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Tainá Guedes und Mottainai: Von der Achtsamkeit – und wie wir die Verschwendung besiegen

Foodkünstlerin Tainá Guedes lächelt
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Die Foodkünstlerin Tainá Guedes erzählt im Interview, wie sie ein Zeichen gegen Lebensmittelverschwendung setzen möchte – und was es mit dem Begriff „Mottainai“ auf sich hat.

Tainá Guedes ist Köchin – und Künstlerin. Ihr Arbeitsmaterial sind Lebensmittel, nicht aus Plastik, sondern echt, frisch. Mit ihnen spielt sie, um ein Zeichen gegen Verschwendung zu setzen. Warum das ganz und gar nicht zynisch ist und ob ihre Ausstellungsstücke am Ende auch tatsächlich alle gegessen werden, erzählt sie uns im Interview.

Tainá Guedes und eine ihrer Kunstinstallationen

Tainá Guedes, gebürtige Brasilianerin, war ein quirliges Kind. Alle fünf Minuten braute sich eine neue Idee in ihrem Kopf zusammen und verlangte nach Aufmerksamkeit. Die Freiheit, diesen Ideen nachzujagen, gab ihr ihre Mutter, eine Japanerin, Lehrerin für Kunst und Literatur – und Tainá wäre heute nicht eine der spannendsten Food-Aktivistinnen Deutschlands, hätte sie es nicht getan.

„Mein Vater starb, als ich 11 Jahre alt war. Er war Künstler und arbeitete in Brasilien mit sehr bekannten Persönlichkeiten zusammen. Sein früher Tod hat mich natürlich geprägt, plötzlich war meine Mutter allein und durch die Krise in Brasilien wussten wir auf einmal nicht mehr, womit wir unser Essen bezahlen sollten. Ich half meiner Mutter dabei, die Familie zu versorgen, und kochte oft. Mit 13 Jahren hatte ich meinen ersten Job als Produktionsassistentin beim Radio und mit 19 habe ich gemeinsam mit Partnern mein erstes eigenes japanisches Restaurant gegründet“, erzählt sie. Auf das erste Restaurant folgten weitere; neun Jahre lang managte Tainá sie und gründete nebenbei ein Unterwäsche-Label. Es lief gut – doch dann kamen die Zweifel. „Ich habe mich gefragt, was ich da eigentlich mache. Ist mir das wichtig? Oder mache ich es einfach, weil ich es eben schon immer gemacht habe?“, fragt sie. „Mir wurde klar, dass es zu viel war. Zu viel Fashion, zu viel Oberflächlichkeit. Ich wollte etwas Sinnvolles machen, etwas, das wirklich eine Bedeutung hat. Also bin ich Vegetarierin geworden.“

Den Sinn, den Tainá Guedes für ihre Arbeit gesucht hat, hat sie im Essen gefunden – oder besser: in der Wertschätzung dafür. Darum geht es ihr in allem, das sie tut. Und sie tut viel. 2006 kam sie für eine Stelle als Köchin aus São Paulo nach Berlin. Die Stelle bekam sie überraschend doch nicht und stand in Deutschland deshalb vor dem Nichts. Heute betreibt sie die Entretempo Kitchen Gallery in Berlin, ist seit 2015 Initiatorin und Veranstalterin der Food Art Week, die vom 22. bis zum 29. September in Bologna stattfindet und bald den Sprung von Europa nach Amerika wagen soll, und hat gerade ein neues Kochbuch herausgebracht: „Die Küche der Achtsamkeit“, Stichwort: Mottainai. So steht es im Untertitel. Aber was soll das bloß bedeuten?

