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So ordnet man sich glücklich

Illustration von Marie Kondo
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Marie Kondo im Gespräch über Chaos auf der Welt und Klarheit im Kopf. Und darüber, dass Besitz nicht unbedingt Bereicherung bedeutet.

Kahle Wände, weiße Vorhänge. Nichts, das irgendwo sinnlos herumsteht: Selbst für ein Hotelzimmer ist der Raum, in dem wir Marie Kondo treffen, auffallend aufgeräumt. Eine Leere, die Platz lässt für das Erkennen der eigenen Wünsche und Werte. Und für Genuss und Freude, weiß Marie Kondo. Die 32-jährige Japanerin hat eine der weltweit beliebtesten Ordnungsstrategien entwickelt, die mit „The KonMarie Method“ nach ihr selbst benannt ist. Mit ihrem ausgeprägten Sinn für Struktur folgt die schöne Frau mit dem dunklen Haar und der hellen Stimme keinem Trend. Sie folgt ihrer Überzeugung – und prägt damit einen Zeitgeist, der sich durch seinen Hang zum Minimalismus auszeichnet, der das Einfache und Schlichte schätzt.

Inspiriert von den Wohnzeitschriften ihrer Mutter entwickelte Marie Kondo schon als Teenager das System, das im Englischen mittlerweile mit einem eigenen Verb bedacht wurde: to kondo. Ihr Antrieb: Ohne dieses System würde sich die Unordnung auch nach dem Aufräumen schnell wieder in den Alltag einschleichen. Dagegen wollte sie angehen.

Heute zeigt Kondo anderen, wie es geht. Ihrer Erfahrung nach sind zwei Drittel der eigenen Besitztümer überflüssig. Beim Entsorgen empfiehlt sie folgende Reihenfolge: Zunächst Kleider, dann Bücher, Papiere, Kleinkram, und zuletzt Erinnerungen.

Genauer wird es in Marie Kondos Büchern, die in 42 Ländern als Ordnungsmanifeste gefeiert werden, wochenlang auf der Bestsellerliste der New York Times standen und nach denen Hunderttausende weltweit Zimmer aufräumen und Schränke entrümpeln. Von ihnen wird Kondo weniger als Ordnungs-Queen denn als Feel-Good-Managerin vergöttert.

Wie es dazu kam? Darüber haben wir mit Marie Kondo gesprochen.

Frau Kondo, haben Sie drei Tipps, mit denen jeder Einsteiger seinen Alltag sofort ordentlicher, einfacher und glücklicher gestalten kann?

Klar! Den Eingangsbereich sauber und ordentlich halten, Schuhe abtreten und Achtsamkeit lernen. Ich empfehle einen behutsamen Umgang mit Dingen und eine gewisse Dankbarkeit gegenüber jedem einzelnen Teil, das man besitzt. Beim Ausziehen am Abend etwa danke ich jedem Kleidungsstück und jedem Accessoire für alles, was es am Tag für mich geleistet hat.

Stimmt es, dass Sie dabei wirklich mit ihren Sachen sprechen?

Absolut. Auch laut. Für mich ist das ganz normal. Meinen Schuhen zum Beispiel sage ich gern, wie schön ich es finde, dass sie mich heute zu so hübschen Plätzen getragen haben. Das ist mein Weg der Wertschätzung.

Was hat die KonMarie-Methode mit Ihnen selbst gemacht?

Ziel meiner Methode ist es, den Menschen Freude zu bringen. Sie schafft nicht nur Ordnung, sie schult auch das Urteilsvermögen. Jeder kann damit erkennen, was ihm wirklich wichtig ist – nicht nur in Bezug auf das Materielle. Diese neu gewonnene Fähigkeit überträgt sich oft von ganz allein auf Karriere- oder Beziehungsfragen.

Gibt es ein Beispiel, bei dem sich dank Ihrer Methode ein ganzes Leben geändert hat?

Eine meiner Klientinnen, eine Journalistin, hat lange für einen großen und angesehenen Verlag gearbeitet. Eigentlich schien alles in Ordnung zu sein. Trotzdem war sie oft schlecht gelaunt und hat viele Dinge negativ gesehen. Sie hatte wenig Vertrauen in sich selbst und in den Lauf der Dinge. Während sie lernte, ihr Zuhause mit meiner Methode neu zu organisieren, hat sie angefangen, auch ihren Alltag und ihren Lebensstil zu hinterfragen – und am Ende festgestellt, dass sie mit beiden unzufrieden war. Sie hat ihren Job gekündigt, hat sich selbstständig gemacht, ist um die Welt gereist. Ihre Erfahrungen hat sie in ihren Texten verarbeitet. Sie schreibt viel über sich selbst, sowohl für Magazine als auch in ihren eigenen Büchern. Sie ist zufrieden. Und das merkt man ihr an.

Der Verstand wird automatisch freier, wenn man aufräumt?

In jedem Fall erlebt er eine klassische Lernerfahrung: Die besagte Klientin hat erkannt, dass sie selbst bestimmen kann, was ihr gut tut und was ihr Freude macht – und dass es in Ordnung ist, alles andere auszusortieren.

Das Aufräumen ist also nur der erste Schritt.

Es ist ein Schritt, der das eigene Bewusstsein schärft. Und dieses Bewusstsein verändert sich dann natürlich auch in anderen Bereichen, zum Beispiel bei der Arbeit. Und ganz besonders in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen: Wenn man feststellt, dass eine Freundschaft oder Liebe einem nicht gut tut, dass sie einem keine Freude bringt, kann man diese nach dem Anwenden meiner Methode oft auch leichter gehen lassen.

Bei alledem scheint es, als lege Ihre Methode einen Finger in die Wunde unserer Gesellschaft. Liegt das daran, dass die Welt, in der wir leben, zunehmend komplexer wird?

Absolut! Unsere Welt ist voller Chaos. Und bei vielen beginnt es schon in den eigenen vier Wänden. Von einem gut organisierten Zuhause aus bekommen wir aber auch einen aufgeräumteren Blick auf die Dinge, die uns umgeben, und sortieren mit unseren Dingen auch unsere Denkansätze und Wertvorstellungen besser.

Bei Ihnen selbst ist es sicher schon sehr ordentlich. Wann wenden Sie selbst Ihre Methode noch an?

Wenn ich reise. Die Kleider, die ich im Koffer mitnehme, rolle ich auf oder falte sie so, dass sie hochkant stehen können. So spare ich Platz.

Und welche Dinge bekommen diesen wertvollen Platz?

Natürlich halte ich es auch unterwegs sehr minimalistisch. Ich brauche nur ein paar Kleidungsstücke, meinen Lieblings-Pyjama und gegebenenfalls Business-Kostüme. Und immer dabei habe ich den Tee eines legendären japanischen Tee-Meisters und ein paar Düfte.

Düfte?

Genau. Ich habe verschiedene ätherische Öle aus Japan, die ich abends gern zum Runterkommen und Einschlafen verwende. Sehr entspannend!

Apropos entspannend: Zu Hause haben Sie eine Zen-Ecke. Wie sieht es dort aus?

Ja! Die befindet sich in meinem Kleiderzimmer und ist eigentlich weniger eine Ecke als eine antike Box. Darin bewahre ich meine persönlichen Dinge und meine kleinen Schätze auf. So eine Ecke oder Kiste braucht wahrscheinlich jeder.

Vielen Dank für das Interview!