben. Dazu habe ich wieder Walter Benjamin, einen meiner Favoriten, und einige Romane gelesen (Don DeLillo bedeutet mir viel). Die Verbindung wird da etwas deutlicher. Ich habe auch ein Buch mit dem Titel „Kitsch Encyclopedia“ geschrieben, für das ich drei Jahre gebraucht habe und das alles andere beeinflusst hat, was ich gemacht habe. Darin verwende ich Texte von Milan Kundera, Jean Baudrillard und Roland Barthes, um eine Beziehung zwischen Kitsch und Bildern zu formulieren, wobei ich diese Texte mit Hunderten eigener oder gesammelter Fotos illustriert habe.

Wie unterscheidet sich Ihre Erfahrung mit den Bildern, die Sie schaffen, von der Art und Weise, wie Sie hoffen, dass diese Bilder wahrgenommen werden?

Ich mag es, meinen Schaffensprozess für alle zufälligen Dinge zu öffnen, die im Studio passieren können. Ich bin keine so hochpräzise technische Fotografin, obwohl mich die technischen Aspekte des Bildermachens wirklich sehr interessieren. Ich mag es, mit klarem Ziel vor Augen loszulegen und dann mal zu sehen, was passiert. Viele Fehler, wie einfallendes Licht, eine Falte in einem Papier oder die Spur eines Photoshop-Tools, können interessante Elemente eines Bildes sein. Diese Dinge weisen auch auf die Konstruiertheit aller Fotografien hin.

Welche Materialien, Konzepte oder Zitate dienten in letzter Zeit als Inspiration?

Ich habe wirklich viel über Anthropologie gelesen und versucht, zu verstehen, warum alte Objekte über die Zeit schwingen, wie wir unsere Wünsche, Erinnerungen und Gefühle in Objekte hineinlegen, und warum diese Dinge auf einer fundamentalen Ebene wichtig sein könnten. Zum Beispiel die Verschränkungstheorie – die Idee, dass Objekte uns brauchen, wie wir sie, dass wir ihnen einen Zweck, Nutzwert und Charakter geben in der Welt.

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Ich habe versucht zu verstehen wieso alle Objekte mit der Zeit im Einklang sind.

Sara Cwynar

Gibt es Objekte, zu denen Sie wieder zurückkehren?

Ja, ich kaufe oft Sachen und bewahre sie jahrelang im Studio auf, bevor ich herausfinde, was ich mit ihnen tun kann. Im Moment arbeite ich mit diesen Kölnisch-Wasser-Flaschen in Präsidentenbüstenform von Avon aus den 1970er Jahren. Ich habe etwa 50 von ihnen gesammelt und stelle sie zusammen, fotografiere sie oder starre sie im Studio einfach an. Sie waren ein wichtiges Merkmal eines meiner Filmprojekte aus dem letzten Jahr. Jetzt bilden Sie den Großteil meiner nächsten Show. Ich nutze also Dinge mal mehr und mal weniger, behalte sie aber immer im Hinterkopf. Ich habe eine Art Katalog in meinem Kopf, da ist alles drin, was ich irgendwann mal verwenden könnte.

Wie wählen Sie das Bildmaterial für Ihre Stücke aus?

Ich schaue in alten Enzyklopädien, ich durchforste ständig eBay, und ich stöbere in Büchereien und Ramschläden. Ich suche vor allem Bilder, die mal sehr modern oder im Trend waren, inzwischen aber kitschig wirken. Ich interessiere mich für den Idealismus vieler kommerzieller Fotos der 1950er, 1960er und 1970er Jahre (auf der Höhe des Modernismus) und wie dieser verblasst ist – und was das für unser Leben heute und die Art, wie wir heute Bilder machen, bedeutet.

Wo liegt für Sie die Grenze zwischen dem Schwelgen in der Einzigartigkeit der einzelnen Komponenten Ihrer Stücke und dem Blick aufs Ganze?

Ich versuche tatsächlich, beim Fotografieren alle Details von allem einzufangen. Mein Ziel ist im Grunde, so viel wie möglich ins Bild zu packen. Ich möchte, dass alles als eigenes Objekt innerhalb des Ganzen schwingt, und ich möchte, dass das Ganze auf gewisse Art überwältigend wirkt. Ich organisiere die Dinge nach einem bestimmten System (stelle zum Beispiel ein vorhandenes Foto eines Blumen-Stilllebens um oder sammle eine Taxonomie von George Washington Kölnisch-Wasser-Flaschen), aber innerhalb dieser Systeme versuche ich, den Dingen ihre Eigenständigkeit zu lassen. Besonders interessiert mich, wie einzelne Objekte sich mit der Zeit verformt haben und verblasst sind, so wie die Fotos, die ich als Grundlage verwende.

Ihre Arbeiten scheinen sich häufig mit der Idee der Behinderung als einem Weg zu neuem Sehen zu beschäftigen. Welche anderen konzeptionellen Verbindungen bestehen zwischen Ihren Verzerrungsstücken und Ihren Collagen? Wie unterscheiden sie sich voneinander?

Sie holen beide etwas aus der Vergangenheit und geben ihm ein neues Leben in der Gegenwart. Ich erstelle Bilder neu oder überarbeite sie mit den Werkzeugen, die mir aktuell zur Verfügung stehen.

Was sind ihre aktuellen Projekte?

Ich habe eine Einzelausstellung in der Retrospective Gallery in Hudson, New York, die am 26. September eröffnet wird. Ich nehme auch an einer Ausstellung in der Andrea Rosen Gallery in Chelsea teil, die am 10. September startet, und in der Hunter East Harlem Gallery ab dem 14. Oktober. Dann bin ich jetzt im letzten Jahr meines MFA-Studiums in Yale. Alles ist ein bisschen verrückt, aber die Richtung stimmt!

12:39 - 4. Sep. 2015
Looking at, and overlooking, women working in Land Art in the 1970s conversations.e-flux.com/t/looking-at-a...
Cwynars