Wir müssen den Dingen mehr Respekt entgegenbringen. Tainá Guedes

„Mottainai ist ein Begriff aus dem Buddhismus“, erklärt Tainá und lacht. „Er steht dafür, achtsam mit den Dingen umzugehen und ihnen Respekt entgegenzubringen.“ Kennengelernt habe sie den Begriff im vergangenen Jahr. Er habe ihr Leben verändert, sagt sie, obgleich die Philosophie dahinter über 3.000 Jahre alt und doch eigentlich ganz selbstverständlich sei: „Wir haben so viel Wertvolles überall, aber wir sehen es nicht mehr. Wertschätzung hat in unserem modernen Leben keinen Platz. Wir kaufen immer mehr und immer neue Dinge, ohne die Zusammengehörigkeit zu verstehen. Dabei ist es doch so, es hängt alles zusammen. Darum geht es mir auch in meinem Buch. Es gibt viele Rezepte, aber auch viele Geschichten, denn wir müssen wieder lernen, das Ganze zu sehen und unser Essen zu verstehen. Diese ganzen Begriffe, Nachhaltigkeit, Local, Bio, Fairtrade – die sind nett und wichtig, aber sie beschreiben immer nur einzelne Aspekte, die man doch eigentlich gar nicht voneinander trennen kann. Dafür steht Mottainai.“

zwei Frauen pusten Staub von ihren Händen

So viel zur Theorie. Aber auch von der Praxis hat Tainá Guedes genaue Vorstellungen. Die Lebensmittel, die sie für ihre Kunstwerke verwendet, werden von den Besuchern ihrer Ausstellungen aufgegessen. Was doch übrig bleibt, spendet sie an Tafeln, mit denen sie zusammenarbeitet, oder stellt es über Foodsharing-Plattformen zur Verfügung. Sie entwickelt Rezepte mit Bananenschalen (ja, tatsächlich) oder übrig gebliebenem Brot. „Als Konsument haben wir die Macht zur Veränderung“, sagt sie. „Und ja, diese Veränderung ist machbar. Viele fragen sich dann, wo sie anfangen sollen oder was sie denn mit den Problemen in Indien oder Afrika zu tun hätten, wie sie gegen etwas, das so weit weg ist, überhaupt etwas tun könnten. Aber es ist ganz einfach. Wir müssen nur verstehen, dass Essen politisch ist. Jedes Mal, wenn wir in den Supermarkt gehen, entscheiden wir nicht nur für uns, sondern auch für viele andere Menschen, für die Tiere und für unsere Umwelt. Jede unserer Entscheidungen nimmt Einfluss auf die Zukunft. Das müssen wir erkennen.

Stell’ dir vor, wir haben plötzlich keine Überproduktion, keine Industrialisierung unseres Essens, keine Verarbeitung mehr. Und wir wissen, woher unsere Lebensmittel kommen. Tainá Guedes

Immer wieder trifft Tainá auf Menschen, die ihre Gedanken zwar verstehen, aber meinen, sie hätten keine Zeit, kein Geld oder mitten in der Großstadt keine Gelegenheit, nachhaltiger, besser, bewusster zu konsumieren. Mottainai zu leben. Doch das seien Ausreden aus Bequemlichkeit, die lässt sie nicht gelten. Heutzutage gebe es keine Entschuldigung mehr dafür, dass man auf Regierungen warte, anstatt selbst zu handeln, ist sie überzeugt. Wie dieses Handeln aussehen könne? So: „Solidarische Landwirtschaft, hast du davon schon einmal gehört? Ein Landwirt produziert Lebensmittel für eine Gruppe von Kunden, ganz nach Bedarf, bio natürlich, regional, und die Kunden helfen zweimal pro Jahr auf den Feldern und lernen, woher ihr Essen überhaupt kommt. Das ist ein ganz einfaches Modell, aber die Auswirkungen sind riesig. Wir haben plötzlich keine Überproduktion mehr, keine Industrialisierung unseres Essens, keine Verarbeitung, nur noch ganz natürliche Lebensmittel, von denen man sogar weiß, woher sie kommen“, erklärt sie. Und wem das zu aufwendig sei, der könne schließlich schon einen Beitrag leisten, indem er regional und saisonal einkaufe, nach Möglichkeit bio, und doch bitte keine Produkte aus Neuseeland und Kolumbien. So könne auch der Einzelne viel bewirken. Doch das Wichtigste, das jeder von uns tun könne, sei dies: zu erkennen, dass der Hunger auf der Welt verbunden ist mit der Verschwendung, dem Kaufen und Wegwerfen, das wir für selbstverständlich halten.