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„Was ich mache, ist vergänglich. Es wird irgendwann vorbei sein.“

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Die zeitgenössische Tänzerin Casia Vengoechea spricht mit uns über Stärke, Härten, Ausgewogenheit und das, was wichtig ist.

Es ist am Tag vor ihrer OP. Die 25 Jahre alte Casia Vengoechea geht zum Bühneneingang der Königlichen Oper Stockholm. Sie dehnt und biegt ihren Hals, knackt mit ihrem Ellbogen und lächelt uns entgegen. Sie verzichtet auf die morgendliche Ballettklasse, um mit uns über Stärke, Härten, Ausgewogenheit und das, was wichtig ist, zu sprechen.

© Gabriel Tamez

Casia gilt bereits seit Beginn ihrer Karriere als eine der talentiertesten zeitgenössischen Tänzerinnen der Szene. Sie hätte die renommierte Harvard University besuchen können, entschied sich aber dagegen. Vorerst. Stattdessen wollte sie ihre Tanzkarriere so lange verfolgen, bis sie „das nicht mehr tun kann.“ Von der Juilliard School in New York nach Den Haag und nun Stockholm. Sie folgt einem Bedürfnis, die Ausdruckspotenziale des menschlichen Körpers – ihres Körpers – auszuloten. Ihre Physiognomie ist archetypisch für klassische Balletttänzerinnen: groß, überaus biegsam und gelenkig, und sie besitzt eine außerordentliche Stärke. Sie wäre die perfekte Besetzung für ein klassisches Stück. Casias Arbeit weicht aber von den konventionellen Linien, Formen und musikalischen Mustern des klassischen Balletts ab. Der moderne Tanz von heute konzentriert sich auf Tänzer und Körper, auf die Physikalität von Gewicht und Geometrie. Er nimmt ein vorgegebenes Vokabular und erweitert es um eine willentliche Verletzung der ursprünglichen Syntax: Es entstehen neue Bedeutungen und neue Ausdrucksformen.

© Krystian Bandzimiera

Um mehr zu erfahren, folgen wir Casia durch ein Gewirr schmaler Korridore und klettern in einen engen Aufzug, um dann im Übungssaal im obersten Stockwerk der Oper auszusteigen. Hier setzen wir uns auf den Fußboden und beginnen das Interview:

Sie haben sich nach der High School gegen Harvard und für den Tanz entschieden. Warum?

Ich war auf der Suche nach Ausgewogenheit zwischen geistiger und physischer Anregung. Und ich musste mich befreien. Das konnte ich mit dem Bewegen und Biegen meines Körpers erreichen. Tanz ist eine physische Befreiung, die gleichzeitig auch intellektuell befreit. Die Improvisation ist herausfordernd und bedarf einer Einheit von Geist und Körper. Das heißt durch das Durchbrechen musikalischer Muster versucht man, mit Gewohnheiten zu brechen. Und ich kämpfe ununterbrochen gegen meine Gewohnheit an, in alte Gewohnheiten zu verfallen (lächelt). Ein anderer Grund für meine Entscheidung für den Tanz war, dass ich es tun musste, bevor mein Körper nicht mehr dazu in der Lage war.

Was Sie tun ist intensiv, es belastet Gelenke und Glieder. Sie riskieren Verletzungen und Schmerzen. Trotzdem tun Sie es noch immer.

Meine Arbeit ist vergänglich und flüchtig. Ich habe Blutergüsse an Beinen und Körper, die mir meine physischen Grenzen aufzeigen. Und ich kann das nicht ewig machen. Das ist einer der Gründe, warum ich mich entschieden habe, es jetzt zu tun, solange ich es kann. Aber hauptsächlich tue ich es, weil ich das Tanzen liebe.

Manche Profitänzer arbeiten selbst, wenn sie verletzt sind. Kann das Ihrer Ansicht nach als eine Form der Stärke gesehen werden?

Wenn man jung ist, denkt man das vielleicht. Und alle haben es aus unterschiedlichen Gründen schon gemacht. Aber es gibt Möglichkeiten, das zu vermeiden. Ich würde bestimmte Dinge nicht erzwingen.

Warum?

Weil ich später auch noch ohne Schmerzen mit meinen Kindern herumrennen, mit ihnen spielen und auf einen Baum klettern können will. Ich habe DAMIT (zeigt auf ihr Bein) getanzt, aber ich weiß, dass ich Verantwortung übernehmen und langfristig denken muss, um weiterhin das machen zu können, was ich liebe.

© Krystian Bandzimiera

Weshalb Sie morgen auch eine OP haben?

Ja, ich hätte sie verschieben und mit dem Ballett auf Tour gehen können, aber ich möchte das in Ordnung bringen lassen.

Erzählen Sie uns von Ihrem Alltag. Und wie Sie damit umgehen.

Mir gefällt diese Routine. Ich gehe in die Klasse, schwitze und bin nach einem langen Arbeitstag müde. Man bekommt dieses zufriedene Gefühl der Erschöpfung, wenn nach dem Üben alles schmerzt.

Wann wissen Sie, dass Sie etwas erreicht haben?

Das kann nach dem Ausführen eines geplanten, aber schwierigen Schritts sein. Dann gibt es noch die „Leistung', jemanden mit seinem Tanz zu berühren. Jemanden zu erreichen. Mit jemandem zu sprechen. Das ist so viel mehr wert.

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    © Christopher Collin
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    © Krystian Bandzimiera
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    © Christopher Collin
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    © Krystian Bandzimiera

Zum Beispiel ...

... war ich in Mexiko und habe dort Workshops mit Kindern durchgeführt, die nur Balletttanz kannten. Ich konnte ihnen das Gefühl von etwas ganz anderem vermitteln. Nach einer Woche konnte ich schon sehen, wie es die Art verändert hat, mit der sie sich selbst beim Tanz außerhalb der Grenzen einer Ballettklasse sehen. Man kann diese Dinge freisetzen, indem man die Kinder unterstützt und in ihrem eigenen Weg bestärkt.

Können wir diese Freiheit erreichen?

Seien Sie einfach offen dafür zu versagen. Es ist nicht so ganz einfach, wenn man glaubt, dass man etwas zu verlieren hat. Es ist leichter, nichts zu tun. Denn außerhalb der Komfortzone ist das Unbekannte und man hat keine Ahnung, was da auf einen wartet.